Mit Volldampf in den Ruhestand

Scharfer Abschied mit etwas „Pepp“ für 17 Grundschullehrerinnen

Heike Adolf (oben r.), Diana Ikemeyer (links daneben) und die anderen Vertreter des örtlichen Personalrats verabschiedeten 17 verdiente Kolleginnen in den Ruhestand.
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Heike Adolf (oben r.), Diana Ikemeyer (links daneben) und die anderen Vertreter des örtlichen Personalrats verabschiedeten 17 verdiente Kolleginnen in den Ruhestand.

17 Grundschullehrerinnen in den Ruhestand verabschiedet.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. Genau 17 Grundschullehrerinnen sind in Remscheid in den vergangenen zweieinhalb Jahren in den Ruhestand gegangen, nun wurden sie mit einer kleinen Feier im Schulamt verabschiedet. Zuletzt hatte es das im Februar 2020 gegeben, erinnerte sich Diana Ikemeyer, die Vorsitzende des Örtlichen Personalrats Grundschule: „Da hatten wir schon Corona, es war aber noch kein Lockdown.“ Wer erst danach in Pension ging, musste warten. Bis jetzt.

Ikemeyer nutzte die Gelegenheit, um ihren Kolleginnen für ihre „langjährige und wertvolle Arbeit“ zu danken. Und daran zu erinnern, wie außergewöhnlich ihre letzten Arbeitsjahre waren. Distanzlernen, Tests, Masken - „damit hätte wohl keiner gerechnet“. Für einige sei noch der Krieg in der Ukraine dazugekommen. „Und vom Lehrkräftemangel sprechen wir schon gar nicht mehr.“

Tat Schulrätin Heike Adolf dann aber doch. Der „Versetzung in den Ruhestand“ der Lehrerinnen, so das Amtsdeutsch für den Pensionsbeginn, hätte sie eigentlich gar nicht zustimmen dürfen, scherzte sie. Und erinnerte dann an eine ganz andere Zeit. Denn Mitte der 1980er Jahre, als die meisten der nun pensionierten Lehrkräfte ihr Studium abgeschlossen hatten, herrschte in Deutschland Lehrerüberschuss. „Sie haben zu einer Zeit angefangen, als man jungen Menschen nicht empfehlen konnte, Lehrer zu werden.“ Mindestens 61 000 arbeitslose Lehrkräfte zählte die Gewerkschaft GEW damals. Und das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ titelte in einer Ausgabe im Mai: „Mit Volldampf in die Sackgasse.“

In dem Jahr, als diese Titelgeschichte erschien, schloss auch Ilona Klug ihr Examen ab. „Ich hatte das Glück, direkt etwas zu finden“, erinnert sie sich. 38 Jahre später, davon 30 in der Grundschule Goldenberg, war im Sommer 2021 dann Schluss. „Ich bin froh, die große Verantwortung einer Grundschullehrerin los zu sein“, gibt sie gerne zu. Aber unterrichtet habe sie immer gern.

Da geht es ihr wie Heike Krause, zuletzt in der Grundschule Kremenholl aktiv, die sich diesen Sommer in den Ruhestand verabschiedete. „Ich bin immer mit Leidenschaft Lehrerin gewesen“, sagt sie. Aufzuhören, sei ihr wirklich schwer gefallen. So sehr, dass sie heute wieder unterrichtet, wenn auch in einem etwas anderen Rahmen. „Ich war drei Monate raus und es hat mir etwas gefehlt.“ Also unterstützt sie nun Schülerinnen und Schüler im Rahmen von Leistungen für Bildung und Teilhabe. Auch Ilona Klug kann es nicht ganz lassen, wie sie berichtet. Sie gibt Deutsch-Unterricht für Geflüchtete.

„Mir tun die jungen Kollegen wirklich leid, unter diesen Bedingungen arbeiten zu müssen“, sagt Klug mit Blick auf die heutigen Schulen. Lehrermangel, Corona, Klassengröße, die enorme Anzahl von Konferenzen würden den Beruf unattraktiv machen, meint sie. „Das Bildungssystem muss total verändert werden“, stimmt Kollegin Krause zu: „Weil wir den Schülern sonst nicht gerecht werden.“ Trotzdem sagt Ilona Klug, wer die Berufung in sich spüre, für den sei Lehrer auch weiterhin der richtige Beruf. Und sie weiß, wovon sie redet. Schließlich habe sie schon am Ende ihres ersten Schuljahrs verkündet, Lehrerin werden zu wollen. Und das dann auch umgesetzt.

Personalrätin Diana Ikemeyer wünschte ihren scheidenden Kolleginnen, dass sie ihren Ruhestand genießen mögen. Und sich „eher an die schönen Momente“ ihrer Arbeitszeit erinnern. Zum Abschied gab es für alle etwas „Pepp“, wie sie es nannte, eine Peperoni-Pflanze im Topf. Und Schulrätin Adolf griff den Spiegel-Titel noch einmal auf - und wünschte den Lehrerinnen einen Abflug „mit Volldampf in den Ruhestand“.

Hintergrund

Dass nach zweieinhalb Jahren Pause „nur“ 17 Lehrerinnen in den Ruhestand verabschiedet wurden, liege daran, dass die „große Pensionierungswelle“ an den Grundschulen schon vorbei sei, sagt GEW-Vertreterin Diana Ikemeyer. Tatsächlich sind Grundschullehrer statistisch gesehen vergleichsweise jung. NRW-weit waren laut statistischem Landesamt im Schuljahr 2019/20 nur 7,9 Prozent der Lehrkräfte an Grundschulen 60 Jahre oder älter. An Gesamt- (14 Prozent), Real- (15,8 Prozent) und Hauptschulen (22,1 Prozent) sieht das ganz anders aus.

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