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Dr. Schliermann: Gewalt hat lebenslange Folgen

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Kinderarzt Dr. Thomas Schliermann
  • Melissa Wienzek
    VonMelissa Wienzek
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Der Kinderarzt erklärt, wie belastende Erlebnisse Kinder in ihrer Entwicklung beeinträchtigen – Und wie Erwachsene noch darunter leiden.

Remscheid. Dass Gewalt in all ihren Facetten – sei sie psychisch oder physisch – Narben hinterlässt, ist unmissverständlich. Aber was lösen Gewalterfahrungen beim Kind aus? Und wie beeinflussen belastende Kindheitserlebnisse die gesamte Entwicklung? Denn die Auswirkungen bleiben bis ins Erwachsenenalter. Dr. Thomas Schliermann, Kinderarzt und Neuropädiater in der Ärztlichen Kinderschutzambulanz, erklärt die Zusammenhänge.

Was braucht ein Kind, um sich normal zu entwickeln?

Das junge Gehirn ist nach der Geburt noch in der Entwicklung. Die Billionen von Verknüpfungen entstehen erst durch Erfahrungen. Und das ist ein ganz entscheidender Punkt: Das Kind macht eine Erfahrung, diese wird gespeichert und formt so das Gehirn. Das geschieht im großen Maße in den ersten drei Jahren. Wichtig ist dabei die Eigenaktivität des Kindes: Es muss selbst laufen oder sprechen lernen. Aber dazu braucht es eine soziale Umwelt. „Umwelt heißt Beziehung, und Beziehung heißt Bindung zu den Hauptbezugspersonen, die dem Kind die Welt erschließen“, erklärt Dr. Schliermann. Kinder sind Forscher und wollen ihre Umwelt entwickeln. „Dafür brauchen sie positive, stimulierende Erlebnisse, die motivieren. Und eine sichere, stabile Bindung. Das ist ganz entscheidend für Lernfortschritte.“ Denn Kinder sind Sozialwesen. Auch Sprache entwickle sich nur im Dialog, nur in der lebendigen Interaktion. Und zwar schon sehr früh. Entwicklung dient dazu, sich in seiner Umwelt zu bewähren und Probleme zu lösen. Das ist das genetische Grundprinzip.

Was müssen Eltern tun?

Eltern müssen feinfühlig sein, auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen und ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen. Über die emotionale Reaktion der Mutter lernt ein Kind, sich zurechtzufinden: Was ist gut, was ist schlecht? Im Spiegel des Du entwickelt sich das Ich. „Aus einem sicheren Hafen heraus kann man auf den wilden Ozean des Lebens hinausfahren“, beschreibt Dr. Schliermann. Heißt: Nur, wenn eine sichere Bindung da ist, kann sich ein Kind auch von der Mutter entfernen, seine Umwelt erforschen, lernen, und sich zu einem selbstbewussten, autonomen Menschen entwickeln, der sich in der Welt zurechtfindet.

Was hemmt die Entwicklung?

Alle negativen Erlebnisse, zum Beispiel Flucht und Angst. Diese werden in einem speziellen Teil des Gehirns abgespeichert. So auch die belastenden Kindheitserlebnisse. Sie werden genauso gespeichert wie die positiven – und zwar ein Leben lang. „Beim Gehirn formt die Software die Hardware“, erklärt der Neuropädiater. „Gewalterfahrungen sind also wie eine Schadsoftware, die das Kind speichert.“ Nach dem Motto: So funktioniert die Welt. „Und es gibt beim Gehirn grundsätzlich keinen Resetknopf.“ Erfahrungen bleiben ein Leben lang. So natürlich auch die positiven wie Glücksgefühle, wenn etwas gelingt, Neugier, Selbstwertgefühl.

„Gewalterfahrungen sind wie eine Schadsoftware, die das Kind speichert.“

Was passiert, wenn belastende Ereignisse auftreten?

Alle Studien weltweit gehen laut Dr. Thomas Schliermann dahin, dass sich belastende Kindheitserlebnisse massiv auf die psychische Entwicklung auswirken und zu körperlichen Folgeerscheinungen führen, die die Lebensqualität von Erwachsenen beeinträchtigen. „Die Täter kriegen maximal 14 Jahre, aber Kinder haben lebenslang“, formuliert es der Mediziner. Die körperliche Misshandlung an sich sei es nicht, wohl aber die damit einhergehende emotionale Misshandlung und Vernachlässigung. So sei auch Missbrauch nie isoliert zu sehen. „Es handelt sich dabei immer um eine gestörte Familien-Kind-Beziehung.“

Eine Mutter, die drogenabhängig ist oder psychisch krank ist, ist es dauerhaft. Damit ist also auch das Kind, das eine stabile Bindung braucht, dauerhaft beeinträchtigt. Belastende Erlebnisse sind zum Beispiel auch runterputzen, erniedrigen, beschämen, vor anderen lächerlich machen, vernachlässigen. „Das ist Misshandlung mit weitreichenden psychologischen Folgen.“ Man wisse aus Experimenten, wie abhängig Säuglinge vom dauernden Strom der Interaktion mit der Mutter sind. Schon ein Neugeborenes imitiert beispielsweise nur wenige Minuten nach der Geburt den Gesichtsausdruck der Mutter, um in Beziehung zu kommen. Eine depressive Mutter oder Eltern, die ein Suchtthema haben, können diese Interaktion nicht leisten.

Was geschieht im Gehirn?

Das junge Gehirn ist dauerhaft im Stress. „Wie ein Feuermelder, der permanent geht und das Kind begleitet“, sagt Schliermann. Das hat fatale Auswirkungen, denn diese Stresshormone stören andere sich vernetzende Hirngebiete. Studien anhand von MRT-Aufnahmen hätten gezeigt: Kinder mit schweren Gewaltkontexten haben ein kleineres Gehirn. Diese betroffenen Areale sind auch für das Sozialverhalten, Emotionen oder den Spracherwerb zuständig. Die Hirngebiete, die Angst und Stress produzieren, sind bei betroffenen Kindern größer als bei anderen, weil sie permanent gebraucht werden. „Es zeigt, wie wichtig es ist, dass wir früh intervenieren.“

Was ist die Folge?

Ein Kind, das permanent im Stress ist, weil es unter Gewalt groß geworden ist oder noch unter Gewalt lebt, ist unaufmerksam und schlecht in der Schule. „Belastende Kindheitserlebnisse kosten IQ-Punkte.“ Es sind neurobiologische Narben im Gehirn. Emotionale und soziale Entwicklung wie Verhaltenskontrolle, Selbstbewusstsein sind deutlich belastet. „Wir sehen es schon bei Säuglingen, die vernachlässigt wurden: Sie reagieren mitunter apathisch.“ Im Kindergartenalter zeigen diese Kinder ein schlechtes Sozialverhalten, sind passiv. Im jugendlichen Alter zeigen sich weitere psychische Folgeprobleme: Jungs, die auffällig sind im Sozialverhalten, impulsiv, mit wenig planerischem Denken. „In höherem Ausmaß wird diese Gruppe auch eher kriminell.“ Diese Kinder beobachten permanent ihre Umwelt: Kommt jetzt etwas Gefährliches? Das zweite Folgeproblem sind ängstliche und depressive Störungsbilder im Jugendalter, vor allem bei Mädchen, wie Essstörungen, bis hin zur Suizidalität. Die Folgen: schlechtere Bildungsabschlüsse, vermehrte Konflikte in Partnerschaften, oft auch promiskuitives Verhalten und selbst instabile Bindungen. „Diese jungen Mütter können sich selbst wiederum nicht gut auf ihre Kinder einstellen, sie sind selbst bedürftig. Eltern holen sich das an Fürsorge ab, was sie selbst nicht bekommen haben“, erklärt Dr. Schliermann.

Und wie ist es im Erwachsenenalter?

Auch Erwachsene sind im permanenten Stress. Borderline ist zum Beispiel eine typische Gewaltkonsequenzstörung. Psychosomatische Störungen sind an der Tagesordnung: Depressionen, Essstörungen. Das gesundheitliche Risikoverhalten ist hoch. Eine repräsentative Studie aus den USA habe zudem gezeigt: Das Suchtverhalten ist bei diesen Menschen um ein Mehrfaches höher. Sucht als Lösungsversuch, um die Dauerstresserfahrung zu umgehen. Was wiederum gehäuft zu körperlichen Problemen wir Adipositas, Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes, Atemerkrankungen führt – und nicht zuletzt zum verfrühten Tod. Besagte US-Studien haben gezeigt: Hohe belastende Gewalterfahrungen im Kindheitsalter verkürzen die Lebenserwartung um bis zu 20 Jahre.

Gibt es eine deutsche Studie?

Ja. In Deutschland gab es laut Dr. Schliermann 2019 eine repräsentative Studie. 20 Prozent der deutschen Bevölkerung haben demnach angegeben, multiple belastende Kindheitserlebnisse mit entsprechende Folgeproblemen zu haben. 10 Prozent geben an, körperlich misshandelt worden zu sein, weitere 10 Prozent erklärten, emotional misshandelt oder vernachlässigt worden zu sein. 5 Prozent gaben sexuellen Missbrauch an. „Wir haben zudem fast 4 Millionen Kinder in Deutschland, die bei Eltern mit relevanten psychischen Erkrankungen oder mit Sucht aufwachsen. Das ist ein erhebliches Thema, was bisher noch gar nicht so in dem Ausmaß gesehen worden ist“, sagt Dr. Thomas Schliermann.

Das können Nachbarn und andere tun: Jeder sollte wachsam sein und einem Kind erklären: „Du kannst es mir erzählen.“ Nachbarn können mit der betroffenen Familie ins Gespräch kommen. Zudem kann sich jeder beim Jugendamt zum Thema Kinderschutz beraten lassen. Selbst eine Meldung bleibt anonym.

Letzter Teil: Dies war der letzte Artikel der diesmaligen Berichterstattung zu „Helft uns helfen“. Alle Artikel können hier nachgelesen werden:

www.rga.de

RGA-Leser haben mittlerweile über 53 200 Euro gespendet

Diese Leser haben bereits gespendet, wofür wir uns herzlich bedanken: Marion und Rainer Wetter, Ute Kosanetzky, Filomena Merten, Marliese und Alois Buss, Udo und Ingrid Rabe, Roland Wegner, Fred und Rita Zimmermann, Helmut und Carmen Lange, Veronika Dahl, Karsten Loosen, Karin Hepp, Michael und Sabine Schrodt, Axel und Hermine Hack, Manfred Fritz Platte, Wolfgang Kopittke, Carmen Lepperhoff, Wolfgang Bödecker, Bernd und Susanne Schumacher, Bettina und Lutz Heinrichs, Hans-Otto und Mechthild Heming, Inge und Horst Koonen, Hans J. und Ursula Meyer, Peter und Marion Scherer, Angelika Bast, Ulrike Hahn-Wollnitz, Brigitte Maar, Peter Binczek, Frank und Birgitta Henkel, Diether und Gisela Blumentritt, Helga Heidtmann, Brigitte Lesenich, Jürgen und Gertrud Böhm, Marianne Peters, Ursel Ewert, Rolf und Marga Schmeisser, Fritz und Erika Kleuser, Walter und Ursula Kühhirt, Barbel Zimmermann, Dietrich und Gerda Waldow, Karl-E. und Erika Hohfeld, Gerda-Marie Landau, Rüdiger Schnor, Doris Fischer, Ursel Wolff, Helmar Kürten, Friedrich und Annette Thomas, Marianne Müller, Karin Rita Neumann, Harald Beeck, Heinz Georg August Ramb, Rudolf und Edda Drees, Rainer und Brigitte Leischner, Gunda Althoff, Kristina Tamm, Petra Bruns, Gabriele Humpert-Wachsmann, Ingrid Burkart, Harald Liebmann, Ada Schneider, Renate Wohlers, Gertrud Hahn, Dietmar Wulfing, Hans-Wilhelm Küllmer und Elke Küllmer-Lehnebach, Petra Schweitzer, Christa Hellmann, Erika und Karl-Heinz Mackau, Renate Maashoff, Ewa Kerstin Gondrom, Karl Peter und Renate Schmidt, Antje Else Ruth Voss, Klemens und Barbara Müller, Barbara Schmidt-Herzberg, Ute Boecker, Wolfgang und Heike Schmiedel, Helga Meyer, Ute Strasmann, Claus Dieter Weustermann

Kommentar von Melissa Wienzek

melissa.wienzek@rga-online.de

Das ist neuer Rekord. Die RGA-Leser haben in dieser Saison der RGA-Hilfsaktion „Helft uns helfen“ unfassbare 53 295 Euro gespendet. Ganz ehrlich, liebe Leserinnen und Leser, damit haben wir nicht gerechnet. Wir sind sprachlos vor Freude. Denn es herrschen nicht gerade rosige Zeiten. Corona erschwert unser aller Leben auf vielfältige Weise: Der Wirtschaft geht es schlecht, Kurzarbeit und Jobverlust drohen. Und gerade jetzt ist es umso erstaunlicher und erfreulicher, dass so viele RGA-Leser gespendet haben. Für zwei Projekte, die es wirklich wert sind. Denn in der Ärztlichen Kinderschutzambulanz kümmert sich das Team tagtäglich um missbrauchte und vernachlässigte Kinder. In der Hilda-Heinemann-Schule werden Kinder mit einer Einschränkung bestmöglich gefördert. Und das auf sehr kreative Weise und mit viel Liebe. Beide Einrichtungen können das Spendengeld sehr gut gebrauchen. Wir werden Sie, liebe Leserinnen und Leser, auch weiter auf dem Laufenden halten, was mit dem Spendengeld passiert. 

Im Namen von Verleger Bernhard Boll und mir ein ganz herzliches Dankeschön für all Ihre Spenden!

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