Geschichtsunterricht im Wald

Vater überlebte Auschwitz - Tochter kehrt an Geburtsort zurück

Geschichtsunterricht im Wald zwischen Klauser Delle und Blaffertsberg: Bluma Meinhardt, deren Vater Auschwitz überlebte, kehrte zur Lesung an den Ort zurück, an dem sie geboren wurde und aufwuchs. Foto: Roland Keusch
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Geschichtsunterricht im Wald zwischen Klauser Delle und Blaffertsberg: Bluma Meinhardt, deren Vater Auschwitz überlebte, kehrte zur Lesung an den Ort zurück, an dem sie geboren wurde und aufwuchs.

Rückkehr an den Ort ihrer Geburt im Wald bei Blaffertsberg.

Von Peter Klohs

Remscheid. Wenn Bluma Meinhardt über das Schicksal ihrer vielköpfigen Familie berichtet, wird es schnell still. Manche, die ihr zuhören, schlucken hörbar, andere weinen, wieder andere schütteln mit steinerner Mine einfach nur den Kopf. Denn Bluma Meinhardt ist Zigeunerin. Ihre Familie hat in der Zeit des Nationalsozialismus Unbeschreibliches durchmachen müssen. Das ist keine Phrase: Einige ihrer Schilderungen sind an dieser Stelle nicht druckbar, da sie zu grausam, zu unmenschlich sind.

Als Gast der Gedenk- und Bildungsstätte Pferdestall, dessen Ausstellung zur Vertreibung und Verfolgung der Zigeuner am gestrigen Freitag begonnen hat, besuchte Bluma Meinhardt am Donnerstag zum ersten Mal seit langer Zeit den Platz, an dem zwischen der Klausener Straße und der Weberstraße, noch so eben auf Lüttringhauser Gebiet, ein Zigeunerlager stand. An dieser Stelle ist sie 1961 geboren.

Am 3. März 1943 wurde ihr Vater mit vielen anderen aus dem Lager deportiert und in sechs Tagen nach Auschwitz gebracht. Er überlebte das Vernichtungslager und anschließende Todesmärsche, die über Sachsenhausen in Richtung Schwerin verliefen. Bluma Meinhardts Schilderungen aus dieser Zeit sind schwer, manche Details nicht erträglich. Dass Josef Mengele selbst ihrem Vater die Typhusspritzen in den Magen rammte, ist bei weitem nicht das Schlimmste.

Ein Zeitzeuge, der sich noch genau an das Zigeunerlager erinnern kann, ist der Remscheider Friedel Pitscher, der schildert, wo die Mauern gestanden haben, wo die zwei Eingänge zum Lager gewesen sind und das alle, die im Einzugsgebiet der Klausener Straße lebten, zum Eisernstein in die Schule mussten. „Auch die Zigeuner“, berichtet er. „Und wir hatten ein tolles Verhältnis zu den Menschen im Lager.“

Schriftstellerin trägt selbst verfasstes Gedicht vor

Auch aus ihrem eigenen Leben berichtet Bluma anschaulich. Sie lebt – mit ihren fünf Kindern und dreizehn Enkeln – in den Niederlanden. Ihr Mann starb, als sie 29 Jahre alt war. Als Kind hat sie schon viel geschrieben, was als Verarbeitung funktionierte. „Was ich erlebte und wusste, war zu viel für ein Kind“, berichtet sie. „Ich möchte nicht, dass meine Kinder unter solchen Bedingungen, unter Hakenkreuz und rechtsradikalen Parteien aufwachsen.“

Bluma Meinhardt ist Schriftstellerin geworden. Ihr an der Stätte des Zigeunerlagers gelesenes, selbst verfasstes Gedicht „In 1000 Feuern sind wir gestorben“ lässt betroffenes Schweigen zurück. Traurige Zigeunermusik von Akkordeon und Kontrabass begleiten ihre Worte. Sie schreibt viel über Feuer, über die kleinen Feuer, „die es noch immer in Deutschland gibt“, über das „innere Feuer in mir“, aber auch über die freundlichen warmen Feuer „von Menschen wie Ihnen, die denken: Nie wieder Auschwitz! Die geben mir Kraft.“

Gerne würde der Gedenk- und Bildungsstätte Pferdestall Stolpersteine zu Ehren der Familie Meinhardt an der Klausener Straße am Eingang zum Klausener Wald installieren. Die Genehmigung dazu erteilte Bluma Meinhardt gerne. Angedacht ist außerdem ein Mahnmal, wenn möglich sehr gerne an der Stelle, wo das ehemalige Zigeunerlager stand.

„Ich will nicht vergessen“

Bluma Meinhardt

Bluma Meinhardt und ihr Volk bezeichnen sich selbst als Zigeuner und lehnen die allgemein gebräuchliche Sprachregelung „Sinti und Roma“ vollkommen ab. Meinhardt will nichts anderes sein als eine Zigeunerin. Sie sagt: „Unser Volk hat noch nie eine Waffe entwickelt.“ Und bei aller Tragik, die ihr Leben begleitet, sagt sie überzeugt: „Ich will nicht vergessen.“

Unter den 1074 ausländischen Häftlingen, die während des Zweiten Weltkriegs aus politischen oder anderen Gründen im Zuchthaus Lüttringhausen inhaftiert waren, befanden sich nach einer 1950 vom Vorstand der Strafanstalt Remscheid-Lüttringhausen erstellten Liste insgesamt 132 Franzosen. Damit stellten diese nach den Niederländern und Polen die drittgrößte ausländische Häftlingsgruppe in Lüttringhausen dar.

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