Montagsinterview

Karsten Neldner: „Schulen stehen unter großem Druck“

Karsten Neldner ist Vorsitzender der Stadtschulpflegschaft Remscheid. Er weiß: An den Schulen wird es eng.
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Karsten Neldner ist Vorsitzender der Stadtschulpflegschaft Remscheid. Er weiß: An den Schulen wird es eng.
  • Axel Richter
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Corona, Lehrermangel, Raumnot und Kinder aus der Ukraine: In dieser Woche beginnt das neue Schuljahr.

Das Gespräch führte Axel Richter

Herr Neldner, in dieser Woche beginnt die Schule wieder. Die Kinder starten ins dritte Schuljahr der Corona-Pandemie. Hinzu kommen Lehrermangel und Kinder aus der Ukraine, die zu unterrichten und zu integrieren sind. Sind die Schulen dem Druck gewachsen?
Karsten Neldner: Die Frage stellt sich so nicht. Sie müssen dem Druck gewachsen sein. Denn was ist die Alternative
Sagen Sie es mir.
Neldner: Die Schulen stehen vor großen Herausforderungen. In den weiterführenden Schulen werden die Kinder aus der Ukraine in so genannten Willkommensklassen aufgenommen. Das ist dort gut geregelt. Die Grundschulen müssen die Integration der Kinder dagegen ganz allein schaffen. Zugleich haben wir viele i-Dötzchen. Es dürfte also in jedem Fall eng werden. Und die 10 000 Lehrerinnen und Lehrer, die uns die Ministerin versprochen hat, sind ja auch noch nicht da.
Sie sprechen die neue NRW-Schulministerin Dorothee Feller selbst an. Welchen Eindruck haben Sie von ihr?
Neldner: Ich glaube, sie hat am Anfang sehr viel richtig gemacht, indem sie frühzeitig vor Beginn des neuen Schuljahres mit ihren Corona-Plänen an die Schulen und an die Öffentlichkeit gegangen ist.
Bei ihrer Vorgängerin ging so etwas ja eher auf den letzten Drücker.
Neldner: Ja, es konnte nur besser werden.
Die Ministerin setzt auf Eigenverantwortung. Es gibt an den Schulen keine Pflicht zum Tragen einer Maske, doch gilt die Empfehlung, das auf freiwilliger Basis zu tun. Was werden die Schulen in Remscheid tun?
Neldner: Ich habe von dort noch keine Signale, aber ich gehe davon aus, dass sie es ebenso halten wie zuvor. Damals wurde den Schülerinnen und Schülern das Tragen der Maske empfohlen. Es gab darüber auch keinen Dissens an den Schulen.
Zu Schulschließungen soll es nicht mehr kommen. Welche Folgen haben Sie unter den Kinder und Jugendlichen beobachtet?
Neldner: Psychosoziale Folgen, die heute noch nachwirken. Die Kinder haben viel Zeit vor dem Fernseher oder dem Laptop verbracht. Viele sind sich fremd geworden. Das soziale Miteinander hat gelitten. Aber das gilt ja auch für viele Erwachsene. Einige wollen ja gar nicht mehr aus dem Homeoffice heraus.
Corona hat die Schwächen der Schulen deutlich gemacht. Die technische Ausstattung ließ zu wünschen übrig. Hat sich daran in Remscheid etwas Grundsätzliches geändert?
Neldner: Corona hat der Digitalisierung der Schulen einen Schub gegeben. Die Frage bleibt, wie zum Beispiel die Anschaffung von digitalen Endgeräten finanziert wird. Heute herrscht Lernmittelfreiheit, das heißt, die Eltern zahlen ein Drittel der Anschaffungskosten zum Beispiel von Büchern selbst. Ein gutes Laptop kostet rund 500 Euro. Danach müssten die Eltern rund 170 Euro selbst zahlen. Das sehe ich nicht.
Das heißt, der Staat beziehungsweise die Stadt sollte die Kosten tragen?
Neldner: Oder die Familien leisten allenfalls einen geringen Beitrag zur Anschaffung. Bildung darf nicht abhängig sein vom Portemonnaie der Eltern. Das gilt aus meiner Sicht übrigens auch für so wichtige Veranstaltungen wie „Mein Körper gehört mir“ zur Vorbeugung von sexuellem Missbrauch. Darin lernen Kinder, bestimmt Nein zu sagen. Die eine Schule kann so etwas leichter finanzieren als andere. Ich finde, für so etwas muss es eine einheitliche Finanzierung geben.
Welchen Aufgaben stellen Sie sich noch im Schuljahr?
Neldner: Wir müssen uns um das Problem der Elterntaxis kümmern. An einigen Grundschulen, aber auch an weiterführenden Schulen kommt es immer wieder zu unschönen Szenen. Dazu hat jetzt ein erster Workshop stattgefunden. Wir wollen versuchen, die Eltern stärker zu sensibilisieren.
Das versucht die Polizei auch.
Neldner: Ja, ich weiß. Manchen scheint es sogar egal zu sein, wenn sie ein Knöllchen riskieren. Die sagen dem Polizisten ins Gesicht: Dann schreiben Sie mich doch auf.
Beschäftigen die beweglichen Ferientage Sie noch? Es gab einmal den Versuch, sie in Remscheid zu vereinheitlichen, damit Eltern, deren Kinder verschiedene Schulen besuchen, ihre Urlaubstage besser planen können.
Neldner: Wir haben es versucht und dann aufgegeben. Wir haben 32 Schulen in Remscheid und am Ende gab es viele, die Gründe gegen eine einheitliche Regelung hatten. Jetzt entscheiden die Schulkonferenzen weiterhin autonom.
Sind Sie manchmal frustriert?
Neldner: Nein. Aber sie haben recht, es geht mir manchmal zu langsam voran. Aber wir sind ein starkes Team, das in der Remscheider Politik Gehör findet. Darüber bin ich heute sehr froh. Und am Ende tun wir ja alles, was wir tun, für die Kinder. Und dafür lohnt sich der Einsatz allemal.

Zur Person

Karsten Neldner (53) ist verheiratet und Vater von zwei Töchtern, 13 und 8 Jahre alt. Der Remscheider besuchte die Grundschule Hasenberg und das Röntgen-Gymnasium in Lennep. Neldner ist Energieelektroniker bei der EWR GmbH. Seit zwei Jahren ist er Vorsitzender der Stadtschulpflegschaft Remscheid und seit sechs Jahren Fördervereinsvorsitzender der GGS Walther-Hartmann, wo seine jüngere Tochter die 3. Klasse besucht. An der Sophie-Scholl-Gesamtschule ist Neldner Schulpflegschaftsvorsitzender. Seine ältere Tochter besucht dort die 8. Klasse.

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