Ausbildung bei Gedore

Vorbild für Flüchtlinge: Sahid Jays Integration in der Werkshalle

An dieser Maschine fertigt Sahid Jay Steckschlüsselaufsätze. Die Arbeit mache ihm Spaß, sagt er. Langfristig plant der 20-Jährige, in Remscheid zu bleiben. Und vielleicht seinen Techniker oder Meister zu machen.
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An dieser Maschine fertigt Sahid Jay Steckschlüsselaufsätze. Die Arbeit mache ihm Spaß, sagt er. Langfristig plant der 20-Jährige, in Remscheid zu bleiben. Und vielleicht seinen Techniker oder Meister zu machen.

Vor fünf Jahren flüchtete der 20-jährige Sahid Jay aus Sierra Leone, im Sommer schloss er seine Ausbildung beim Werkzeughersteller Gedore ab.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. In der Theorie eine Drei, im praktischen Teil eine glatte Eins – als Sahid Jay im Sommer seine Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer beim Werkzeughersteller Gedore abschloss, gehörte er zu den besseren seines Jahrgangs.

Dabei hatte er keine fünf Jahre vorher überhaupt erst angefangen, die deutsche Sprache zu lernen. Inzwischen wurde der 20-Jährige von seinem Ausbildungsbetrieb übernommen, wo er anderen Azubis mit einer ähnlichen Geschichte als Vorbild dienen soll. Und als Pate.

„Sahid hat schon im ersten Lehrjahr beeindruckende Leistungen gezeigt“, berichtet Bereichs- und Ausbildungsleiter Eckhard Mohr. Pünktlich und zuverlässig sei er ohnehin. „Aber am meisten beeindruckt hat mich, wie er von ersten Tag an hier im Team zurecht kam.“

Inzwischen bedient er eine Drehmaschine, auf der Steckschlüsselaufsätze gefertigt werden. Die Arbeit mache ihm Spaß, sagt Jay. „Ich bin sehr zufrieden, hier zu arbeiten.“ Ein besonderer Pluspunkt: die Kollegen. „Die sind immer bereit, mir zu helfen.“

So war die Flucht für Sahid Jay

Sahid Jay stammt aus Sierra Leone in Westafrika. Das Land gilt als eines der ärmsten der Welt, auf dem Index der menschlichen Entwicklung der UN nimmt es derzeit Platz 181 ein – von 191. Ein schrecklicher Bürgerkrieg habe das Land verwüstet, berichtet Jay. Die anschließende Ebola-Epidemie die Lage noch weiter verschlimmert.

Mit 15 Jahren machte er sich auf Richtung Norden auf, gelangte durch Guinea und den Senegal nach Marokko und in einem kleinen Boot mit 16 anderen schließlich nach Spanien. Von da ging es nach Deutschland, nach einem Zwischenstopp in Bonn landete er in Radevormwald, das war im September 2017. „Ich war fast ein Jahr unterwegs“, erinnert sich Sahid Jay.

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Nach der Flucht: Integration im Bergischen

Er lernte Deutsch, baute am Berufskolleg Wermelskirchen seinen Realschulabschluss und lernte dort auch schon die ersten Grundtechniken in der Metallbearbeitung.

Seinen Ausbildungsberuf und auch den Ausbildungsbetrieb habe er im Internet gefunden, erzählt er. „Ich habe etwas gesucht, wo ich gute Möglichkeiten habe, wenn ich ausgelernt bin.“ Inzwischen plant er mit Eckhard Mohr die nächsten Schritte. „Vielleicht mache ich später den Techniker. Oder sogar den Meister.“

Auf die Unterstützung seines Arbeitgebers habe er sich stets verlassen können, sagt Sahid Jay. Die Firma habe ihm eine Wohnung in der Nähe des Werkes vermittelt, berichtet Ausbildungsleiter Mohr. Zudem gab es zusätzlichen Werksunterricht, um die Sprachbarriere zu überwinden: „Sahid weiß alles, was er braucht. Aber die Fragen sind nicht immer leicht zu verstehen.“

Eine Form des Engagements, von der beide Seiten profitieren, wie Mohr gerne zugibt: „Wie alle haben wir ja auch zunehmend Probleme, gute Azubis zu bekommen.“

Gedore: Sahid Jay wird Pate von neuem Azubi

Nicht nur deswegen befinde man sich gerade in Gesprächen mit einem jungen Mann Guinea, der derzeit am BZI einen Grundlehrgang absolviert und vermutlich bald bei Gedore anfängt, sagt der Ausbildungsleiter. Beim Vorstellungsgespräch stellt sich durch Zufall heraus: Sahid Jay kennt den angehenden Azubi, vom Fußballspielen aus dem Stadtpark. „Da habe ich mir überlegt, ich mache ihn zu seinem Paten“, sagt Eckhard Mohr. In der Hoffnung, dass sich der Neue ähnlich gut anstellt.

Wenn Sahid Jay nicht arbeitet oder Fußball spielt, geht er ins Fitnessstudio oder zockt mit Freunden auf der Playstation. Daneben muss er sich um Dinge kümmern, mit denen ein deutscher Azubi nie etwas zu tun hätte: Sein Aufenthaltsstatus sei nach wie vor ungeklärt, berichtet er. Über den vor vier Jahren gestellten Asylantrag sei bis heute nicht entschieden. Nun setzt er auf Paragraf 25 des Aufenthaltsgesetzes (siehe unten).

Mit etwas Glück könnte das bis Jahresende abgeschlossen sein, hofft Sahid Jay. Dann könnte er auch endlich seine Mutter und seinen jüngeren Bruder in Guinea besuchen. Beide hat er seit seiner Flucht, – also seit bald sieben Jahren – nicht mehr gesehen.

Lesetipp: Dazu auch ein Interview mit Remscheids OB Burkhard Mast-Weisz: „Flüchtlinge nicht nur auf Kosten reduzieren“

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Hintergrund: Das Aufenthaltsgesetz

In Paragraf 25 des Aufenthaltsgesetzes ist geregelt, dass einem geduldeten Ausländer der Aufenthalt in Deutschland gewährt wird, wenn „er sich nachhaltig in die Lebensverhältnisse der Bundesrepublik Deutschland integriert hat“. Zudem gibt es eine besondere Regelung für „gut integrierte Jugendliche und Heranwachsende“ vor dem 21. Geburtstag, wenn diese sich seit mindestens vier Jahren in Deutschland aufhalten und einen anerkannten Schul- oder Berufsabschluss erworben haben.

Standpunkt von Sven Schlickowey: Nicht nur beklagen

sven.schlickowey@rga.de

Wenn Firmen sich in einem besonderen Maß für ihre Azubis oder andere Mitarbeiter gleich welcher Herkunft engagieren, tun sie das sicherlich auch aus Eigennutz, erst recht in Zeiten des Fachkräftemangels.

Aber das macht dieses Engagement ja nicht weniger wertvoll. Unternehmen, die den Mangel an qualifizierten Mitarbeitern und ausbildungsfähigen Jugendlichen nicht nur beklagen, sondern auch etwas dagegen unternehmen, werden ihrer Verantwortung in gleich mehrfacher Weise gerecht. Indem sie Chancen eröffnen, Arbeitsplätze schaffen und erhalten, ihre eigene Zukunft sichern und damit auch die eines Gewerbesteuerzahlers für die Gemeinde.

Und wenn diese Firmen dann mit diesen Geschichten auf die Presse zukommen, tun sie das sicherlich auch aus Eigennutz. Aber das macht die Geschichte ja nicht weniger gut. Zum Beispiel als Vorbild für andere Unternehmen.

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