Produktionshallen weichen Wohnanlage für Senioren

Remscheider Destillerie Frantzen trödelt zum Abschluss

Rainer Frantzen steht zwischen den alten Kesseln in der Produktion. Am 1. Juli 1986 wurde zuletzt gebrannt. Nach dem Umbau soll hier ein Café-Bistro seinen Platz finden.
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Rainer Frantzen steht zwischen den alten Kesseln in der Produktion. Am 1. Juli 1986 wurde zuletzt gebrannt. Nach dem Umbau soll hier ein Café-Bistro seinen Platz finden.

Die letzten Bestände sind verkauft. Remscheider Gastronomiebetriebe können hoffen: Es gibt einen Interessenten für den „Kardinal“.

Von Michelle Jünger

Remscheid. „Die 200 Jahre feiern wir leider nicht mehr“, sagt Rainer Frantzen wehmütig. Offiziell gibt es die Destillerie seit 1823. Nun ist Schluss, die Gebäude sind verkauft. Im kommenden Jahr wird ein Investor aus Beckum mit dem Bau einer Anlage für Senioren beginnen. Betreutes Wohnen, Kurzzeit- und Tagespflege gibt es dann in der Freiheitsstraße 24 bis 26.

Von dem Firmengelände wird nur das Stammhaus, die Nummer 24, aus dem Jahr 1795 übrig bleiben. Dort soll ein Café-Bistro eröffnen. „Die alten Anlagen werden restauriert“, sagt Frantzen. Zwischen hohen und glänzenden Kesseln und Rohren soll es Kaffee und Kuchen geben.

Historische Dokumente wie dieses sind in der Brennerei Frantzen noch ausgestellt. Durch sie kann Rainer Frantzen auf 300 Jahre Familiengeschichte in Remscheid zurückblicken.

Die Produktionshallen, die am 1. Mai 1861 eingeweiht wurden, werden wohl abgerissen. Ob die Stahlsäulen, die von Krupp in Essen gegossen wurden und das Gewölbe halten, wieder verwendet werden, weiß Frantzen nicht. Dabei habe diese Konstruktion das Gebäude im Zweiten Weltkrieg gerettet. „Bei den Luftangriffen 1943 war bei uns nur das Dach beschädigt, alles andere Drumherum war weg“, sagt Frantzen. Luftminen hätten andere Häuser beim erneuten Setzen nach der Detonation zusammenbrechen lassen. Die Säulen-Bogengänge hätten das hingegen quasi abgefedert.

Unten im Keller gibt es sogar noch die alten Fässer aus Eichenholz mit mehreren Tausend Litern Fassungsvermögen. An denen sei ein Schreiner interessiert – für Designerstücke, sagt Frantzen. „Zu Spitzenzeiten flossen hier alle drei Tage 28 000 Liter Alkohol durch, gemacht aus 70 Tonnen Getreide!“, fügt er hinzu.

Im großen und kühlen Keller nebenan lagerten bis vor drei Wochen noch ein paar letzte Fässer mit Korn. Diese letzten Bestände, die hier 25 Jahre lang lagerten, sind nun ebenfalls verkauft.

Eine mögliche Zukunft hat nur der „Kardinal“, der neben Alkohol und Wasser aus 41 verschiedenen Kräutern besteht. „Ein Interessent möchte ihn in Eigenregie unter gleichem Namen fortführen“, bestätigt Frantzen. Deswegen könnten Gastronomie und Remscheid darauf hoffen, dass es den goldenen Kräuterlikör weiterhin zu kaufen gebe. Alles andere werde nicht mehr weitergeführt.

Der Familiengeschichte ist er mit alten Dokumenten auf der Spur

Von der Geschichte der Destille möchte Frantzen möglichst viel weitergeben. Am 3. Oktober soll es einen Brennerei-Trödel auf dem Gelände geben. Korbflaschen mit Fassungsvermögen von 5 bis 50 Liter gebe es unter anderem vielfach zum Verkauf oder funktionstüchtige Musiktruhen der Firma Loewe Opta. Auch eine Schneefräse oder -pflug könnten erworben werden. „Ich will dafür auch gar nicht mehr viel haben“, so Frantzen. Es gehe ihm dabei nicht um Bereicherung. Für manche seien vielleicht einfach Erinnerungsstücke dabei. Ölgemälde, Bücher oder eine altmodische Eierwaage befinden sich unter den Gegenständen, die dort verkauft werden. Doch es gibt auch Dinge, die möchte Rainer Frantzen behalten. Dokumente zur Familienhistorie zum Beispiel, um diese weiter zu erforschen und darüber zu schreiben.

Zuletzt hatte er Dokumente gefunden, die belegen, dass die Frantzens bereits seit 1722 an der Alten Freiheit umliegende Roggen- und Weizenfelder besessen hatten. Der Bauernhof wurde später eine Bäckerei und etwa um 1795 eine Destille, die erst 1823 als solche eingetragen wurde. Deshalb sagt er auch mit einem lachenden Auge: „Genau genommen blicken wir also auf 300 Jahre Familiengeschichte zurück.“

Brennerei-Trödel

Am 3. Oktober 2022 zwischen 11 bis 17 Uhr soll auf dem Gelände der Destillerie Frantzen in der Alten Freiheitsstraße 24 bis 26 der Trödel stattfinden. Neben den Korbflaschen sollen dort Schreib- und Rechenmaschinen, alte Zählwerke, die den durchgelaufenen Alkohol gemessen haben oder auch kleinere Eichenfässer, die ebenfalls zur Lagerung genutzt wurden, verkauft werden.

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