Hohe Preise bei Lebensmitteln

So passen die Remscheider ihr Einkaufsverhalten an

Monic Schössmann vom Frischmarkt Remscheid-Mitte zeigt: Manche Artikel, zum Beispiel Sonnenblumenöl, sind knapp. Das führt zu deutlichen Preissteigerungen. Foto: Roland Keusch
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Monic Schössmann vom Frischmarkt Remscheid-Mitte zeigt: Manche Artikel, zum Beispiel Sonnenblumenöl, sind knapp. Das führt zu deutlichen Preissteigerungen.

Wegen der hohen Lebensmittelpreise konzentrieren sich viele Kunden auf das Notwendigste.

Von Sven Schlickowey und Kristin Dowe

Remscheid. 20 Prozent mehr für Butter, über 16 Prozent bei Eiern und Gurken sind laut Statistischem Bundesamt sogar rund 30 Prozent teurer als noch vor einem Jahr – die Preise für Lebensmittel haben zuletzt deutlich angezogen. Die Remscheider Kunden ertragen das bisher überwiegend klaglos, berichtet Ulrich Obodzinski, Geschäftsführer der Remscheider Frischmärkte. Aber sie passen ihr Einkaufsverhalten an.

„Dass die Leute etwas zu den Preisen sagen, kommt nur selten vor“, sagt Obodzinski. Dass sie aber nicht notwendige Artikel links liegen lassen, dagegen schon häufiger. Bei den Ostersachen hätten sie sich in diesem Jahr auffällig schwergetan, so der Geschäftsführer: „Viele kaufen lieber drei Flaschen Öl, selbst bei einem Preis von 4,49 Euro, als einen Schoko-Osterhasen für die Kinder.“

Das deckt sich mit dem, was die Beratungsgesellschaft PwC in einer Umfrage bundesweit ausgemacht hat: „In der aktuellen Situation schauen die Verbraucher notgedrungen wieder verstärkt auf das Preisschild“, erklärt Dr. Christian Wulff, Leiter des Geschäftsbereichs Handel und Konsumgüter. So hatten 58 Prozent der Befragten angegeben, häufiger auf Sonderangebote zurückzugreifen. Und fast ein Viertel gab an, in Zukunft auf bestimmte Artikel verzichten zu wollen.

„Das betrifft alle Produkte, von der Haftcreme bis zum Hundefutter.“

Ulrich Obodzinski über Probleme in der Lieferkette

Die Preissteigerungen seien nicht nur eine Folge des russischen Einmarschs in die Ukraine, betont Ralf Engel, Geschäftsführer des Handelsverbands im Bergischen: „Eine Inflationsrate von über sieben Prozent war bereits eine längere Entwicklung, die durch den Krieg in der Ukraine noch verschärft wurde.“ Eine Einschätzung, die Oliver Frielingsdorf, Marketingleiter bei Lenneper Pasta- und Wurstwarenhersteller Steinhaus, teilt: Die Kostenexplosion bei Weizenmehl und Sonnenblumenöl sei direkt auf den Krieg zurückzuführen, doch der Preis für Hartweizengrieß zum Beispiel sei nach „Ernteausfällen aufgrund extremer Wetterlagen“ unter Druck geraten. Und der Boom im Onlinehandel lasse zusammen mit dem Verbot von Plastik-Einweggeschirr die Kosten für das Verpackungsmaterial Pappe steigen.

Auch für die gestiegenen Fleischpreise sieht Frielingsdorf mehrere Gründe: „Zum einen sind da die Futtermittelpreise und Energiekosten zu nennen, zum anderen aber auch die niedrigen Fleischpreise der Vergangenheit, welche zur starken Reduzierung der Bestände in der Mast geführt haben.“ Statt zu investieren, hätten viele Landwirte ihre Betriebe aufgegeben. Dadurch sei das Angebot – auch an Milch – zuletzt gesunken. „Zusammengefasst führen alle diese Entwicklungen zu gestiegenen Preisen und erschwerter Beschaffung.“

Und das landet am Ende meist als höhere Preise beim Verbraucher. Die Händler hätten kaum eine andere Möglichkeit, als „Personal zu entlassen oder die Preise zu erhöhen“, sagt Ralf Engel vom Handelsverband. „Da Fachkräfte aber dringend gebraucht werden, entscheiden sie sich eher für Letzteres.“

Die Mehrzahl der Kunden habe dafür Verständnis, sagt Frischmarkt-Geschäftsführer Obodzinski: „Die Preise steigen ja überall.“ Das Problem sei, dass sich die Händler am Ende der Lieferkette befänden – und somit alle Probleme abbekämen: „Das betrifft alle Produkte, von der Haftcreme bis zum Hundefutter.“ Selbst H-Milch sei zeitweise kaum zu bekommen gewesen.

Was für viele Verbraucher ärgerlich und für Haushalte mit geringem Einkommen kaum zu kompensieren ist, könne Auswirkungen weit über die Lebensmittelbranche hinaus haben, befürchtet die Beratungsfirma PwC. So könnten vor allem teure Bio-Lebensmittel in den Regalen liegen bleiben, heißt es in einer Mitteilung. Vor allem aber sei zu erwarten, dass viele Verbraucher im Gegenzug ihre Ausgaben für Mode, Gastronomie und Reisen drastisch reduzieren: „Somit drohen diese Marktsegmente einen möglichen Aufschwung zu verpassen, der mit der Rücknahme der Corona-Maßnahmen zu erwarten gewesen wäre.“

Spar-Tipps

Die Verbraucherzentrale empfiehlt, vor allem saisonal einzukaufen, mehr selbst zu kochen anstatt auf Fertiggerichte zu setzen und einen Essensplan für die komplette Woche aufzustellen, für den gezielt eingekauft wird. So lasse sich schon eine Menge Geld sparen. Weitere Tipps und Rezepte für preisgünstige Gerichte gibt es online auf den Internetseiten der Verbraucherzentrale.

Standpunkt: Ära des Mangels

sven.schlickowey@rga.de

Kommentar von Sven Schlickowey

Erdbeeren zur Weihnachtszeit, Olivenöl aus mindestens drei Ländern zur Auswahl und neue Autos stehen beim Händler genügend auf dem Hof: Wir kommen aus einer Phase der nahezu unbegrenzten Verfügbarkeit – und jagen gerade ohne größere Vorwarnung in eine Ära des Mangels. Deren Ursachen sind vielfältig, die Auswirkungen, nicht nur bei Lebensmitteln, spüren wir alle jeden Tag. Die Wirtschaft ist in der paradoxen Situation, über genug Aufträge aber zu wenige Rohstoffe, Vorprodukte und Kapazitäten zu verfügen. Das Vertrackte daran ist, dass die sonst üblichen wirtschaftspolitischen Maßnahmen, die in der Regel ja auf die Erhöhung der Nachfrage abzielen, dagegen einfach nicht helfen. Eine wirkliche Verbesserung brächte wohl nur eine neue Art des Wirtschaftens: zirkulär, regional, im eigentlichen Sinne nachhaltig. Dass eine solche Umstellung notwendig ist, wissen nicht nur ausgewiesene Experten schon seit Jahren. Jetzt erinnern uns die Umstände mit Nachdruck noch einmal daran. Wir sollten gut hinhören.

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