Bildung

Seine Rente investiert er ins Studium statt in Urlaube

Rainer Schwenteck studiert im Alter von 75 Jahren an der Uni Wuppertal Philosophie. Derzeit verfasst er eine Hausarbeit über Hegel. Foto: Roland Keusch
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Rainer Schwenteck studiert im Alter von 75 Jahren an der Uni Wuppertal Philosophie. Derzeit verfasst er eine Hausarbeit über Hegel.

Der 75-jährige Rainer Schwenteck studiert an der Bergischen Universität Wuppertal Philosophie.

Von Manuel Böhnke

Remscheid. Auf Freizeitvergnügen und Urlaube hat Rainer Schwenteck seit 2014 weitestgehend verzichtet. Seine Rente investierte der Hastener lieber in Fachliteratur. Eine kleine Privatbibliothek ist so im Laufe der Jahre entstanden. Davon profitiert er beim Recherchieren für Hausarbeiten und Vorträge. Der 75-Jährige studiert an der Bergischen Uni Philosophie.

Es ist nicht Schwentecks erstes Studium. Nach seinem Abitur am Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium machte er sich auf, Jurist zu werden. Nebenbei gab er Tennisstunden. Kurz vor seinem Examen bekam der gebürtige Berliner ein Angebot: Ob er nicht Lust habe, Trainer eines Wuppertaler Vereins zu werden. Mit Blick auf die nahenden Herausforderungen lehnte er ab. Zunächst.

Am Ende ließ er sich überreden, einen Sommer auszuhelfen. „Das war natürlich Käse. Beschäftigt man sich längere Zeit nicht mit der Universität, kommt man irgendwann raus“, blickt der 75-Jährige zurück. Er tauschte die Bibliothek gegen den Tennisplatz. „Ich bin den Weg des geringsten Widerstands gegangen und habe gutes Geld verdient“, gesteht Schwenteck lachend. Sein weiteres Berufsleben sollte er Tennistrainer bleiben. Seine Entscheidung bereut er nicht. Sich als Jurist im Alltag mit Nachbarschaftsstreitigkeiten rumschlagen zu müssen, das wäre ihm „zu trivial“.

„Da kriegt man am Ende eine Urkunde wie bei den Bundesjugendspielen.“
Rainer Schwenteck über ein Seniorenstudium

Schwentecks Interesse für Philosophie weckte ein Präsent: Ein Bekannter schenkte ihm Arthur Schopenhauers Gesamtwerk. Als Rentner schrieb er sich schließlich in Wuppertal ein. Das war 2014. „Ich sagte mir: Jetzt hast du die Zeit. Diese Chance musst du wahrnehmen.“ Denn die Philosophie ist kein einfaches Fachgebiet. „Wer die Texte wirklich verstehen möchte, muss ausgeruht sein“, sagt der 75-Jährige.

Unterhält man sich mit Rainer Schwenteck, kommt das Gespräch schnell auf Aussagen und Theorien bekannter Philosophen. Es verwundert deshalb kaum, dass der Remscheider auf die Frage nach seiner Motivation mit einem Zitat Immanuel Kants antwortet. „Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer Gattung ihrer Erkenntnisse: dass sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann; denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann; denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft“, hat der in seiner „Kritik an der reinen Vernunft“ geschrieben. Sich mit diesen Fragen zu beschäftigen, eine Position zu ihnen zu finden, ist Schwentecks Antrieb.

Der Remscheider ist überzeugt: „Im Grunde ist es der Auftrag des Menschen, seine geistigen Fähigkeiten einzusetzen.“ Und er findet Begeisterung daran. Mit jedem Text, jedem neuen Autor stoße er ein Fenster zu neuem Wissen, anderen Sichtweisen auf. Genau darin bestehe das Abenteuer die Philosophie: Dass die Suche nach dem „wahren Wissen“ niemals aufhöre.

Rainer Schwenteck studiert im 12. Semester. Wegen der Pandemie finden derzeit keine Präsenzveranstaltungen statt. Für den 75-Jährigen ist das keine schöne Zeit. Normalerweise fährt er zwei- bis dreimal pro Woche mit dem Bus an den Campus. Gerade einmal 25 Minuten braucht er von Tür zu Tür. In den Hörsälen und Seminarräumen sitzt er neben Studenten, die häufig knapp 50 Jahre jünger sind als er. Der Remscheider genießt den Kontakt zu seinen Kommilitonen, mit einzelnen bleibt er trotz des Lockdowns in Verbindung. Wegen seiner Tätigkeit als Tennistrainer habe er die Anknüpfung an jüngere Generationen nie verloren. „Wir haben ein fröhliches Verhältnis.“

Ein Seniorenstudium wäre für den 75-Jährigen niemals infrage gekommen: „Da kriegt man am Ende eine Urkunde wie bei den Bundesjugendspielen.“ Er möchte einen richtigen Abschluss und befindet sich auf einem guten Weg. Aktuell liege sein Notenschnitt bei etwa 2,0.

Obwohl er keinen zeitlichen Druck hat, sagt Schwenteck: „Corona hat mich etwas ausgebremst.“ Untätig ist er jedoch nicht. Jeden Tag arbeitet er an einer Hausarbeit über Hegel. Er schreibt den Text per Hand, Freunde tippen ihn später auf dem Computer ab. Das Beschäftigen mit dem Originaltext und Sekundärliteratur strengt ihn an, der 75-Jährige muss sich seine Kräfte gut einteilen. Bei zu großer Anstrengung würde er die Lust am Studieren verlieren. Um die Freude zu erhalten, muss er einen Mittelweg finden. Bislang gelingt ihm das: „Die Sache ist ungeheuer lebendig für mich.“

Allmählich neigt Rainer Schwentecks Bachelor-Studium dem Ende zu. Seine Abschlussarbeit möchte er eventuell über Schopenhauer schreiben. Literatur hätte er schließlich bereits. Wie es danach weitergeht, weiß der Remscheider noch nicht. Als Masterstudent? Oder Dozent an der Volkshochschule? Sicher ist: Der 75-Jährige möchte sich weiterhin mit Philosophie beschäftigen. „Ich habe längst nicht alles verstanden.“

Studium für Ältere

Die Bergische Uni bietet Studienangebote für Ältere. Sie richten sich auch an Menschen ohne Abitur. Sie erhalten eine wissenschaftliche, jedoch nicht berufsqualifizierende Weiterbildung. Zur Wahl stehen verschiedene Sozial- und Geisteswissenschaften. Weitere Infos unter Tel. (02 02) 4 39 32 55 oder im Netz.

www.zwb.uni-wuppertal.de

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