Bildung

Weihnachtscircus: Hier wird der Wohnwagen zur Schule

Lehrer Bastian Alp (41) übt mit Sheena (8) und Jordan (10) in Jordans Wohnwagen Englisch, Mathe und Deutsch.
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Lehrer Bastian Alp (41) übt mit Sheena (8) und Jordan (10) in Jordans Wohnwagen Englisch, Mathe und Deutsch.
  • Melissa Wienzek
    VonMelissa Wienzek
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Einmalig in NRW und Hessen: Reisender Lehrer unterrichtet die Artisten-Kids.

Remscheid. Der kleine Radiator sorgt für etwas Wärme. Die Schuhe stehen ordentlich auf einer Nikolaus-Matte, und auf dem Bett liegt noch der Controller der Spielekonsole: Dieser Wohnwagen gehört Jordan. Denn der Zehnjährige ist ein Artistenkind – und der Fendt 590 ist sein Kinderzimmer. Heute verwandelt sich dieses jedoch in ein einen Klassenraum: Lehrer Bastian Alp (41) von der „Schule für Circuskinder in NRW“ macht Halt auf dem Schützenplatz und unterrichtet die Artistenkinder vom Remscheider Weihnachtscircus.

Jordan und seine Schwester Sheena (8) sind mit die ersten der Truppe, die mit Mama Jessica Alcaraz (33), Schwester Jane (2) und der Uroma angekommen sind. Denn Gastrochefin Jessica Alcaraz hängt derzeit auch die Werbeplakate für den Weihnachtscircus auf, kümmert sich um die Organisation, plant die Lebensmittelbestellung. Weil der Zeitraum aber zu kurz ist, um Jordan und Sheena an einer Regelschule in Remscheid anzumelden, aber Schulpflicht herrscht, gibt es in NRW sowie in Hessen den einmaligen Fall der rollenden Zirkusschule.

Die „Schule für Circuskinder in NRW“ der Evangelischen Kirche im Rheinland ist eine staatlich genehmigte private Ersatzschule der Primarstufe und der Sekundarstufe I, Grundschule und Gesamtschule der Sekundarstufe I laufen hier in Ganztagsform. Für die Älteren gibt es Online-Kurse. Die Lehrer springen ein und reisen mit den Zirkussen mit, um die Kinder zu unterrichten. „Für uns als Lehrer ist es ein Traum, so zu arbeiten, weil wir individuell auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen können“, erklärt Bastian Alp, der aus Langenfeld stammt und in Remscheid damals eine Ausbildung zum Offsetdrucker absolviert hat, ehe er in Köln auf Lehramt studierte.

Eigentlich wäre der Lehrer heute mit seinem eigenen Wagen gekommen: ein voll eingerichtetes Klassenzimmer auf Rädern. Doch der Schulwagen samt Tischen, Stühlen, Bibliothek, Laptops und Whiteboards musste zum Tüv. Also wurde der Unterricht in Jordans Fendt verlagert.

„I like milk“ liest Sheena aus ihrem Übungsheft in perfektem Englisch vor. Eigentlich macht sie lieber Sport oder Mathe, ein bisschen Kunst noch, sagt sie. Ihr Bruder mag Mathe und Sport. Gemeinsam mit Bastian Alp pauken sie heute die Grundzüge von Englisch, Mathe und Deutsch. „Es ist besser, als in die Schule zu gehen, es sind nur vier Stunden“, erklärt Sheena grinsend. Zwei Mal die Woche rollt der Lehrer vor, die restliche Zeit müssen sich die Kinder ihre Aufgaben in ihren Heften selbst erarbeiten. „Kann ich rübergehen und mir einen Tee machen?“, fragt Sheena jetzt, und Alp willigt ein. Wenn ein Kind sich gerade nicht konzentrieren könne, sei das okay. „Dann spielen wir zur Auflockerung eine Runde Kniffel – auch das ist mathematisches Training.“

Noten gibt es nicht. Auch keine Tests. „Das brauchen wir nicht. Wir sehen ja ganz genau, was die Kinder tun“, erklärt Alp, selbst Familienvater. Einmal im Jahr gebe es ein Testzeugnis, basierend auf den Kompetenzen der Kinder. Zum Schulabschluss gibt es aber dann Noten.

Das landläufige Vorurteil, Zirkuskinder seien nicht so gut in der Schule, widerlegt der Lehrer: „Wir haben ganz normale Abschlussquoten. Manche unserer Schüler machen sogar Abi am Westfalen-Kolleg.“ Man müsse sich einfach nur auf die spezielle Welt der beruflich Reisenden einlassen, sagt er. „Und man sollte nicht versuchen, die Menschen zu ändern.“ Ihm geht es um die Kinder, um Bildungsgerechtigkeit. Dafür setze sich die rollende Schule seit 1994 ein, leiste Pionierarbeit.

Das ist auch Jessica Alcaraz wichtig. „Ich möchte, dass sie einen vernünftigen Abschluss erreichen“, sagt die Mutter von Sheena und Jordan, die auf acht Generationen Zirkusfamilie zurückblicken kann. Denn – wer weiß? Vielleicht möchten die beiden ja selbst gar keine Artisten werden. Dann hätten sie aber auf jeden Fall eine Grundlage. Wenn sie nach dem Remscheider Weihnachtscircus wieder nach Niedersachsen reisen, wo Alcaraz einen mobilen Hüpfburgenpark betreibt, gehen Sheena und Jordan wieder vor Ort in die Schule. „Ich freue mich schon, dann meine Freunde wiederzusehen“, sagt Sheena.

Die Schule für Circuskinder in NRW

Die „Schule für Circuskinder in NRW“ der Evangelischen Kirche im Rheinland mit Sitz in Hilden gibt es seit 1994. Sie beschäftigt 35 Lehrer: Primarstufen-, Sekundarstufen- und Sonderschullehrkräfte. Die 257 Schülerinnen und Schüler aus 142 Unternehmen lernen auf der Basis ihres individuellen Lernplanes nach dem Bausteincurriculum der Schule - vor Ort und digital. Den Lehrern stehen 15 Unterrichtsmobile, 6 Minimobile, 1 Transporter und 4 vom Circus mitgezogene Schuleinheiten zur Verfügung.

schulefuercircuskinder-nrw.de

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