RGA-Hilfsaktion Helft uns helfen

Zwischen Freud und Leid: Ein Tag im Frauenhaus

Karin Heier, Leiterin des Frauenhauses Remscheid, zeigt: Nahezu alle Frauenhäuser haben auf Rot geschaltet. Bedeutet: Es gibt keine freien Plätze. Der Bedarf ist hoch.
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Karin Heier, Leiterin des Frauenhauses Remscheid, zeigt: Nahezu alle Frauenhäuser haben auf Rot geschaltet. Bedeutet: Es gibt keine freien Plätze. Der Bedarf ist hoch.
  • Melissa Wienzek
    VonMelissa Wienzek
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Der RGA war einen Tag lang im Frauenhaus, das im Rahmen der RGA-Hilfsaktion Helft uns helfen unterstützt wird. So leben die Kinder und Frauen, so arbeitet das Team.

Remscheid. Vielen von ihnen ist jegliche Tagesstruktur abhandengekommen – und das ist nicht verwunderlich. Denn schließlich haben die Frauen, die im Remscheider Frauenhaus leben, Gewalt in all ihren Farben erlebt. „Viele lagen nur noch in der Ecke und hofften, dass sie durchkommen“, sagt Frauenhaus-Leiterin Karin Heier. Duschen, Essen zubereiten und überhaupt was zu essen zu haben, sich selbstbestimmt um die Kinder kümmern zu dürfen, all das ist für viele der Frauen nicht normal. Hier dürfen sie es nicht nur, hier hilft man ihnen dabei, wenn etwas nicht auf Anhieb klappt. Der RGA war einen Tag dabei.

8.30 Uhr: Hauswirtschafterin Wilda Fahlawati ist die erste, die Frauen und Kinder am Morgen sieht: „Guten Morgen, wie geht es Ihnen heute?“, fragt sie in jedes Zimmer, während die ersten Kinder schon über den Flur turnen. Asja (6*) ist heute krank – sie hat Ohrenschmerzen. „Frau Aslan, Sie sind heute dran mit dem Müll rausbringen“, erinnert Fahlawati freundlich in Zimmer 5. Eine Bewohnerin schrubbt bereits das Bad. Denn hier packt jede mit an. Die Aufgaben gehen reihum. So bleibt es fair. Einmal die Woche werden die Karten neu gemischt.

Katrin Buchholz macht mit den Frauen „traumasensibles Yoga“.

10 Uhr: Alles rot. Frauenhaus-Leiterin Karin Heier prüft gerade an ihrem Laptop auf www.frauen-info-netz.de, ob es in der Nähe freie Frauenhaus-Plätze gibt. Fehlanzeige. Liegt das an den Feiertagen, die gerade hinter uns liegen? „Eigentlich ist das ganz oft so“, meint sie. „Wir sind auch voll.“ Dennoch erreichen die Einrichtung nahezu täglich neue Anfragen – so viele Frauen sind in Not, suchen Schutz und Obdach für sich und ihre Kinder, wollen der Gewalt entkommen. „Wir gehen auf dem Zahnfleisch“, sagt Karin Heier. Denn die Personalnot greift auch im Frauenhaus um sich: Eine Kollegin hat Urlaub, aktuell gibt es auch keine Erzieherin mehr. Das Bewerbungsverfahren um die Stelle läuft.

11.30 Uhr: Bei Mandarinen, Tee und Kaffee kommen Karin Heier, Katrin Buchholz und Nadine Herweg im Gruppenraum zusammen, so wie jeden Mittwoch um 11.30 Uhr. Denn dann bespricht das Team die aktuellen Fälle, wie sich die Frauen entwickeln, was zu regeln ist. „Kollegiale Intervision“ nennt sich das. Mehr als vier Fälle sollte keine Kollegin haben. „Wenn was ist, kommen wir aber auch spontan zusammen. Es kann von jetzt auf gleich immer was sein“, erklärt Heier. Frauenhaus-Arbeit erfordere sehr viel Flexibilität. Auf der Fensterbank stehen zwei Dankeschön-Karten, an der Tür hängt ein selbstgemaltes Bild, gemalt von Fenja, Liam und Toni auf Raufaser-Tapete. Während sich eine Bewohnerin gut stabilisiert hat und nun in eine eigene Wohnung zieht, aber eine flexible Erziehungshilfe an die Seite bekommt, beraten die drei bereits über eine Anwärterin, die einziehen möchte: eine alleinstehende Nigerianerin. „Sie war schon mal hier, hatte dann auf die Unterstützung ihrer Tante gehofft. Doch die wollte nur, dass sie wieder mit ihrem Mann zusammenzieht“, erklärt Buchholz. In einem anderen Frauenhaus rutschte die Frau in die Depression ab. Über eine aktuelle Bewohnerin versucht sie es nun wieder in Remscheid. Die zwei sind Freundinnen. „Sie planen eine gemeinsame Zukunft in Remscheid. Das Selbsthilfepotenzial der Frauen zu aktivieren, möchten wir unterstützen“, sagt Heier. Es geht um sozialrechtliche Fragen, um Ausländerrecht, um Gewalterfahrungen, um Mutter-Kind-Einrichtungen und das Problem, das man zurzeit niemanden erreicht. Das trifft auch Esra H., die ihre Kinder aus Marokko nach Remscheid holen will (RGA berichtete): Das Verfahren zieht sich, die Mühlen der Behörden mahlen langsam. Das Problem: Er ist wieder in Marokko und darf die Kinder abholen. Die Gefahr einer erneuten Entführung ist hoch. „Da hilft nur noch Beten“, sagt Heier.

13.30 Uhr: Die Bewohnerinnen stehen vor dem Büro von Karin Heier, quatschen in verschiedenen Sprachen, es wird gelacht. Heute ist „Kassenstunde“. Also Zahltag. Einmal die Woche erhalten die Frauen ihr Geld vom Jobcenter bar ausgehändigt. „Das Prozedere hat sich bewährt, weil viele Frauen Probleme mit der Einteilung ihres Geldes haben“, erklärt Heier.

14 Uhr: Asja deckt die Karte mit der Blume um, dann noch eine – wieder die gleiche Blume. Klatsch!, haut sie auf Karte Nummer eins und sackt beide ein. Ihr Turm macht bereits dem Rathausturm Konkurrenz. „Wir spielen hier die Variante Klatsch-Memory“, erklärt Nadine Herweg, die heute die Kinder im Kinderbereich betreut, während die Mamas in der Beratung sind. Sie ist keine Erzieherin, aber kennt jedes Kind, das hier lebt. Asja räumt hier gerade den Tisch ab, schweigend, während wir gern mitspielen, aber keine Chance haben. Nebenan scheppert es: Mika (5) baut eine Holzeisenbahn auf. Und grinst über beide Ohren, als Herweg um die Ecke guckt. „Lass die Sonne rein“, prangt in gelben Lettern an der Tür, ein Schaukelpferd, eine Spielküche, sogar ein Bällebad, Schaukel und Boxsack stehen für die Kinder parat. Eine Bewohnerin steht plötzlich im Türrahmen und möchte mit Nadine Herweg sprechen – sie ist ihre Bezugsberaterin. „Später, okay?“, sagt die und deutet auf das Memory-Spiel. „He, hast du das gesehen? Ich hab gewonnen!“, sagt Asja fröhlich. Nach 20 Minuten hat sie das erste Mal gesprochen. Und die Ohrenschmerzen sind auch gar nicht mehr so schlimm.

14.30 Uhr: „Jetzt versuchen wir, die Hände hinter dem Rücken zu greifen“, sagt Katrin Buchholz und macht es vor. Beim „traumasensiblen Yoga“ bei Kerzenlicht machen die Bewohnerinnen gern mit. Eine schwangere Frau winkt beim „Baum“ ab, setzt sich auf die Matte. Kein Problem. Die anderen necken sie, es wird gekichert. „Wann kommt das Baby?“, wollen sie wissen. „Und hast du schon Babykleidung?“ Die Übungen sind kurz, es gibt keine im Liegen und keine Meditation, das könnte etwas auslösen. „Viele Frauen haben nicht viel Kraft“, erklärt Buchholz, für die der Job im Frauenhaus anstrengend, aber erfüllend ist – denn hier kann sie Frauen und Kindern helfen, sich weiterzuentwickeln. „Die Übungen können die Frauen auch im Alltag und in Stressphasen anwenden“, sagt sie. Echte Lebenshilfe also. Ihre Kollegin Nadine Herweg bietet Jogging an, verpflichtend ist für alle eine Stabilisierungsgruppe am Donnerstag: Karin Heier geht mit den Frauen „Waldbaden“ – eine Runde in die Natur – im Wechsel mit einem Gruppenangebot, bei dem sie die Bewohnerinnen zu praktischen Stabilisierungsübungen anleitet. Alle zwei Wochen freitags ist zudem „Let’s dance“, ein tanztherapeutisches Angebot mit Aurora Garcia, angesagt.

Im Kinderbereich können die Kleinen spielen, lesen, toben. Es gibt sogar ein Bällebad, eine Schaukel und einen Boxsack.

17.30 Uhr: Karin Heier, Nadine Herweg und Katrin Buchholz verlassen das Frauenhaus für heute – eine von ihnen hat aber Handy-Rufbereitschaft. Falls eine Frau krank wird oder der Ex-Mann das dritte Mal vor der Tür patrouilliert. „Feierabend hat man eigentlich nie“, sagt Heier. Jetzt übernehmen die Ehrenamtlerinnen bis 22 Uhr das Telefon, während in den Familienzimmern bereits im Bett gekuschelt wird.

* Die Namen der Bewohner wurden aus Sicherheitsgründen geändert.

Sie haben bereits gespendet

Diese Leserinnen und Leser haben bereits gespendet, wofür wir sehr dankbar sind: Wolfgang und Hannelore Stolte, Caroline Becker, Annemarie Menzel, Bruno und Jutta Schimmer, Hans-Günter und Renate Kuhl, Bärbel Wagner, Luise Kottsieper, Ina Bornholdt, Ralf Barten und Gisela Sterling-Barten, Karla Opitz, Wolfgang Opitz, Hans-Peter Geiger und Regine Strobach Geiger, Christa Quandt-Palenga, Ruth Hörster, Doris Krämer, Victorio Koch, Doris Bus, Hans Umbach, Ilse Pientka, Ursel Wolff, Heike Wiedenhoff, Ursula Hölzl, Irene Gillenberg, Tamara Markwardt, Wolfgang und Carola Seepold, Werner und Christiane Grafke, Fred und Rita Zimmermann, Bernd Putsch, Ingeborg Stoffel Stich, Helga Schmidt, Friedrich und Marianne Klein, Dr. Walter Kühhirt und Ursula Kühhirt, Klaus Heinrich Wichard, Edelgard Bambek, Detlef Günter Gast, Andreas Christian Aring, Dirk Faust, Ulrich und Barbara Rodler, Gerhild Schneider, Gerhard und Dagmar Alex, Joachim und Erika Schwarz, Karola Behrendt, Herbert Fischer und Eva Maria Werner, alle Besucherinnen und Besucher von Rockin around the Xmas tree im Theater, Helma Nawrath, Ilse Beifus, Monika Beate Putsch, Frank und Gundula Michel, Ursula Kleinmann, Marliese und Alois Buss, Arnulf Krüger, Hildegard Nehls, Angelika Elbracht, Willi Alois Bures, Brigitte Bopp, Vera Zien, Klaus und Ursel Logemann, Renate Opitz, Joachim Frings und Kornelia Ursula Kern, Erika Acker, Erika Gunkel, Helmi Musiol, Lieselotte Schaper, Peter Thiel und Martina Bartholomay-Thiel, Edda Drögemeyer, Maria Luise Öffling, Friedhelm Lombeck, Reinhard und Hannelore Kapp, Irmgard Schmälzle, Harald Hebner, Hildegard Klara Hackl, Joachim und Silke Bohnisch, Brigitte und Jürgen Gottmann, E. Müller-Fahrenberg, Manuela Lajewski, Anke Runge, Heinz Peter und Hanna Lorenz, Gabriele Heider, Ralf Trögel, Barbara Manss, Annette Howekamp, Detlev und Jutta Maier, Gertrud Scharr, Reinhold Walter Peter Wever, Luana Liverani, Ulrich und Vera Brinkmann, Patricia Mergner, Werner und Ira Huttner, Annemarie Quante, Karl Heinz Kumschier, Brigitte Beltz, Eva-Maria Herbener, Anja-Jeanette Mayer, Christel Röwers, Hans Peter u Renate Röllinghoff, Ingrid Henn, Regina und Thomas Krauser, Hans J. und Ursula Meyer, Ursula Buchholz, Morst Milscher, Hilli Paulat, Horst Meyer, Norbert Heydasch, Ulrike Knabenschuh, Klemens und Anne Ritter, Dietmar und Andrea Hoth, Heidrun Stamm, Franz-Josef und Beatrix Marmann, Karin Bartl, Brigitte Maar, Christoph und Monika Otto, Peter Binczek, Filomena Merten, Franz und Brigitte Causemann, Gabriele und Michael Sauer, Volker und Andrea Wild, Carmen Lepperhoff, Andrea Uhlitz, Helma Kreth, Helga Witt, Bernd und Gisela Wüstemann, Marliese Landeck, Peter und Ursula Faber, Ingrid Mallwitz, Delia Ines Kramer, Brigitte Kahl, Anna Ingeborg Maurer, Karsten und Claudia Mittelstädt, Horst und Gesche Röntgen, Peter Sieh, Klaus Heinrich Sporenberg, Roswitha und Hermann Lüttgen, Jochen und Heidrun Huljus, Irmtraud Kaufel, Wolfgang Kliesow, Nicole Blasek, Petra Sporenberg-Paesch, Marianne Peters, Bärbel Remmen, Hannelore Wohlfarth-Passlack und die Kaffeefreunde Hasten, Anja Donges, Rainer Schwafertz, Falk Ritter, Peter und Ursula Roth, Udo und Sabine Barenberg, Sven Meiser, Heinz Herbert und Ursel Amzehnhoff, Martina Piller-Grenzebach und alle anderen Spenderinnen und Spender, die anonym bleiben möchten.

„Helft uns helfen“ Remscheid

Spenden: Die Spenden der RGA-Hilfsaktion Helft uns helfen gehen direkt und abzugsfrei an die beiden Vereine Sozialdienst katholischer Frauen, der das Frauenhaus trägt, und die Tafel Remscheid. Die Kosten dafür trägt der RGA. Die Namen der Spenderinnen und Spender werden in allen Medien des RGA veröffentlicht, wenn im Verwendungszweck nicht „Keine Veröffentlichung“ angegeben wird.

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