Vor 76 Jahren

Verschwörer retten Müngstener Brücke

Die Müngstener Brücke soll zum Weltkulturerbe werden, darum bemühen sich die Städte Remscheid, Solingen und Wuppertal. Vor 76 Jahren sollte das bis heute für den Personen- und Güterverkehr wichtige Bauwerk zerstört werden. Foto: Roland Keusch
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Die Müngstener Brücke soll zum Weltkulturerbe werden, darum bemühen sich die Städte Remscheid, Solingen und Wuppertal. Vor 76 Jahren sollte das bis heute für den Personen- und Güterverkehr wichtige Bauwerk zerstört werden.
  • Axel Richter
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Vor 76 Jahren intervenieren Unternehmer erfolgreich gegen die Sprengung durch die Wehrmacht

Remscheid. Nachträglich wollten viele die Müngstener Brücke gerettet haben. Ob und wer im April ‘45 die Zündkabel aus den Sprengladungen gezogen hat, bleibt ungeklärt. Tatsächlich ist nicht einmal verbürgt, dass es sie überhaupt gegeben hat. So viel ist allerdings gewiss: Heute vor 76 Jahren kämpften Bürger dies- und jenseits der Wupper darum, dass die für Remscheid wie Solingen gleichermaßen wichtige Eisenbahnbrücke kurz vor Kriegsende nicht gesprengt wird. Einer von ihnen ist der Remscheider Dr. Hermann Ringel, seinerzeit Hauptgeschäftsführer der Bergischen Industrie- und Handelskammer.

„Mein Vater hatte früh erkannt, dass der Krieg verloren war“, erzählt Sohn Jürgen Ringel, der heute in Düsseldorf lebt. Gemeinsam mit den Fabrikanten Hans Vaillant, Max Dominicus und weiteren Verschwörern versuchte Ringel, insbesondere Hitlers Nerobefehl vom 19. März 1945 zu unterlaufen. Ziel der Gruppe war es, Remscheid kampflos an die alliierten Truppen zu übergeben und Zerstörungen, wie die Sabotage von Industrieanlagen und die Sprengung von Brücken zu verhindern.

Die Herren drängten mich, meinen Einfluss bei Feldmarschall Model geltend zu machen.

Generaloberst Karl Hollith

Wenige Tage bevor die Amerikaner am 15. April in Remscheid und Solingen einmarschierten, wurde Ringel deshalb bei Generaloberst Karl Hollith vorstellig. Hollith war Verbindungsoffizier des Chefs der Zivilverwaltung im Ruhrgebiet bei der Heeresgruppe B von Generalfeldmarschall Walter Model und hatte bis Mitte April bei Hans Vaillant in der Berghauser Straße 46 Quartier genommen.

In einer eidesstattlichen Erklärung berichtet Hollith 1947 gegenüber den amerikanischen Besatzern von dem Treffen: „Die Herren drängten mich in ernster Sorge, meinen Einfluss bei Feldmarschall Model dahin geltend zu machen, dass die Zerstörung der beiden Brücken, an die bereits Ladungen angebracht worden seien, unterbleiben.“

Am 14. April wird die Sprengung abgesagt

Neben der Müngstener Brücke geht es um die Autobahnbrücke Höllenbachtal in der Preyersmühle. Seit dem 12. April bereiten Pioniere der Wehrmacht diese und weitere Brücken zur Sprengung vor. Hollith lässt sich von der Unsinnigkeit der Aktion überzeugen und reist am Tag nach der Unterredung mit Hermann Ringel und Hans Vaillant ins Hauptquartier Model, der die im Ruhrkessel eingeschlossenen deutschen Truppenteile zu diesem Zeitpunkt aus dem Schloss Hackhausen in Solingen-Ohligs befehligt. Hollith hat Erfolg. Am 14. April wird die Sprengung der Müngstener Brücke abgesagt oder verhindert.

Über das, was sich bis dahin genau unter der Brücke zugetragen hat, gibt es viele Geschichten. Hollith, der später wegen Wehrmachtsverbrechen zu einer fünfjährigen Haftstrafe verurteilt wird und 1985 in Siegen stirbt, schreibt ihre Rettung im wesentlichen Hans Vaillant, Hermann Ringel und sich selbst zu. Vaillant zollt er den größten Respekt: „Aus Liebe zur Heimat und zur Bevölkerung und in genauer Kenntnis der örtlichen Verhältnisse betrieb er leidenschaftlich und nachdrücklich die Verhandlungen und nahm das nicht ungefährliche Wagnis auf sich, sich in Gegensatz zu den Parteidienststellen zu setzen.“ Ihm selbst sei es „eine selbstverständliche Pflicht gewesen, die Erhaltung der Brücke zu erwirken“, erklärte Hollith den Amerikanern.

Verdient gemacht haben sich Hans Vaillant und Hermann Ringel indes nicht nur bei der Rettung der Müngstener Brücke. Sie bewahrten zum Ende des Krieges auch etliche Betriebe vor Hitlers Politik der verbrannten Erde, indem sie Informationen unterschlugen, Befehle hinauszögerten. Sohn Jürgen erinnert sich daran, dass er deshalb „Besuch“ von der Geheimen Staatspolizei bekam. „Hätte er sich ungeschickt benommen, er wäre angeklagt und voraussichtlich erschossen worden.“

Müngstener Brücke

Die Müngstener Brücke war für die Kriegsindustrie im Bergischen Land von großer Bedeutung. Sie wurde deshalb wiederholt zum Ziel von Luftangriffen der Alliierten, allerdings konnte sie nie schwer beschädigt geschweige denn zerstört werden.

Bis heute ist die Müngstener Brücke für den Personennahverkehr, aber weiterhin für die Industrie unverzichtbar. Seit 2012 wird sie für 30 Millionen Euro saniert. Remscheid, Solingen und Wuppertal bemühen sich um ihre Aufnahme in die Weltkulturerbe-Liste.

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