Sana-Chefin im Interview

„Jede Ressource ist natürlich endlich“

Svenja Ehlers ist seit November 2018 Geschäftsführerin des Sana-Klinikums. Foto: Anke Dörschlen
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Svenja Ehlers ist seit November 2018 Geschäftsführerin des Sana-Klinikums.
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Sana-Chefin Svenja Ehlers über rote Ampeln, Hilferufe und die Stellschrauben, an denen sie noch drehen kann

Das Gespräch führte Axel Richter
Frau Ehlers, landauf landab warnen die Krankenhäuser vor einer Überlastung in der Corona-Pandemie. Wie ist die Lage im Sana-Klinikum?

Svenja Ehlers: Die Pandemie ist für uns jeden Tag eine Herausforderung. Die personellen Kapazitäten stellen sich aber glücklicherweise aktuell noch nicht anders dar als sonst. Wir haben derzeit, obwohl neben der Pandemie ja auch die jährliche Influenza-Saison begonnen hat, noch keinen besonders hohen krankheitsbedingten Personalausfall zu beklagen. Aktuell befinden sich elf Mitarbeiter aus dem klinischen Bereich in Quarantäne, drei aus dem ärztlichen Dienst und acht aus dem pflegerischen Dienst.

"Mittlerweile können wir jetzt 21 Betten mit maschineller Beatmung betreiben und könnten diese Kapazität auch nochmals erhöhen."

Svenja Ehlers

Trifft es zu, dass sich im Krankenhaus Pflegekräfte im Einsatz befinden, obwohl sie sich eigentlich in Quarantäne befinden müssten?

Ehlers: Aktuell trifft dies nicht mehr zu. Aber auch wir hatten einige wenige Mitarbeiter in einer sogenannten Pendlerquarantäne beziehungsweise in einer verkürzten Quarantäne. Zur Erklärung: Zeichnet sich in einem Bereich ein deutlicher personeller Engpass ab, besteht nach den Richtlinien des Robert-Koch-Institutes –natürlich nur nach Abstimmung und mit Genehmigung des jeweiligen Gesundheitsamtes – prinzipiell die Möglichkeit, Mitarbeiter der Kontaktkategorie 1, also solche, die Kontakt zu einem Covid-Positiv-Getesteten hatten und sich in Quarantäne befinden, wieder einzusetzen. Der Mitarbeiter muss mindestens ein negatives Testergebnis vorweisen und darf keinerlei Symptome aufweisen. Unter verschärften Sicherheitsmaßnahmen, wie dem dauerhaften Tragen einer FFP2-Maske, kann er seinen Dienst dann wieder aufnehmen.

Wie groß ist Ihre Sorge, dass die Intensivstation in der Pandemie irgendwann aus- und überlastet ist?

Ehlers: Wir setzen alles daran, eine solche Situation nicht eintreten zu lassen. So haben wir beispielsweise unsere Kapazitäten auch durch die zusätzliche Beschaffung von Beatmungsgeräten erhöht. Mittlerweile können wir jetzt 21 Betten mit maschineller Beatmung betreiben und könnten diese Kapazität auch nochmals erhöhen. Neben den Beatmungsbetten haben wir in der maximalen Ausbaustufe noch weitere zehn Intensivplätze. So war es uns überhaupt möglich, in der bisherigen Spitze 30 Patienten auf unserer Intensivstation zu behandeln. Aber jede Ressource ist natürlich endlich, und die Intensivmedizin ist sehr personalintensiv. Und der Fachkräftemangel besteht in jedem Krankenhaus. Deswegen bedarf es auch einer guten Vernetzung der Krankenhäuser, um die Kapazitäten ausbalanciert zu nutzen. 50 Prozent unserer Intensivpatienten sind derzeit Covid-Patienten, der Durchschnitt in NRW liegt derzeit bei 16 Prozent.

In der vergangenen Woche mussten Sie Ihre Corona-Ampel auf Rot schalten. Das heißt, das Krankenhaus arbeitete im Intensivbereich am Rande seiner Aufnahmemöglichkeiten. Was passiert, sollte es in einem solchen Fall zu einem schweren Verkehrsunfall auf der Autobahn mit mehreren Schwerverletzten kommen?

Ehlers: Die Rot-Meldungen in der Pandemie beziehen sich immer auf zukünftige drohende Versorgungsengpässe. Dabei erfolgt bei uns auch immer eine Differenzierung zwischen Intensivbereich und Normalbereich. In dem aktuellen Fall der Rot-Meldung bezog sich dies auf einen möglichen drohenden Engpass in der Intensivmedizin – nicht für die Normalstationen. Unabhängig von der Pandemie passiert es, dass sich Krankenhäuser von der intensivmedizinischen Versorgung abmelden. So haben wir vor ein paar Tagen Patienten aus dem Oberbergischen Kreis übernommen. Bei dem von Ihnen angesprochenen Szenario eines schweren Verkehrsunfalls mit mehreren Schwerverletzten, also einer Situation, bei der eine große Zahl von Betroffenen versorgt werden muss, würde die Feuerwehr nach den gemeldeten Verfügbarkeiten der Kliniken entscheiden, in welche Häuser die Betroffenen verbracht werden würden.

Was haben Sie unternommen, damit das Krankenhaus in der Pandemie nicht an seine Kapazitätsgrenzen stößt?

Ehlers: Bereits zu Beginn der Corona-Pandemie haben wir unsere klinischen Kapazitäten erweitert und eine komplette zusätzliche Station eröffnet. Damit haben wir aktuell eine gute Ausgangslage, die sich aber natürlich, je nach Pandemieverlauf, in den nächsten Wochen oder auch in einer kürzeren Zeitspanne auch noch ändern kann. In einem solchen Fall haben wir in der Stadt zwischen den Häusern einen Stufenplan und mittlerweile ja auch bereits die ersten Rückmeldungen aus der Remscheider Initiative zur Koordinierung der Intensivkapazitäten.

Derzeit werden auf Initiative der Stadt Remscheid in Solinger Kliniken fünf Intensivplätze für Patienten aus Remscheid geschaffen. Wie stehen Sie dazu?

Ehlers: Ich bin dafür sehr dankbar, dass die Stadt und der Krisenstab unserem Vorschlag gefolgt sind, auf eine Vernetzung in der Region hinzuwirken und sich hier aktiv einsetzen. Wir sind in Remscheid das einzige Akutkrankenhaus und werden in dieser Pandemie möglicherweise an unsere Kapazitätsgrenzen stoßen. Wenn dann unsere Corona-Ampel erneut auf Rot springt, haben wir die Möglichkeit, auf entsprechende Verlegungsszenarien zurückzugreifen. Zugleich ist das aber auch schon jetzt gute und gängige Praxis zwischen den Medizinern der Krankenhäuser in der gesamten Versorgungsregion.

Zugleich hat der Krisenstab der Stadt einen Hilferuf in Richtung Bundes- und Landesregierung geschickt. Mit Ihrem Einverständnis?

Ehlers: Ja. Wir sind aktives Mitglied im Krisenstab und begrüßen die Bemühungen, die alle Mitglieder des Krisenstabs leisten. Wir haben dort angesprochen, dass es notwendig ist, eine noch bessere Vernetzung und Kooperation zwischen den Städten der Region herzustellen. In anderen Bundesländern erfolgt eine zentrale Koordination der Kapazitäten rund um die Covid-Versorgung, zum Beispiel in Berlin und in Hessen. Diese Beispiele haben wir vorgetragen.

An welchen Stellschrauben können Sie in der Pandemie im Sana-Klinikum noch drehen?

Ehlers: Einem möglichen pandemiebedingten Kapazitätsengpass müssten wir mit Mitarbeitern aus unserem Haus begegnen, die wir umschichten müssten. Wir haben bereits in Teilen zusätzliches Personal in den jeweiligen Bereichen im Einsatz. Das bedeutet im Umkehrschluss natürlich, dass wir dann eine ähnliche Situation wie im Frühjahr hätten, und beispielsweise nicht mehr alle Patienten aufnehmen könnten, sondern zum Beispiel bei geplanten Operationen nach medizinischer Dringlichkeit entschieden werden müsste. Wir haben bereits auch jetzt immer unsere Intensivressource im Blick und richten unsere Patientenaufnahmen und das Programm darauf aus.

Müssen Patienten also damit rechnen, dass geplante Operationen verschoben werden?

Ehlers: Aufgrund der punktuellen Kapazitätssituation auf der Intensivstation haben wir bereits elektive – also geplante – Eingriffe verschieben müssen. Allerdings haben wir diese Operationen zwischenzeitlich nachholen können. Wir fahren in der Pandemie immer auf Sicht, unser interner Krisenstab tagt wöchentlich und bewertet die Lage nach aktueller Situation. Wir richten uns alle miteinander auf die Pandemie aus und versuchen, alle Kapazitäten zur Verfügung zu stellen. Wir bitten dabei auch um Verständnis bei den Patienten, wenn es derzeit auch zu längeren Wartezeiten kommt.

Zur Person

Svenja Ehlers ist 48 Jahre alt und übernahm im November 2018 die Geschäftsführung der Sana-Klinikum Remscheid GmbH. Zuvor war die gebürtige Norddeutsche als kaufmännische Direktorin und Prokuristin am Klinikum Kassel, dem größten kommunalen Krankenhaus der Maximalversorgung in Hessen, tätig. Svenja Ehlers studierte Gesundheitsökonomie und Sozialwissenschaften. Sie wohnt sowohl in Remscheid als auch in Kassel.

Das Sana-Klinikum Remscheid zählt rund 1100 Mitarbeiter. Knapp 200 davon sind Mediziner. Der Patientenanteil aus Remscheid liegt bei annähernd 90 Prozent.

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Alle aktuellen Entwicklungen zur Corona-Pandemie in Remscheid finden Sie im Live-Blog.

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