Guten Seiten 2020

Remscheider Wirtschaft von Corona getroffen

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Die Remscheider Industrie kann mit heißen Eisen umgehen. Und auch mit der Krise. So wie die Firma Dirostahl auf diesem Bild. Die Freiformschmiede glich Verluste im Schiffsbau mit Zugewinnen in der Windenergie und im Transportwesen aus – und kam bisher ohne Kurzarbeit aus.

Die Remscheider Wirtschaft wurde von Corona getroffen – Sie übersteht diesen Treffer bisher aber gut.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. Düsseldorf hat Henkel. Leverkusen hat Bayer. Und Wuppertal zumindest noch Vorwerk. Remscheid hingegen kann mit klangvollen Konzernnamen kaum dienen, die hiesige Industrie ist durch klassische Mittelständler geprägt. Firmen, die in ihrer Branche oftmals den Ton angeben, deren Name teils aber schon dem eigenen Nachbarn kaum noch etwas sagen. Jahrelang, so schien es fast, war den Remscheidern ihr Firmen-Klein-Klein beinah ein wenig peinlich. In der Corona-Krise hingegen erweist sich die hiesige Unternehmensstruktur als Segen. Remscheid meistert die Krise wirtschaftlich bisher ausgesprochen gut.

Ein Blick ins RGA-Archiv der letzten Monate macht das ganz gut deutlich. Einmal im Monat veröffentlicht die örtliche IHK Daten zu den Umsätzen der heimischen Industrie. Und ohne dass wir das so geplant hätten, lesen sich die Überschriften über den letzten drei Meldungen so: „Industrieumsätze sinken langsamer“ (Oktober), „Industrieumsätze steigen wieder an“ (November) und schließlich „Umsätze der Industrie bleiben stabil“ (Dezember).

So lagen die Umsätze der Remscheider Industrieunternehmen im Oktober gerade einmal 0,8 Prozent unter denen des gleichen Monats im Vorjahr. „Das ist ja fast so, als ob es Corona bei euch nicht gegeben hätte“, entfuhr es einem Kollegen eines bundesweit tätigen Internetportals bei einem Telefonat spontan, als er diese Zahl hörte.

Ganz so glatt lief es natürlich auch in Remscheid nicht, auch an uns ging Corona nicht spurlos vorüber. Rund 1300 Remscheider Firmen meldeten bis November Kurzarbeit an, bis zu 9900 Angestellte mussten bis Mai tatsächlich in Kurzarbeit. Und trotzdem nahm auch in Remscheid die Arbeitslosigkeit zu – aber zumindest lag diese Zunahme zuletzt unter dem Schnitt in NRW.

Das wirtschaftliche Herz schlägt im produzierenden Gewerbe

Aber viele Remscheider Firmen haben es auch ganz ohne Kurzarbeit geschafft, darunter auch große Arbeitgeber wie Dirostahl mit 490 Mitarbeitern. Andere Firmen meldeten zwar Kurzarbeit an, merkten dann aber, dass sie sie eigentlich nicht brauchten, wie die Clever Diamond GmbH.

Betroffen von Kurzarbeit und Arbeitsplatzverlust sind in Remscheid wie überall in der Republik überproportional stark Dienstleistungsjobs, zum Beispiel im Einzelhandel und in der Gastronomie. Da profitiert Remscheid davon, dass sein wirtschaftliches Herz im produzierenden Gewerbe schlägt. Echte Wertschöpfung, auf die offensichtlich auch in der Krise kaum verzichtet werden kann, die durch nichts zu ersetzen ist. Und wenn doch, dann wohl nur vorübergehend. So wie im Maschinenbau, wo Investitionen teils zwar aufgeschoben werden, alle aber mit einem deutlichen Nachholeffekt nach der Pandemie rechnen.

Hinzu kommt, dass viele Remscheider Firmen echte Familienunternehmen sind, die in Generation und nicht in Quartalen denken. Und bei den oft eine ganz andere Verbindung mit den Mitarbeitern vorherrscht als in manchem Konzern. Da werden die hochgeschätzten Fachkräfte nicht so schnell vor die Tür gesetzt. Auch wenn es kurzfristig mal weh tut.

Mittel- bis langfristig könnte Remscheid sogar von Corona profitieren. Seit den 1980ern wurden aus Kostengründen Produktionslinien gen Osten verlagert, erst vor allem nach Asien, später auch nach Osteuropa. Viele Wirtschaftsregionen suchen ihr Heil seither in der Dienstleistung. Zuletzt wanderten immer mehr Produktionen zurück nach Europa, die Automatisierung und die Digitalisierung machen es möglich.

Die Pandemie hat gezeigt, wie anfällig die internationalen Lieferketten sind – und könnte diese Entwicklung daher beschleunigen und verstärken. Die Remscheider Industrie ist dafür schon mal gut gerüstet. Und dank Corona erkennen immer mehr Menschen, welchen Schatz wir an ihr haben.

Die Serie

2020 wird vor allem als das Corona-Jahr in Erinnerung bleiben, mit dessen Folgen wir uns lange rumschlagen müssen. Doch trotz der Pandemie oder zum Teil sogar gerade deswegen hat das ausgehende Jahr sein Gutes gehabt. Das möchten wir auf keinen Fall vergessen. Deshalb blicken RGA-Redakteure auf die „Guten Seiten 2020“.

In voller Mannschaftsstärke wollen die Remscheider Taxi-Unternehmen die erste Nacht des neuen Jahres bewältigen. Das heißt: 36 Fahrzeuge werden den Passagieren zur Verfügung stehen.

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