Interview der Woche

„Herr Fey, Herr Brilovics, ist Remscheid fahrrad-unfreundlich?“

Eine der bereits umgesetzten Maßnahmen ist die Markierung eines Radwegs auf der Bliedinghauser Straße. Dieser wird noch bis zur Stadtgrenze Wermelskirchen verlängert. Darum kümmern sich die Stadtplaner Nikita Brilovics (l.) und Burkhard Fey. Sie sind innerhalb Remscheids mit ihren Job-E-Bikes unterwegs. Foto: Roland Keusch
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Eine der bereits umgesetzten Maßnahmen ist die Markierung eines Radwegs auf der Bliedinghauser Straße. Dieser wird noch bis zur Stadtgrenze Wermelskirchen verlängert. Darum kümmern sich die Stadtplaner Nikita Brilovics (l.) und Burkhard Fey. Sie sind innerhalb Remscheids mit ihren Job-E-Bikes unterwegs.
  • Melissa Wienzek
    VonMelissa Wienzek
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So wird Remscheid fahrradfreundlich: Boxen, Straßenöffnung, App: Stadtplaner erklären die nächsten Etappen - und was das „Remscheider System“ ist.

Herr Fey, Herr Brilovics, ist Remscheid eine fahrradunfreundliche Stadt?

Burkhard Fey: Ich glaube einfach, in Remscheid ist man es noch nicht so gewohnt, kurze Strecken bis vier oder fünf Kilometer mit dem Rad zu fahren. Denn hier steckt das meiste Potenzial für den Radverkehr. Unsere Vorgänger haben bis vor zehn Jahren noch eine autogerechte Stadt geplant. Das sieht man zum Beispiel an der Wansbeckstraße: kein Gehweg, nichts für Radfahrer. Hier muss ein Umdenken einsetzen.

Wie hoch ist der Anteil der Räder im Straßenverkehr?

Fey: Uns liegen frische Zahlen vor, die wir aber noch nicht verraten dürfen. Es läuft gerade eine Haushaltsbefragung. Am 2. Juni werden wir diese im Ausschuss für Wirtschaftsförderung und Mobilität gemeinsam mit dem beteiligten Ingenieurbüro verkünden. Wir wissen aber: Der Anteil der Fahrräder im Straßenverkehr sowie in den Haushalten ist sehr gering. Diesen gilt es zu steigern. Hier müssten sich die Remscheider eher ein Fahrrad zum Geburtstag oder zu Weihnachten wünschen. Aber es wird langsam immer mehr. Man sieht jetzt auch immer öfter den Lieferdienst per Rad.

Um dieses Ziel zu erreichen, gibt es das Radverkehrskonzept der Stadt. Was besagt es?

Fey: Der Rat hat es Ende 2019 beschlossen, die Politik hatte uns die Mittel bereitgestellt. Für mich war das die Initialzündung. Das Thema boomt. Und die Politik greift es stark auf: Es vergeht kaum eine Bezirksvertretungssitzung, in der nicht eine Anfrage kommt. Gerade haben wir für den Rat eine Vorlage für Fördermöglichkeiten erstellt. Im Konzept stehen 600 Maßnahmen – diese können natürlich nicht von heute auf morgen umgesetzt werden. Das müssen wir oft erklären. Wir haben noch keine Verhältnisse wie in Münster oder Holland. Das Konzept begleitet unsere Abteilung ab jetzt für immer, sicher die nächsten 15 Jahre. Bei allen Verkehrsplanungen wird der Radverkehr ab jetzt viel stärker mitgedacht als früher.
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Nikita Brilovics: Wir versuchen, den Alltagsradverkehr so zu fördern, dass der Autoverkehr nicht eingeschränkt wird. Denn Remscheid ist noch stark auf das Auto fokussiert. Im Konzept gibt es drei Bereiche: Infrastruktur, Service und Kommunikation. Wir haben gerade auch einen Runden Tisch Radverkehr mit engagierten Bürgerinnen und Bürgern gegründet, mit denen wir unsere Maßnahmen durchgehen und bei denen wir uns eine nutzerorientierte Perspektive einholen. Für uns ist das nur hilfreich. Wir gehen bewusst auf Ideen und Wünsche ein. Denn das Thema Radverkehr nimmt Fahrt auf. Alle Kommunen versuchen nun verstärkt, sich als fahrradfreundliche Kommune zu positionieren.

„Remscheid ist noch stark aufs Auto fokussiert.“

Nikita Brilovics

Wie viel Geld steht für den Radverkehr bereit?

Fey: Wir haben im Haushalt relativ viel Geld. Angefangen haben wir mit 100 000 Euro jährlich, die Politik hat sogar verdoppelt auf 200 000 Euro jährlich. Zudem haben wir separate Radverkehrsmaßnahmen im Haushalt: die Verlängerung der Balkantrasse, zwei Brücken, den Radweg Mixsiepen. Am Geld scheitert es nicht. Aber: Wir brauchen Zeit und Personal.

Brilovics: Auch wenn wir etwas planen – die Politik hat die Beschlusskraft. Und das Umdenken muss letzten Endes bei den Bürgern passieren. Es ist ein langer Prozess, es bedarf großer Abstimmung. Wir sind stark bemüht, nach und nach mehr Maßnahmen umzusetzen. Wir stehen gerade am Anfang. Aber wenn man sieht, was in zweieinhalb Jahren schon umgesetzt wurde, kann man schon stolz sein.

Was wurde denn bereits umgesetzt?

Brilovics: Im Bereich der Infrastruktur sind es Markierungsmaßnahmen. Letztes Jahr war es die Bliedinghauser Straße. Hier wird noch der Abschnitt bis zur Stadtgrenze Wermelskirchen folgen. Auf der Lüttringhauser Straße und der Lindenallee wurde ebenfalls letztes Jahr ein Radweg, am Knotenpunkt Richthofenstraße wurden Aufstellflächen markiert. Davor schon Hohenhagen, Salem-/Peterstraße. Wir haben schon viele positive Rückmeldungen erhalten. Bei den Markierungsmaßnahmen tauschen wir uns stets mit den TBR über Deckensanierungen aus, um Synergien zu nutzen. Wir nennen es das Remscheider System‘: bergauf wird markiert, bergab wird der Radverkehr im Mischverkehr geführt.

Fey: Durch die Markierungen wird Aufmerksamkeit erzeugt. Autofahrer werden sensibilisiert für Fahrradfahrer. Am Anfang sind die Autofahrer noch unsicher: Darf ich drüber fahren oder nicht? Ja, gestrichelte Linien darf man überfahren.

Auf was können sich die Radfahrer demnächst noch freuen?

Brilovics: Für dieses Jahr ist geplant, 50 Radstellanlagen aus Metall im Stadtgebiet zu errichten, unter anderem am Markt an den neuen Terrassen. Diese sollen jetzt schon kommen. Auch am oberen Ende der Alleestraße an der Zange. Hier besteht dringender Nachholbedarf. Aber auch vor Einkaufszentren, ebenso am Bahnhof in Lennep. Zudem werden am Bahnhof Lennep zehn Radboxen errichtet – fünf mit Lademöglichkeit, fünf ohne. Fünf zur Langzeitmiete, fünf für Kurzzeitmiete. Hier läuft gerade ein Förderantrag. Für die nächste Sitzung der Bezirksvertretung Lennep ist eine Beschlussvorlage geplant.

Fey: Wir versprechen uns viel von den Radboxen. Wenn diese genutzt werden, könnten auch an anderen Bahnhöfen oder Standpunkten weitere entstehen. So auch weitere Abstellanlagen aus Metall. Brilovics: Außerdem sollen sukzessive mehr Einbahnstraßen geöffnet werden. Das sind kleine Maßnahmen, die dem Radverkehr aber schnell helfen. Im Bereich Information gibt es gemeinsam mit dem Umweltamt wieder das Stadtradeln, den Bürgerdialog, den Runden Tisch Radverkehr.

Wie können sich die Remscheider Radfahrerinnen und Radfahrer einbringen?

Brilovics: Beim Bürgerdialog, beim Runden Tisch, über die E-Mailadresse radverkehr@remscheid.de oder über die neue Radar-App. Hier können Bürger über GPS-Daten einen verbesserungswürdigen Standort markieren, ein Foto davon machen. Das wird von uns auch bearbeitet und mit Informationen versehen. Dies kann übrigens jeder öffentlich einsehen.

Fey: Uns haben über die App schon viele Anregungen erreicht. Außerdem viele E-Mails. An Ideen und Vorschlägen mangelt es nicht. Wir müssen nur hinterherkommen.

Was wünschen Sie sich für den Radverkehr in Remscheid?

Fey: Ich würde mir wünschen, dass die beiden neuen Kollegen Herr Brilovics und Frau Ates ganz viel Zeit hätten, sich nur um den Radverkehr in unserer Abteilung zu kümmern. So würden wir noch viel mehr schaffen.

Brilovics: Ich appelliere an die Bürger, sich zu trauen, aufs Rad zu steige. Ich wünsche mir, dass sie dem Radverkehr eine Chance geben. Der Radverkehr ist ein geeignetes Mittel, um der Gesellschaft weiterzuhelfen – so auch der Umwelt und der eigenen Gesundheit.

Burkhard Fey: Der Wipperfürther (50) hat in Wuppertal Bauingenieurwesen studiert. 1999 begann er bei der Stadt Remscheid als Straßenplaner. Seit 2017 ist er Abteilungsleiter Verkehrsplanung, ÖPNV und Koordinierung TBR. Am Wochenende holt er gern per Rad Brötchen, auch seine Kinder fahren mit dem Rad zur Schule.

Nikita Brilovics: Der 28-Jährige wurde in Lettland geboren, lebt seit dem fünften Lebensjahr in Wuppertal. Dort hat er auch vor über zwei Jahren sein Masterstudium in Verkehrswirtschaftsingenieurwesen beendet. Seitdem ist er bei der Stadt Remscheid beschäftigt. Er kümmert sich vor allem um den Radverkehr, die Verkehrsplanung und den ÖPNV. Der Wuppertaler fährt privat auch Rad, im Job nutzt er genauso wie Burkhard Fey ein E-Bike der Stadtverwaltung.

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