Kantor geht in Rente

Schon als Fünfjähriger war er fasziniert von Bach

Kantor Jörg Martin Kirschnereit an seinem alten Arbeitsplatz, der Remscheider Lutherkirche. Mitgebracht hat der pensionierte Kirchenmusiker seine erste Bach-LP, auf der das Italienische Konzert zu hören ist. Foto: Michael Schütz
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Kantor Jörg Martin Kirschnereit an seinem alten Arbeitsplatz, der Remscheider Lutherkirche. Mitgebracht hat der pensionierte Kirchenmusiker seine erste Bach-LP, auf der das Italienische Konzert zu hören ist.

Jörg Martin Kirschnereit war Kantor der Lutherkirche in Remscheid.

Von Peter Klohs

Remscheid. Der erste musikalische Eindruck in Jörg Martin Kirschnereits Leben war Johann Sebastian Bach. „Mein Vater hat zu Hause viel Bach gehört“, erinnert er sich. „Ich war fünf Jahre alt, und die Violin- und Cembalokonzerte Bachs haben mich selbst in diesen sehr jungen Jahren stark beeindruckt.“

Sein Vater komponierte selbst, vorzugsweise Kanons nach Texten des von ihm sehr geschätzten Theologen Jochen Klepper. So ist es sicher kein Wunder, dass die 1. Platte des ehemaligen Kantors der Remscheider Lutherkirche Musik von Bach enthielt: Das Italienische Konzert fand auf einer Seite der Langspielplatte Platz, auf der anderen konnte man die Chromatische Fantasie und Fuge (BWV 903) hören, beides auf dem Cembalo von Andreas Angelo gespielt, ein Musiker, über den wenig bekannt ist.

„Die LP haben mir meine Eltern geschenkt“, sagt Kirschnereit. „Und als zweite Langspielplatte bekam ich die Klavierkonzerte von Grieg und Schumann, gespielt von Claudio Arrau. Diese alte Musik bringt viele Erinnerungen hervor, Bilder, Begegnungen, Gerüche.“ Nach und nach hörte Kirschnereit andere Komponisten und lernte diese lieben: Beethoven, Bruckner, Brahms. Er erinnert sich an seinen ersten Besuch eines großen Konzertes: In der Hamburger Laeisz-Halle gab es eine Bruckner-Symphonie. „Ich war 12 oder 13 Jahre alt, und die Musik war für mich erhebend, erhaben.“

Aber auch die populäre Musik der 70er-Jahre, die in seinem Elternhaus nicht geschätzt wurde, hat ihn begeistert: Blood, Sweat and Tears und auch die frühen LPs von Chicago, als die noch deftigen Jazzrock spielten, bezeichnet er noch heute als „großartig“.

Die Schwester nahm die Hitparade im Radio auf

„Es wurde für mich klar, dass ich Kirchenmusiker werden wollte, als ich 14 oder 15 Jahre alt war“, erzählt Kirschnereit. „Ich habe damals noch keine Orgel gespielt.“ Er erinnert sich an seinen ersten Orgelunterricht, den er in Windhoek in Namibia erhielt, wo die Familie einige Jahre lebte. „Zur populären Musik kam ich durch meine Schwester, die die Hitparade im Radio aufnahm. Sein Bruder war Fan der britischen Hardrocker Deep Purple. „Ich habe die Musik gehört“, sagt er, „aber mich nie ernsthaft damit beschäftigt.“

Mit der klassischen Musik war das anders. „Ich kaufte mir selbst eine LP-Box mit drei LPs, auf der die fünf Klavierkonzerte von Beethoven gespielt wurden, und zwar von Wilhelm Backhaus. Ich machte dann eines Tages den Fehler und legte eine Platte auf die Heizung. Die Welle im Vinyl war schon beeindruckend, und die LP nicht mehr abzuspielen.“

Der ehemalige Kantor hat auch Interesse an atonaler Musik, genießt dieselbe aber lieber im Konzert als von einer LP. „Auch einige der zeitgenössischen Komponisten gefallen mir gut. Arvo Pärt zum Beispiel, oder der Amerikaner Eric Whitacre, der viel Chormusik komponiert hat und weit entfernt ist von Atonalität und mit seiner Musik eher das Gegenteil erreichen will. Aber so ist die Musik: Die Möglichkeiten sind schier grenzenlos. Obwohl ich meine, dass es heutzutage schwer ist, noch etwas gänzlich Neues zu komponieren.“

Geprägt haben ihn auf seinem musikalischen Weg der Bremer Domchor und der Organist Christoph Grohmann.

Zur Person

Jörg Martin Kirschnereit wurde 1955 in Dorsten geboren und studierte in Detmold Kirchenmusik. Sein Vater war Pfarrer und Musiker. Die Familie hat unter anderem in Bremen und Namibia gelebt. Seit 1994 lebt der ehemalige Kantor der Lutherkirche in Remscheid. Zu seinem Abschiedskonzert 2021 dirigierte er Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy.

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