Die meisten Mitarbeiter verhalten sich vorbildlich

Wenn „Querdenker“ den Betrieb stören

Demo der „Querdenker“ im letzten Jahr vor dem Remscheider Rathaus.
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Demo der „Querdenker“ im letzten Jahr vor dem Remscheider Rathaus.

Remscheider Unternehmen berichten von Mitarbeitern, die sich weder impfen noch testen lassen wollen.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. Da staunte der Remscheider Unternehmer nicht schlecht, als ihm vor einigen Tagen ein Brief von einem seiner Mitarbeiter zu 3G am Arbeitsplatz ins Haus flatterte. Der Mitarbeiter danke dafür, dass sein Arbeitgeber seiner Fürsorgepflicht nachkomme, war darin zu lesen – um dann im schlimmsten Querdenker-Sprech umfangreiche Auskünfte und Garantien zu verlangen, bevor er sich impfen oder testen lasse.

Unter anderem besteht er in dem Schreiben auf die Bestätigung, dass die Corona-Impfstoffe keine „experimentelle mRNA-Genveränderungstherapie“ sind. Und dass das Tragen von Masken „keine erhöhte CO2-Konzentration im Organismus“ bewirke. Wohlgemerkt vom Arbeitgeber. Garniert mit dem Hinweis auf eine Resolution des Europarates, die angeblich Zwangsimpfungen und die Diskriminierung Ungeimpfter verbietet.

„Manchmal glaubt man einfach nicht, dass es so viele Querdenker und Verschwörungstheoretiker gibt“, sagt der Unternehmer, der großen Wert auf die Feststellung legt, dass sich die meisten seiner Mitarbeiter vorbildlich verhalten: „Natürlich akzeptiert und hält sich der deutlich überwiegende Teil an die Vorgaben.“ Doch die kleine Minderheit, die das ablehne, blockiere und behindere zunehmend die betrieblichen Abläufe.

„Wer sich verweigert, erhält keine Entgeltfortzahlung.“

Markus von Dreusche, AGV, über die 3G-Regel am Arbeitsplatz

Solche Mitarbeiter seien inzwischen „ein echtes Problem“, so der Unternehmer: „Das eine ist der arbeitsrechtliche Umgang damit, das andere ist der Umgang mit Blick auf den wichtigen Arbeits- und Gesundheitsschutz.“ Noch wichtiger sei aber vielleicht sogar die Frage, wie „wir als Gesellschaft nach fast zwei Jahren Einschränkungen, beklagenswerten Todesopfern und viel Leid mit der Minderheit dieser Sichtweise umgehen wollen und müssen“.

Eine Frage, die auch Markus von Dreusche, Geschäftsführer des Remscheider Arbeitgeberverbandes (AGV), nicht abschließend beantworten kann. Er bestätigt, dass es inzwischen einige vergleichbare Fälle in den Unternehmen der Region gibt. Hat aber auch keine pauschale Lösung dafür.

Corona-Krisenstab will in Remscheid drei weitere Impfstellen einrichten

Grundsätzlich lohne es sich fast immer, das Gespräch mit dem Arbeitnehmer zu suchen, sagt der AGV-Geschäftführer: „Aber manche Leute sind beratungsresistent.“ Zumal deren Argumentation oftmals „erkennbar so was von schräg ist“, dass es sich kaum lohne, darauf einzugehen. Entsprechend sei es auch nicht die Aufgabe des Arbeitgebers, die verlangten Auskünfte und Garantien zu geben: „Das kann der ja gar nicht.“

Auch bei der Bergischen IHK weiß man, dass einige Mitarbeiter der hiesigen Unternehmen „für sachliche Argumente nicht zugänglich sind“, wie es Pressesprecher Thomas Wängler ausdrückt. Das Problem hätten die meisten Firmen aber gut im Griff, ist er überzeugt: „Das machen die Unternehmen ganz professionell.“ Viele würden aktiv auf ihre Mitarbeiter zugehen und das Thema immer wieder ansprechen. „Damit erreicht man die große Mehrzahl.“

Und bei dem Rest müsse man sich halt auf eine arbeitsrechtliche Betrachtung zurückziehen, sagt Markus von Dreusche vom AGV: „Wer sich verweigert, erhält keine Entgeltfortzahlung.“ Langfristig drohe sogar die Kündigung. „Der fehlt ja unentschuldigt.“ Es liege schließlich in der Verantwortung der Mitarbeiter, die Voraussetzungen zu schaffen, um am Arbeitsplatz erscheinen zu können.

Dass die eine oder andere Firma bei der Kontrolle der 3G-Regel mal ein Auge zudrückt, zumal in Zeiten des Fachkräftemangels, glaubt Markus von Dreusche nicht. „Ich habe den Eindruck, dass das alle sehr ernst nehmen.“ Selbst kleinere Unternehmen würden konsequent Nachweise verlangen, hat er beobachtet: „Sonst drohen ja auch horrende Bußgelder.“

Hintergrund

Die 3G-Regel besagt, dass Arbeitnehmer ihren Arbeitsplatz nur betreten dürfen, wenn sie genesen, vollständig geimpft oder qualifiziert negativ getestet sind. Ausnahmen gelten, wenn sich Angestellte dort impfen oder testen wollen. Die Kontrolle obliegt dem Arbeitgeber.

Standpunkt: Kein Kavaliersdelikt

Von Sven Schlickowey

sven.schlickowey@rga.de

Dass die Menschen, denen nahezu jedes Mittel recht ist, um 3G am Arbeitsplatz oder 2G an anderer Stelle zu umgehen, zumindest zum Teil identisch mit den Leuten sind, die sich vor einigen Jahren noch über die angeblich gefälschten Ausweise von Flüchtlingen aufregten, ist natürlich nur Spekulation.

Sicher ist aber, dass sich in Zeiten von Corona das Phänomen verstärkt, dass immer mehr Menschen zu glauben meinen, sie könnten ganz individuell für sich entscheiden, welche der geltenden Regel bei ihnen Anwendung finden. Und welche nicht. Allein die Annahme, etwas sei nicht sinnvoll, reicht da schon aus, um dagegen zu verstoßen.

Was passiert eigentlich, wenn jemand für sich entscheidet, dass Tempo 30 vor der Schule nicht sinnvoll ist? Oder das Verbot, dem Nachbarn eine auf die Nase zu geben, wenn der stört? Oder die Steuerpflicht? Wer meint, er könne mit einem gefälschten Impfpass oder absurden Briefen, geltende Regeln umgehen, ist gerade dabei den Boden der Rechtsstaatlichkeit zu verlassen. Und das ist kein Kavaliersdelikt.

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