RGA vor Ort

Auf den Spuren von Mafiosi und Kommissaren

Melanie Clemens mit Originalbildern des RGA aus dem Jahr 1967. Als Polizisten mit der Pistole in der Hand Joachim H. festnahmen, drückte der Reporter auf den Auslöser. Fotos: Axel Richter.
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Melanie Clemens mit Originalbildern des RGA aus dem Jahr 1967. Als Polizisten mit der Pistole in der Hand Joachim H. festnahmen, drückte der Reporter auf den Auslöser.
  • Axel Richter
    VonAxel Richter
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Mörderisches Remscheid: Der RGA besuchte mit Melanie Clemens die Tatorte blutiger Verbrechen in der Innenstadt

Remscheid. Ende der 70er Jahre hing Pizza und Pasta in Remscheid noch ein Hauch des Exotischen an. Wer sich an vergangene Urlaubsfreuden in der Toscana erinnern mochte, der ging ins „Dal Padrino“ – übersetzt „Beim Paten“. Dass die Pizzeria an der Gewerbeschulstraße ihren Namen nicht von ungefähr trug, zeigte sich im Februar 1980. Da zog ein Angler den von Kopf, Armen und Beinen befreiten Oberkörper von Luigi Masetti aus dem Wasser der Ennepetalsperre. Zwei Brüder, Mitglieder der Mafia, hatten den Kellner im Keller des „Dal Padrino“ mit einer Eisenstange erschlagen und die Leiche zerteilt.

Das Haus an der Gewerbeschulstraße in Alt-Remscheid gibt es noch. Melanie Clemens kennt es genau. Die einstige Stadtführerin ist tief eingetaucht in die mörderische Vergangenheit von Alt-Remscheid. „Das Morbide liegt mir. Ich mag so etwas sehr“, sagt sie. Über manchen Fall mag man heute zudem schmunzeln, doch ist Melanie Clemens die Achtung vor den Opfern zugleich wichtig. Schließlich sind es reale Menschen, die ums Leben gekommen sind.

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Sigrid K. ist eine von ihnen. Die Remscheiderin führte mit ihrem späteren Mörder Joachim H. die Kneipe „Stella“ an der Edelhofstraße auf Hasten. Im August 1967 waren beide mit einem Mal verschwunden. Bis ein Bierlieferant vor dem Fenster ihrer Wohnung stand, das von innen schwarz vor Fliegen war.

Wie sich später herausstellte, hatte Joachim H. seine Partnerin aus Eifersucht erdrosselt, ihre Leiche vor dem Bett liegen lassen und noch mehrere Tage neben der Toten in der Wohnung gelebt. Bei seiner Festnahme schoss der RGA-Fotograf spektakuläre Bilder. Mit der Dienstpistole in der Hand verhafteten Polizisten den Mann, der Sekunden zuvor wie selbstverständlich vor das Haus getreten war, um sich über die Polizei vor seiner Tür zu wundern.

„Das Morbide liegt mir. Ich mag so etwas sehr.“

Melanie Clemens

Als sie die Bilder von damals entdeckte, „habe ich den Tüpitter wirklich gefeiert“, erzählt Melanie Clemens. Weil sich die Remscheider damals die Nasen platt drückten, wo die Tageszeitung öffentlich ausgehangen war, ließ sie ihre Stadtführungen stets am RGA-Pressehaus enden.

Start war am Quimperplatz, wo von 1926 an zunächst jene saßen, die auf der guten Seite standen. In der Nazizeit wurden die Polizisten dann selbst zu Tätern und das Zimmer 110 der Wache zum Folterraum der Gestapo.

Im Keller dieses Hauses starb Luigi Masetti. Ende der 70er Jahre gab es dort die Pizzeria „Dal Padrino“ – übersetzt „Beim Paten“.

In den 50er Jahren hatte dann ein legendärerer Kriminalermittler dort sein Büro. Willi Kösters war so etwas wie der Ernst Gennat der Remscheider Kriminalpolizei. Wie Gennat, der im Berlin der 30er Jahre die Mordermittlung durch moderne Methoden revolutionierte, ging auch Willi Kösters unkonventionelle Wege.

So saß er am 30. Juni 1957 zu mitternächtlicher Stunde in der Vernehmung eines Automatenknackers als zwei Betrunkene auf der Wache erschienen und ihn beknieten, zu einer Kneipe an der Schönen Aussicht zu kommen. Ein Saufkumpan habe einen Frauenmord begangen und schmeiße eine Runde nach der nächsten. Der Kommissar glaubte den Zechern nicht, ging aber dennoch mit.

Vor Ort traf der einsame Kommissar auf zwei Männer in einem Auto. Die hatten einen Spaten dabei, und im Kofferraum klebten Haare und Blut. Beides gehörte zu einer 24-jährigen Frau, die sie wegen 6400 D-Mark getötet und nahe der Autobahn verscharrt hatten. Ein Mord im Drogenmilieu.

Der Torso des Kellners wurde später in der Ennepetalsperre gefunden. Zwei Mafiosi hatten den Mann mit einer Eisenstange erschlagen.

Heute erscheint die Polizei in vergleichbaren Fällen mit großem Besteck. Damals nahm Kommissar Kösters die Tatverdächtigen kurzerhand alleine fest und brachte sie vor Gericht.

Dort fanden sich mehr als zwei Jahre nach dem Fund seines Torsos auch die Mörder von Luigi Masetti wieder. Im Juli 1982 verurteilte das Wuppertaler Schwurgericht die beiden Mafiosi zu 9 und 13 Jahren Haft. Die Brüder hatten den Kellner im Verdacht, sie bestohlen zu haben. Bei seinen Landsleuten galt Masetti zudem als geschwätzig.

Unter Mafiosi, die in den 70er und 80er Jahren im Bergischen Land im großen Stil Schutzgelder erpressten, illegales Glücksspiel betrieben und auch Pizzerien wie das „Dal Padrino“ führten, war das keine gute Überlebensgrundlage. Im Keller an der Gewerbeschulstraße malträtierten sie Masetti so sehr, dass er starb.

Der Kellner blieb danach für Monate verschwunden. Bis der Angler seinen Körper, der in einen blauen Müllsack verpackt war, aus der Ennepetalsperre fischte. Seinen Kopf, seine Arme und Beine wurden nie gefunden.

Stadtteilserie

Mit den mörderischen Geschichten aus der Innenstadt endet die Stadtteilserie in Alt-Remscheid. In der nächsten Woche berichtet der RGA täglich und ausführlich aus Lennep.

Sie, liebe Leserinnen und Leser, haben Hinweise für die RGA-Stadtteilreporter? Dann melden Sie sich bitte. Kontakt gibt es unter 909-211 oder per E-Mail:

redaktion@rga.de

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