Vermisst

Was ist mit Leonie Gritzka passiert?

Am 9. Oktober 2018 strahlt „Aktenzeichen XY . . . Spezial – Wo ist mein Kind?“ den Vermisstenfall aus Remscheid aus. Szenen wurden auch an den Originalplätzen wie dem Allee-Center gedreht. Das Foto zeigt die Schauspielerin, die Leonie Gritzka darstellt. Foto: ZDF
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Am 9. Oktober 2018 strahlte „Aktenzeichen XY . . . Spezial – Wo ist mein Kind?“ den Vermisstenfall aus Remscheid aus. Szenen wurden auch an den Originalplätzen wie dem Allee-Center gedreht. Das Foto zeigt die Schauspielerin, die Leonie Gritzka darstellt.

Seit fünf Jahren wird Leonie Gritzka vermisst – Zuletzt soll sie in einem Hückeswagener Supermarkt gesehen worden sein.

Von Daniele Funke

Remscheid. Wo ist das Mädchen mit den 1000 Gesichtern ? So jedenfalls bezeichnet der Wuppertaler Kommissar Andreas Schlaht die heute 20-jährige Leonie Gritzka, die vor fast fünfeinhalb Jahren in Remscheid verschwand. Spurlos. „Leonie zu finden, macht es unter anderem deshalb so schwer, weil sie unendlich wandelbar ist“, sagt Schlaht und verweist auf die vielen Fotos, die auf Leonies verschiedenen Facebook-Accounts öffentlich zu sehen sind – ein makelloses, hübsches, junges Gesicht ohne besondere Kennzeichen. Die glatten schulterlangen Haare mal blond, mal rot, mal dunkel gefärbt, mal ist sie stark geschminkt, mal natürlich, mal mit Nasenpiercing, mal ohne.

Vermutlich auch deshalb sind im Lauf der Jahre immer wieder Hinweise eingegangen von Menschen, die meinten Leonie gesehen zu haben – in einer Werbung für ein Schlankheitsmittel, auf der Seite eines Bordellbetreibers in Hagen. „Bislang sind alle Spuren im Sand verlaufen“, erklärt Schlaht. „Und ich versichere, es waren einige.“

Fakt ist: Um 0.30 Uhr am 23. Juli 2016 erscheint Leonies Mutter auf der Polizeiwache und meldet ihre Tochter als vermisst. Sie habe Leonie das letzte Mal am Nachmittag des Vortages gesehen, das Mädchen habe um 22 Uhr zu Hause sein sollen. Leonies Freunde werden befragt. Eine Freundin sagt aus, sie habe gesehen, wie Leonie am Nachmittag des 22. Juli am Allee-Center in einen Kleinwagen mit Kölner Kennzeichen gestiegen sei, gefahren von einem Mann mit grauen Haaren, 40 bis 50 Jahre alt. „Leonie hatte ein Faible für ältere Männer“, weiß Schlaht aus intensiver Recherche, „vermutlich ging es um eine Art Vatersehnsucht. Ihr Eigener ist gestorben, sie war stets auf der Suche nach Zuwendung.“

Auch ihre auf Wiehagen wohnende Tante Melanie Petrick hatte sich große Sorgen gemacht und immer wieder über unsere Redaktion und die Sozialen Medien um Hinweise nach dem Verbleib ihrer Nichte gebeten. Zuletzt soll die Jugendliche am 2. September 2016 in einem Hückeswagener Supermarkt und einem Eiscafé gesehen worden sein. Doch auch diese Spur führte ins Leere.

„80 bis 90 Prozent der Hinweise erweisen sich bei solchen Fällen recht schnell als untauglich.“

Andreas Schlaht, Kommissar

Leonie hat keine geradlinige Kindheit, sie kommt ins Heim, lebt zeitweise bei Pflegefamilien, kehrt kurz vor ihrem Verschwinden zu ihrer leiblichen Mutter zurück. Die Beziehung zwischen beiden sei nicht einfach gewesen, so der Kommissar, „viel haben wir darüber nicht heraus bekommen“. Leonie gilt als sprunghaft, hat einen großen Bekanntenkreis, ist dennoch sehr introvertiert. Sie erzählt nicht viel von sich. Damit fehlen den Ermittlern wichtige Ansatzpunkte.

Einziger Hinweis ist lange der Kölner Pkw, den später sogar zwei Zeuginnen gesehen haben wollen – eine beschreibt ihn als rot, die andere als anthrazit-farben. Es gibt keine Angaben bezüglich des Herstellers, „klein sei er gewesen, „vielleicht ein VW Polo oder Ford Fiesta“. Eine Anfrage bei der Kölner Zulassungsbehörde ergibt: Auf rund fünf Millionen Fahrzeuge treffen die Beschreibungen zu. „Wie hätten wir da vorgehen sollen? Alle befragen? Denn Halter und Fahrer müssen ja auch nicht übereinstimmen. Das war schlicht nicht zu stemmen“, erläutert der Kommissar. Leonie hat ihren Realschulabschluss im Frühsommer 2016 nicht geschafft, soll nach den Ferien, in denen sie letztlich verschwindet, die Nachprüfung machen. Ist sie vielleicht aus Angst vorm erneuten Scheitern verschwunden? „Das schließen wir genauso aus wie einen Suizid. Sie war einfach zu lebenslustig“, sagt Schlaht.

Im Oktober 2018 wird der Fall im Fernsehen bei „Aktenzeichen XY . . . Ungelöst“ ausgestrahlt. Auch Andreas Schlaht sitzt an diesem Abend am Telefon, nimmt Anrufe entgegen. „80 bis 90 Prozent erweisen sich bei solchen Fällen recht schnell als untauglich“, weiß der Ermittler. Dennoch gibt es diesmal einige interessante Hinweise, die die Polizei akribisch prüft.

„Einmal hieß es, eine Bekannte habe Leonie während einer Kreuzfahrt an Bord gesehen. Daraufhin hat uns Aida alle nötigen Informationen über die Passagiere zukommen lassen – Leonies Anwesenheit konnten wir ausschließen.“ Ein Anrufer habe gesagt, er sei drei Stunden auf entsprechenden Internetseiten unterwegs gewesen, um Leonie zu suchen. „Er glaubte dann, sie entdeckt zu haben, aber auch das entsprach leider nicht den Tatsachen.“

Was aber denkt der erfahrene Ermittler, was mit Leonie passiert ist? „Ich halte zwei Möglichkeiten für wahrscheinlich. Zum einen, dass sie mit neuer Identität im Ostblock oder sogar außerhalb der europäischen Grenzen lebt und einfach nicht gefunden werden möchte. Oder aber, dass sie einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen ist.“ Und dennoch betont Schlaht vor allem den Angehörigen gegenüber: Solange es keine Anzeichen auf ein Tötungsdelikt gibt, darf Hoffnung bestehen.

Vor allem derzeit, denn die Polizeibehörde Wuppertal verfolgt aktuell eine neue Spur. „Es handelt sich um äußerst umfangreiche und aufwendige Ermittlungen“, betont Schlaht. Mehr dürfe er zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen.

Hintergrund

Quote: Es gibt eine hohe Aufklärungsquote bei Vermisstenfällen. Ende 2020 wurden in Deutschland laut dem Bundeskriminalamt (BKA) etwa 8600 Menschen vermisst. Mehr als die Hälfte davon Kinder und Jugendliche. Deren Aufklärungsquote liegt bei fast 97 Prozent. Der Anteil der Menschen, die länger als ein Jahr vermisst bleiben, liegt laut Polizeistatistik bei drei Prozent.

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