Arbeitsagentur

Schüler sind alleine oft überfordert

Auch vor Ort berät die Agentur für Arbeit, die sich auch als Dienstleister für die Jugendlichen versteht.
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Auch vor Ort berät die Agentur für Arbeit, die sich auch als Dienstleister für die Jugendlichen versteht.

Anne Sela und Kai Schmied von der Agentur für Arbeit unterstützen junge Leute auf dem Weg in den Beruf.

Von Theresa Demski

Wermelskirchen. Die Zahlen der Schüler, die einen Ausbildungsplatz suchen, sinken. Der Ruf der Arbeitgeber nach Azubis wird lauter. „Wir erleben, dass die Erwartungen beider Seiten häufig nicht vereinbar sind“, sagt Anne Sela. Genau wie Kai Schmied ist sie für die Berufsberatung bei der Agentur für Arbeit im Einsatz.

Anne Sela.

Beide sind in Schulen unterwegs, um mit Jugendlichen mindestens ein Jahr vor ihrem Abschluss ins Gespräch zu kommen, unabhängig von der Schulform. Sie wollen den Weg zwischen Ausbildungsbetrieben und Jugendlichen ebnen. „Vor allem geht es uns aber darum, die Schüler zu befähigen, am Ende ihrer Schulzeit eine fundierte Entscheidung zu treffen“, sagt Anne Sela.

Dabei gibt es gleich mehrere Herausforderungen: „Wir erleben in unserem beruflichen Alltag häufig, dass Schüler mit Blick auf die Berufswelt nach der zehnten Klasse überfordert und ideenlos sind“, sagt Anne Sela. Informationen gebe es dank des „Internets in der Hosentasche“ im Überfluss. Die Berufsbilder seien so vielseitig, dass den Schülern meist der Überblick fehle.

„Schüler meiden dann die Entscheidung“, sagt Kai Schmied, „sie warten auf eine bessere Variante.“ Liegt ihnen also das Angebot eines Unternehmens für einen Ausbildungsplatz vor, unterschreiben sie lieber nicht – es könnte ja etwas Besseres kommen. „Das zeigt: Auch die Anspruchshaltung der Jugendlichen hat sich verändert“, sagt der Berufsberater. Die Bereitschaft, fünf Tage in der Woche acht Stunden lang zu arbeiten, schwinde. Wer in seinem Praktikum auf Baustellen kehren müsse, fühle sich schlecht behandelt.

Kai Schmied.

Nur noch ganz wenige Schüler hätten überhaupt einen Nebenjob. „Damit wir uns richtig verstehen“, sagt Anne Sela, „das ist kein Vorwurf an die Generation Jugend“. Sich selbst auf die Suche nach Informationen zu machen und sich selbst zu verpflichten: Das würden die Jugendliche heute nicht mehr lernen. Dazu kommt: Längst sei die Information bei den Schülern angekommen, dass viele Betriebe händeringend nach Fachkräften suchen. Aber: „Die Arbeit liegt trotzdem nicht auf der Straße“, sagt Kai Schmid, „es ist längst nicht in allen Branchen möglich, auch zu einem späteren Zeitpunkt noch eine Ausbildungsstelle zu finden.“

Also ermutigen die Berufsberater die Schüler, eine Entscheidung zu treffen. Es gehe darum, sich frühzeitig auszuprobieren, in verschiedene Richtung zu denken, sich zu bewerben und so seinen Marktwert zu testen, sagt Anne Sela. „Und oft müssen wir auch Vorurteile aufweichen“, sagt sie. Dann käme ein Schüler in den Raum und erkläre, er wolle Dachdecker werden. Sie freue sich darüber und biete ihm an, ihn mit Angeboten zu versorgen. Die Antwort des Schülers: „Nee, ich mach vorher noch Abitur.“

Dein Abitur ist nicht für jeden der beste Weg

Vor allem bei Eltern sei der Wunsch nach dem Abitur noch stark verankert – aber es sei oft gar nicht erforderlich. Junge Menschen würden sich gelegentlich auf dem Weg zum Abitur quälen, die Noten sacken ab, das letzte Zeugnis gebe dann kein gutes Bild ab. Ein Abitur sei nicht immer und nicht für jeden der beste Weg. „Aber wir sind nicht dafür da, Entscheidungen zu bewerten“, sagt Anne Sela, „wir freuen uns, wenn Jugendliche an den Punkt kommen, eine Entscheidung treffen zu können.“ Und das sei häufig der Fall.

Die Verantwortung, zueinander zu finden, liege nicht nur bei den Schülern, ergänzt Anne Sela. Beide Parteien müssten sich aufeinanderzubewegen. Schüler müssten von ihrer Anspruchshaltung runterkommen und Arbeitgeber verstehen, dass die heutige Generation der Jugendlichen eben nicht vergleichbar sei mit der Elterngeneration. „Bei vielen Arbeitgebern in der Region ist das schon angekommen“, sagt Anne Sela. Dann werden selbst für Auszubildende flexible Arbeitszeiten angeboten und Gimmicks wie Handys oder Tablets.

Wie steht es also um den Frust von Berufsberatern? „Kein Frust“, betonen Sela und Schmid. Im Gegenteil. Ärgerlich sei es, wenn man den Schülern hinterherlaufen müsse und Termine versäumt würden. Aber beide arbeiten gerne mit den Schülern. Was ihnen wichtig ist? „Authentisch sein“, sagen sie, „damit steht und fällt die Arbeitsbeziehung zu den Jugendlichen.“

Hintergrund

Stellen: Im Rheinisch-Bergischen Kreis wurden bislang 981 Berufsausbildungsstellen gemeldet – das sind 65 Stellen mehr als im Vorjahr. Davon sind aktuell noch 483 unbesetzt – 102 mehr als 2021. Die Arbeitsagentur in Bergisch Gladbach ist auch für Leverkusen zuständig.

Bewerber: Insgesamt 1174 Jugendliche suchten in diesem Jahr über die Agentur für Arbeit nach einer Ausbildungsstelle – 15 weniger als im Vorjahr. 441 gelten aktuell als unversorgt, fünf mehr als 2021.

Kontakt: Eine telefonische Berufsberatung ist möglich unter der Service-Hotline (08 00) 4 55 55 00 oder online unter:

www.arbeitsagentur.de/bildung/berufsberatung

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