Anrufe landen in der Warteschleife

Vom gesellschaftlichen Leben abgeschnitten: Senioren bitten um Hilfe

Senioren sind Opfer von Trickbetrügern. Foto: Christian Beier
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Anrufe landen häufig in der Warteschleife.
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Ohne Online-Buchungen geht bei Behörden und Ärzten nur noch wenig.

Von Axel Richter

Remscheid. Christel Hackländer ist im März 79 geworden. Bis dahin ist die Remscheiderin gut ohne Internet und Co. durchs Leben gekommen. Doch damit ist es langsam aber sicher vorbei. „Wo auch immer ich einen Termin machen will, soll ich den per Computer reservieren oder eine E-Mail schreiben“, sagt die Seniorin. „Und wenn ich trotzdem anrufe, lande ich in einer Warteschleife und keiner geht ran.“

Wie Christel Hackländer geht einigen Senioren. Das zeigte sich jetzt bei der Telefonaktion „RGA Dranbleiben“. „Man fühlt sich regelrecht von der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben abgeschnitten, nur weil man als alter Mensch mit dem Computer nicht klarkommt.“

Tatsächlich geht ohne Online-Buchungen heute nur noch wenig. Das gilt bei Behörden, aber zum Beispiel auch bei Ärzten. Was in den Praxen die Organisation des Arbeitstages erleichtert und von computeraffinen Patienten mit wenigen Mausklicks leicht bedient werden kann, gibt anderen unter Umständen Rätsel auf. Wer keine Kinder, keine Enkel hat, bleibt da leicht ohne Arzttermin.

Aktion

„Das tut mir leid“, sagt Dr. Bettina Stiel-Reifenrath. Die Hausärztin mit Praxis in Lennep ist Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung und kennt die Probleme. Auf das Internet als wichtiges Kommunikationsmedium kann sie dennoch nicht verzichten. „Jede E-Mail wird tagesaktuell beantwortet“, verspricht sie.

Per Telefon ist in den Arztpraxen dagegen oft schwierig, durchzukommen. Vor allem montags, denn dann rufen viele Patienten an. „Besser versucht man es freitags“, sagt Bettina Stiel-Reifenrath: „Oder die Patienten müssen sich auf den Weg machen und sich im Zweifel in eine Schlange einreihen, um einen Termin zu vereinbaren.“

Geduld braucht auch, wer bei der Stadt Remscheid etwas zu erledigen hat. Für die Neuzulassung eines Autos schlägt das Terminportal gegenwärtig den 18. Oktober als nächsten Termin vor. Für einen neuen Pass lässt es sich frühestens am 6. Oktober vorsprechen. Doch mit dem dritten Entlastungspaket der Bundesregierung in der Energiekrise kommt demnächst eine ganz andere Antragswelle auf die Behörden zu.

„Die Zahl der Menschen, die wohngeldberechtigt sind, wird sich verdreifachen“, sagt Arnd Krüger, Seniorenbeauftragter der Stadt. Das heißt, es werden noch mehr Termine zu vereinbaren sein.

Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz (SPD) steht deshalb vor einigen organisatorischen Aufgaben. Das gilt auch für das Bergische Service-Center als Telefonzentrale der Städte Remscheid, Solingen und Wuppertal. Die funktioniert gegenwärtig nämlich mehr schlecht als recht. Mast-Weisz will, dass die Behörden besser erreichbar sind und dass die Anrufer in der Warteschleife nicht eine Runde nach der nächsten drehen.

„Fluch und Segen“ nennt Gunda Michel, Vorsitzende des Seniorenbeirates, die Digitalisierung des öffentlichen Lebens. Unter genau diesem Motto findet im März nächsten Jahres in Solingen der Bergische Seniorentag statt. Natürlich böten Smartphone, Tablet und Laptop viele Vorteile, sagt die Christdemokratin: „Auf der anderen Seite stehen bei Ältern motorische Probleme, die die Bedienung des Touchscreens erschweren. Und zudem ist das für viele Menschen auch eine finanzielle Frage. Viele können sich so etwas gar nicht leisten.“

Für Gunda Michel steht deshalb fest: „Ob Verwaltung, Ärzte, Banken oder Versicherungen: Es ist ihre verdammte Pflicht, auch die alten Menschen mitzunehmen.“

Arnd Krüger und sein Team im Seniorenbüro am Markt bieten älteren Menschen wie Christel Hackländer derweil ihre Hilfe an. „Es gibt Senioren, die kommen gut mit den digitalen Medien zurecht. Andere wollen den Umgang damit gern lernen. Wieder andere brauchen aber die direkte Ansprache“, sagt der Seniorenbeauftragte: „Digitalisierung hin oder her. Ohne eine erreichbare Verwaltung geht es nicht.“

Seniorenbüro bietet Computerkurse

Mit der Volkshochschule bietet das Seniorenbüro am Markt zwei Kurse zum Einrichten und Umgang mit dem Laptop an. Die Teilnahme ist kostenlos. Die Kurse finden am 26. November und am 10. Dezember von 14 bis 16 Uhr im Seniorenbüro, Alte Bismarckstraße 4, statt. Pro Kurs stehen sechs Plätze zur Verfügung. Anmeldungen sind ab sofort unter Tel. (0 21 91) 4 64 53 50 möglich.

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