Letzter RGA-Uni-Vortrag 2022

Vorurteile über Hochbegabte: Der Sonderling ist gar kein Sonderling

Prof. Dr. Susanne Buch – falsche Einordnungen von IQ und Hochbegabung ließen und lassen sie nicht kalt.
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Prof. Dr. Susanne Buch – falsche Einordnungen von IQ und Hochbegabung ließen und lassen sie nicht kalt.
  • Andreas Dach
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Prof. Dr. Susanne Buch sprach beim letzten RGA-Uni-Vortrag des Jahres in der Klosterkirche über Hochbegabung.

Von Andreas Dach

Remscheid. Das Bild vom Sonderling mit ausgeprägten sozialen Defiziten hält sich hartnäckig. Auch heute noch. Ist es die altertümliche Nickelbrille, die stutzig macht? Die Hochwasserhose? Oder die vermeintliche Schwierigkeit, mit anderen Kindern schnell Freundschaften zu schließen? Wer hochbegabt ist, muss seltsam sein. Punkt! Trotz aller Forschungsergebnisse, die dagegen sprechen. Trotz Daten. Trotz Fakten.

Hochbegabt heißt eben nicht gestört und crazy

Prof. Dr. Susanne Buch wird nicht müde, mit diesen Mythen und Klischees aufzuräumen, die sich rund um das Thema Hochbegabung ranken. Die Wissenschaftlerin vom Institut für Bildungsforschung in der School of Education an der Bergischen Universität Wuppertal kommt leidenschaftlich und emotional daher, wenn es darum geht, eben jenes Bild geradezurücken. Wie gerade geschehen in der Lenneper Klosterkirche, wo sie den Abend bewusst provokativ einleitete.

Was bedeutet hochbegabt?

„Naturtalent oder harte Arbeit? Zur Bedeutung von Begabungsförderung in der Schule“ – so war der Vortrag überschrieben, den sie als fünfte Referentin der Reihe des Remscheider General-Anzeigers und der Bergischen Universität hielt. Jeder Satz von ihr kommt einer Mahnung gleich. Als eindringliche Bitte, sich nicht von Äußerlichkeiten blenden zu lassen. „Hochbegabung“, sagt sie, „bedeutet zunächst einmal, dass ein Mensch ein besonderes Potenzial besitzt, Leistungen zu erbringen.“ Die Leistungen selbst seien kein Indikator dafür.

Hochbegabung bedeutet, dass ein Mensch besonderes Potenzial besitzt!

Prof. Dr. Susanne Buch

Dem voraus geht ein ganz anderer Aspekt. Wie definiert man überhaupt eine Hochbegabung? Und woran macht man sie fest? Nur zwei Prozent der Bevölkerung weisen einen Intelligenzquotienten von 130 und mehr auf. Erst dann spricht man von Hochbegabung. Gleichwohl hängen die IQ-Tests von vielen Faktoren ab. Wie dem Alter des Probanden und – ganz wichtig – auch von seiner Motivation. Längst nicht jeder mag seine außergewöhnliche Begabung auch ausleben. Manches Kind probiert auch schon einmal so etwas wie eine „Arbeitsverweigerung“. Wie einen stillen Protest gegen übersteigerte Erwartungshaltungen.

Wie soll man mit einer Hochbegabung umgehen?

Ist in einem solchen Fall Grund zur Panik angesagt? Nein! Möglicherweise oder sogar wahrscheinlich handelt es sich nur um eine zeitlich begrenzte Phase des Aufbegehrens. Prof. Dr. Susanne Buch hat einen Tipp für die Angehörigen parat: „Bleiben Sie gelassen.“ Grundsätzlich gehe es darum, aus der Vielzahl von Fördermöglichkeiten eine auszuwählen, welche auf die Bedürfnisse des Hochbegabten zugeschnitten ist. Dabei sei die Richtschnur „ein glückliches Kind“. Weshalb ein häufiges Überspringen von Schulklassen nicht zwangsläufig der geeignete Weg der Förderung sein muss. Aber kann.

Nicht immer lassen sich prognostisch Aussagen darüber tätigen, was wie genau wirkt. Gleichwohl: Wissenschaftler haben bei Untersuchungen festgestellt, dass Förderangebote sehr häufig positive Effekte auf die schulische und persönliche Entwicklung der Schülerinnen und Schüler haben. Das betrifft Hochbegabte. Aber nicht nur. Alle können und alle sollen erleben, dass sich durch Einsatz (und meist auch durch entsprechende Unterstützung) eigene Ziele erreichen lassen. Fernab von irgendwelchen Etikettierungen und damit verbundenen Erwartungen.

Zurück zum vermeintlichen Sonderling mit dem IQ von über 130. Hochbegabte sind, was die psycho-sozialen Aspekte angeht, Kinder wie alle anderen auch. Und der Prozentsatz der problembehafteten jungen Menschen ist im Vergleich zum durchschnittlich begabten Kind nicht erhöht. Das sollte man wissen, wenn der Nickelbrillenträger mit der Hochwasserhose ohne Kumpels dahergeschlappt kommt. Die Professorin von der Uni Wuppertal wird nicht aufhören, dieses Wissen zu vermitteln. Eben leidenschaftlich und faktenbasiert.

RGA-Uni-Vorträge 2022

Mit dem Referat von Prof. Dr. Susanne Buch endet die diesjährige und seit vielen Jahren bewährte Vortragsreihe des Remscheider General-Anzeigers mit Expertinnen und Experten der Bergischen Universität. Auch diesmal nutzten wieder viele Besucher die kostenfreie Möglichkeit, sich über spannende Forschungsthemen berichten zu lassen und in die Diskussion einzusteigen. Damit wird die Wuppertaler Uni ihrem Anspruch gerecht, Hochschule für die ganze Region und für alle Bevölkerungsschichten zu sein.

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