Im Gespräch

Warum der Weltladen in Lüttringhausen ein Erfolg ist

Johannes Haun (74) hat den Vorsitz der Initiative abgegeben, die den Weltladen an der Gertenbachstraße trägt.
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Johannes Haun (74) hat den Vorsitz der Initiative abgegeben, die den Weltladen an der Gertenbachstraße trägt.

Johannes Haun, Mitbegründer der Ökumenischen Initiative, über Fairen Handel in schwierigen Zeiten.

Das Gespräch führte Melissa Wienzek

Herr Haun, nach 25 Jahren haben Sie den Vorsitz der Ökumenischen Initiative Lüttringhausen abgegeben. Warum?

Johannes Haun: Eigentlich wollte ich schon früher aussteigen. Aber der plötzliche Tod von Volker Beckmann und die Laden-Renovierung machten es nötig, dass ich weiter den Vorsitz führte. Dann kam Corona – und es war wichtig, den F(l)air-Weltladen am Laufen zu halten. Trotz einer temporären Schließung ist uns das gut gelungen. Jetzt hat die Mitgliederversammlung Barabara Schröder-Möring zur 1. Vorsitzenden gewählt – und ich kann mein Vorhaben, kürzer zu treten, realisieren. Für den Bereich Buchhandlung bleibe ich weiter verantwortlich. Im achtköpfigen Vorstand ist etwa die Hälfte über 70. Wenn es weitergehen soll, ist es wichtig, dass sich der Vorstand verjüngt. Das ist nun geschehen. Hinzu kommt, dass ich privat gefordert bin durch die kleinen Enkelkinder.

Weltläden haben Schwerpunkte, bei Ihnen ist es der Buchhandel. Warum war die Entscheidung richtig?

Haun: Der Buchhandel in Lüttringhausen lag zehn Jahre lang brach. Ein 16-000-Einwohner-Stadtteil ohne Buchhandlung – das war für uns unvorstellbar. Wir suchten einen professionellen Händler, fanden aber niemanden. Daher entschieden wir uns dazu, es selbst zu machen. Das war eine goldrichtige Entscheidung, denn wir taten somit nicht nur etwas für das Dorp, sondern der Buchhandel hat auch zum Gelingen des Unternehmens beigetragen. Während der deutsche Buchhandel aktuell ein Minus von 9,8 Prozent verzeichnet, haben wir ein leichtes Plus. Der Sommer ist durch den Schulbuchverkauf die umsatzstärkste Zeit für uns. Ansonsten liegt die Kundenfrequenz zwischen 12 und 25 Kunden pro Tag – wir haben keine Laufkundschaft. Im November und Dezember wird es erfahrungsgemäß wieder mehr. Neben dem Verkauf fair gehandelter Produkte von Taschen über Schmuck bis hin zu Kaffee ist der Buchhandel unser zweites Standbein.

Der Weltladen mischt sich weiter ein

Apropos fair gehandelte Produkte: Wer kann sich diese aufgrund gestiegener Energie- und Lebenshaltungskosten noch erlauben?

Haun: Das ist eine gute Frage. Wir selbst merken es aktuell noch nicht, andere Weltläden schon. Dennoch gibt es bei uns zum Beispiel auch kleine Riegel Schokolade, die erschwinglich sind. Wir versuchen dafür zu werben, sich ab und an Dinge aus dem Fairen Handel zu leisten, und das dann mit Genuss. Wir müssen generell unser Konsumverhalten überdenken. Lieber weniger, dafür aber hochwertig. Mit unseren Produkten aus dem Fairen Handel schaffen wir eine Zukunftsperspektive.

Warum?

Haun: Wir ermöglichen Menschen im Süden gerechte Löhne und geben ihnen einen Ausblick in eine gerechte Zukunft. Und das dürfen wir jetzt nicht aufgeben, im Gegenteil. Wir müssen sie weiter bestärken. Man bricht ja jetzt auch nicht den Ausbau der Erneuerbaren Energien ab, weil Ukraine-Krieg ist. Wir alle leben auf dieser einen Welt zusammen. Damit das gelingt, müssen wir aufeinander Acht geben.

Was ist also das Erfolgsrezept des F(l)air-Weltladens?

Haun: Wir haben nie zu große Schritte gemacht. Wir sind stark vor Ort, weil wir die Leute kennen, Beziehungen pflegen. Wir wollten nicht nur stets den Süden fördern, sondern auch das Dorp. Mittlerweile gelten wir als ein Ankergeschäft in der Gertenbachstraße. Die Leute schätzen, dass sie bei uns einen Treffpunkt haben. Zudem setzen wir uns für Frieden und Völkerverständigung ein und vertreten dabei eine klare Haltung.

Sollte der Weltladen, der einzige in Remscheid, nicht mehr rausgehen mit Online-Shop, Verkaufssäulen?

Haun: Ja, das überlegen wir immer wieder. Aber dafür brauchen wir Kooperationspartner. Wir hatten bereits die Gemeinden in Lennep ermuntert, einen Weltladen einzurichten. Aber dafür ist viel Personal nötig. Auch zum Online-Shop gibt es Überlegungen. Wir machen bereits immer wieder mit Aktionen auf uns aufmerksam, sind auf Festen und stellen Büchertische bei Veranstaltungen.

Welche Meilensteine konnten erreicht werden?

Haun: 1999 sind wir nur in der einen Ladenhälfte gestartet. Mit vielen Eigenmitteln und Einsatz ist es uns gelungen, den Laden weiter auszubauen. Mit der Renovierung und einer neuen LED-Lichtanlage konnten wir das Geschäft weiter nach vorn bringen – und so den Fairen Handel. Wir empfingen regelmäßig Gäste aus dem Süden. Wir haben es geschafft, eine armenische Flüchtlingsfamilie, die plötzlich samstags in unserem Laden saß, vier Jahre zu begleiten, bis sie einen Aufenthaltsstatus erlangt hatte. Wir haben zudem gute Kontakte in die politische Szene aufgebaut. Ein weiterer Meilenstein ist das Lieferkettengesetz. Jetzt geht es um das EU-Lieferkettengesetz.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Haun: Dass unsere Stadt beispielsweise fair gehandelte Arbeitskleidung für die Feuerwehr oder die Krankenpflege bezieht. In Köln ist das bereits so. Und dass sich doch noch Interessenten in Remscheid zusammenschließen, die einen weiteren Weltladen einrichten.

Zur Person

Johannes Haun (74) wurde in Oberhausen geboren, hat in Bochum, Mainz und Tübingen evangelische Theologie studiert. Von 1986 bis 2013 war er Pfarrer bei der Evangelischen Stiftung Tannenhof. Er gründete 1996 die Ökumenische Initiative Lüttringhausen mit, die seit 1999 den Weltladen trägt.

Passend zum Thema: Lüttringhauser Weltladen liefert die „faire Kiste“ nach Hause

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