Welt-Aids-Tag

Wie ein Familienvater an Aids erkrankte

Martin Schneider (Name geändert) hat die Selbsthilfegruppe der Aidshilfe enorm weitergeholfen.
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Martin Schneider (Name geändert) hat die Selbsthilfegruppe der Aidshilfe enorm weitergeholfen.
  • Melissa Wienzek
    VonMelissa Wienzek
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Martin Schneider infizierte sich vor rund zehn Jahren mit HIV. Dann brach die Krankheit aus. Nun will er Betroffenen Mut machen und gegen Vorurteile ankämpfen.

Remscheid. Innerhalb von fünf Monaten war er nur noch Haut und Knochen. Und das ohne Diät. Martin Schneider (57, Name von der Redaktion geändert) konnte überhaupt keine Nahrung mehr bei sich behalten. Also unterzog er sich erst einer Magen-Darm-Spiegelung, man fand aber nichts. So ging es weiter, ein Spießrutenlauf begann. „Außer beim Frauenarzt war ich überall, keiner wusste, was mit mir los war“, erzählt der gebürtige Remscheider.

Nach genaueren Blutuntersuchungen stellte sich heraus: Martin Schneider ist HIV-positiv. „Das war ein Schock. Denn ich war nie richtig krank, hatte noch nie eine Erkältung.“ Seine Blutwerte waren bescheiden, er hatte kaum noch Helferzellen. Und wie sollte er es seiner Frau sagen? Martin Schneider ist bisexuell, das Paar hat einen 20-jährigen Sohn.

Das Überraschende: „Der Arzt meine, meine Infektion muss ungefähr zehn Jahre zurückliegen.“ Erst viele Jahre später brach die Krankheit dann aus. „Meine Frau hat dann gesagt: ,Wir schaffen das zusammen‘“, ist er glücklich über den Rückhalt. Angesteckt hat er sie bislang nicht, sagt er.

HIV: So ging es nach der Diagnose weiter

Bei einem Arzt in Düsseldorf, der als Koryphäe auf dem Gebiet gilt, startete der Remscheider eine medikamentöse Therapie, seine Krankenkasse vermittelte ihm schnell psychologische Unterstützung. Arbeiten konnte er nicht mehr, die Medikamente sorgten zudem für Nebenwirkungen. „Der Gedanke war die ganze Zeit in meinem Kopf. Eine emotionale Achterbahnfahrt.“

Hilfe in dieser belastenden Situation erhielt der 57-Jährige bei der Selbsthilfegruppe der Aidshilfe. „Beim ersten Treffen habe ich erst mal geheult – vor Freude. Denn ich war froh, dass ich endlich einmal unter Gleichgesinnten alles loswerden konnte. Das kann ich nur jedem empfehlen.“

HIV: Betroffene erleben Diskriminierung und Ausgrenzung

Denn nicht jedem konnte er sich anvertrauen. So mancher Bekannte meldete sich nicht mehr, nachdem die Nachricht ausgesprochen war. „Den Leuten fehlt das Verständnis für die Erkrankung und die Empathie“, meint er. Immer noch kursiere in manchen Köpfen das Vorurteil, HIV sei eine „Schwulenseuche“, zugezogen in „schmuddeligen Schwulenclubs“. Manche werfen ihm vor, er sei selbst schuld, andere denken, HIV sei allein per Händedruck übertragbar, was Quatsch sei. „Ich kenne sogar Menschen, die es bereits seit der Geburt haben. Und eine Mutter, die HIV-positiv ist, ihr Kind aber nicht.“ Gegen all diese Vorurteile will er kämpfen, für Verständnis und Akzeptanz in der Gesellschaft werben – daher erzählt der Familienvater heute seine Geschichte im Podcast der Aidshilfe.

Denn am Donnerstag, 1. Dezember, ist Welt-Aids-Tag. Laut Schätzungen des Robert-Koch-Instituts lebten vergangenes Jahr 90.700 Menschen in Deutschland mit HIV. Trotz des medizinischen Fortschritts und wirksamen Präventionskampagnen erführen Menschen aufgrund von HIV immer noch Diskriminierung und Ausgrenzung aus der Gesellschaft, in ihren Jobs oder im Gesundheitssystem, sagt Jana Kawina von der Aidshilfe Wuppertal, die in Lennep einen Standort hat. „Es ist nicht das Virus, das das Leben HIV-Positiver erschwert. Es ist die Angst davor, dass andere ihnen mit Schuldzuweisungen, Unverständnis und Ablehnung entgegentreten und aus Unwissen heraus Ängste und Bilder auf sie projizieren, die mit der Realität nicht übereinstimmen.“

Das kann Martin Schneider bestätigen. Heute sind seine Werte stabil, er hat wieder zugenommen, einen Job, geht leidenschaftlich gern tauchen. Und nimmt morgens fleißig seine Pillen. „Im Alltag denke ich nicht mehr so daran. Dabei hat mir aber auch die Selbsthilfegruppe geholfen.“

Den Podcast gibt es hier: www.aidshilfe-wuppertal.de

Angebot der Aidshilfe in Lennep

Die Aidshilfe Wuppertal mit ihrer Zweigstelle in Remscheid bietet ganzjährig in Lennep (Mollplatz 3) Beratung rund um das Thema HIV, Aids und Geschlechtskrankheiten sowie zum Themenbereich geschlechtliche und sexuelle Vielfalt an. Zudem besteht die Möglichkeit, kostenfreie und anonyme HIV-, Syphilis- und Hepatitis C-Tests zu machen. Termine sind nach individueller Absprache mit Jana Kawina unter Tel. (01 76) 34 55 19 33 oder per E-Mail möglich: j.kawina@aidshilfe.wtal.de

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