Forschungsprojekt

Das unterscheidet Remscheids Quartiere

Innerstädtische Gegenden in Remscheid zählen häufig zu „dynamischen Ankunftsquartieren“. Archivfoto: Roland Keusch
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Innerstädtische Gegenden in Remscheid zählen häufig zu „dynamischen Ankunftsquartieren“. (Archivfoto)

Nach mehr als drei Jahren endet das Mosaik-Projekt über das Zusammenleben in Remscheid. Die Forscher präsentierten nun ihre Ergebnisse.

Von Manuel Böhnke

Remscheid. 48 253 Gebäude haben Forscher der Technischen Universität (TU) Dortmund in Remscheid ausgemacht. Sie zu Quartieren zusammenzufassen und Kategorien zuzuordnen, war ein Ziel von Mosaik. „Modellhafte Strategien zur integrierten und kultursensiblen Bestandsentwicklung“ verbirgt sich hinter dem Akronym. Ergebnisse des Projektes wurden am Mittwochabend bei einer digitalen Abschlussveranstaltung vorgestellt.

„Es wollen viele Städte von Remscheid lernen.“

Dr. Vera Grimm

Mehr als drei Jahre lang waren die Wissenschaftler in Zusammenarbeit mit der Stadt damit beschäftigt, das Zusammenleben in den Remscheider Quartieren zu untersuchen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) förderte die Arbeit. „Wir haben in dieser Zeit unheimlich viel mit den Menschen diskutiert und gelernt“, erklärte Projektleiter Prof. Thorsten Wiechmann. Von Beginn an hatten die Verantwortlichen betont, wie gut sich Remscheid für die Untersuchung eigne. Grund dafür sei die multikulturelle Zusammensetzung der Bevölkerung, die nur selten zu Konflikten führe. „Es wollen viele Städte von Remscheid lernen“, bestätigte Dr. Vera Grimm vom BMBF.

Remscheid: Quartiere lassen sich in drei Kategorien einordnen

In drei Kategorien lassen sich die Remscheider Quartiere laut den Forschern einordnen. Für alle haben sie Handlungsansätze entwickelt.

„Dynamische Ankunftsquartiere“: 35 der 92 Remscheider Quartiere charakterisiert Soziologin Annekatrin Kühn als „dynamische Ankunftsquartiere“. 60 000 Menschen leben dort, mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Die meist innerstädtischen Gegenden zeichnen sich durch eine hohe Wohndichte aus. Der Anteil von Migranten ist hoch, die von jungen, kinderreichen Familien ebenfalls. Die Lebensverhältnisse der Bewohner sind häufig prekär, Armut ist ein großes Thema. Dementgegen steht eine gute Infrastruktur: Haltestellen, Ärzte sowie Jugend- und Seniorentreffs sind gut erreichbar. Ihren Namen verdankt die Kategorie einer hohen Fluktuation.

Die Forscher empfehlen, Initiativen zu fördern, die dem Ankommen dienen. Gleichzeitig brauche es vermehrt schulische und außerschulische Kinderbetreuungs- und Bildungsangebote sowie Arbeit, die auf kulturelle Besonderheiten Rücksicht nimmt.

„Stabile Bleiberäume“: Anders als die „dynamischen Ankunftsquartiere“ zeichnen sich die „stabilen Bleiberäume“ durch eine hohe Quote von Ein- und Zweifamilienhäusern aus – eher in Randlagen. Das erläuterte Mathis Fragemann. 47 000 Einwohner leben in den 44 Quartieren dieser Kategorie. Der Anteil an Migranten ist eher geringer. Die Menschen sind im Schnitt wohlhabend, gut ausgebildet und relativ alt, die Geburtenrate gering. Dafür ziehen viele Familien in die Quartiere. Die Wohndauer ist lang. Im Alltag müssen sie häufig längere Distanzen zu Infrastruktur wie Schulen oder Ärzten zurücklegen.

Remscheid: Forscher empfehlen, Jugendlichen etwas zu bieten

Auf dieser Grundlage empfehlen die Forscher unter anderem, die Erreichbarkeit zentraler Infrastruktur zu sichern. Gelingen könnte das etwa, indem man innovative Fortbewegungsmöglichkeiten wie Elektromobilität fördert. Gleichzeitig brauchen die Jugendlichen Möglichkeiten, damit sie nicht wegziehen: „Ihre Bedürfnisse sind derzeit zu wenig repräsentiert.“ Mit Blick auf die recht alte Bevölkerung könne es sinnvoll sein, alternative Wohnformen, zum Beispiel Mehrgenerationenhäuser, zu fördern.

Hybride Zwischenräume: 12 Quartiere mit 4400 Einwohnern identifizierte Geograf Dennis Hardt als „hybride Zwischenräume“. Sie befinden sich in peripheren Lagen und zeichnen sich durch eine geringe Wohndichte aus. Die Wege zu Ärzten und Co. sind weit, das Armutsrisiko gering. Die Quartiere schrumpfen tendenziell, verjüngen sich aber gleichzeitig durch den Zuzug junger Familien. Die Forscher raten, Wohnanlagen und kreative Zentren in Grünen zu fördern. Ebenso schweben ihnen mobile Angebote für die Daseinsvorsorge vor.

Mit Blick auf die gesamte Stadt lobte Soziologin Prof. Dr. Susanne Frank das „hohe Engagement für ihre Heimat“, das viele Remscheider auszeichne: „Da ist ein Schatz.“ Den gelte es mit der Förderung von Ehrenamtlern und institutionelle Quartiersarbeit auszubauen.

Sozialdezernent Thomas Neuhaus sieht in den Ergebnissen eine „sehr, sehr gute Grundlage“ für eine neue, veränderte integrierte Stadtentwicklung. Er wolle sich demnächst mit Baudezernent Peter Heinze zusammensetzen, wie man die Erkenntnisse aufgreifen könne. Sie kommen Neuhaus zufolge zum richtigen Zeitpunkt: Der neue Stadtrat könne auf ihrer Grundlage arbeiten.

Methode

Die Forscher der Technischen Universität Dortmund haben zahlreiche Indikatoren ausgemacht, anhand derer sich Quartiere typisieren lassen. Um auf dieser Grundlage Ähnlichkeiten zu identifizieren, kam multivariate Statistik zum Einsatz.

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