Geschichte des Kölner Kaufmanns Oskar Pollitz

Unternehmer versteckte seinen jüdischen Schwager

Hier wurde Oskar Pollitz versteckt: Büchelstraße 19. Foto: Roland Keusch
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Andrea Blesius mit ihrer Recherche-Grundlage: der Autobiografie „Köln Appellhofplatz“, aufgeblättert ein Bild von Oskar/Sophrine Pollitz.

Die Lokalhistorikerin Andrea Blesius deckte das Schicksal von Oskar Pollitz in der Hastener Büchelstraße auf.

Von Andreas Weber

Remscheid. Am 24. März 1945 starb Oskar Pollitz in einem kleinen Dachzimmer in der Ludendorffstraße 19. In seiner Sterbeurkunde stehen Herzmuskelentartung und Herzschlag als Ursache. Ein halbes Jahr war der Jude in dem großbürgerlichen Fachwerkhaus in Hasten, heutige Adresse: Büchelstraße 19, versteckt worden. Im Hause seiner Schwiegereltern, der evangelischen Unternehmerfamilie Ferdinand Reh, fand Pollitz Unterschlupf, bevor er ein paar Wochen vor Kriegsende eines natürlichen Todes starb.

Andrea Blesius, Vorstandsmitglied im Verein Pferdestall, hat die Geschichte des Kölner Kaufmanns ausgegraben, dem die Deportation erspart blieb, ein Leben in Freiheit aber nicht vergönnt war. Über ihre auch familiär bedingten Recherchen zur JVA Lüttringhausen war die Lokalhistorikerin auf Oskar Pollitz gestoßen. Dessen Bruder Paul war nämlich in der Zeit vor den Nazis Direktor des Zuchthauses gewesen. Für Andrea Blesius kommt das, was sie in Archiven fand, einer kleinen Sensation gleich: „Die Ergebnisse der Recherchen sind unglaublich. Anfangs hat sie mir niemand abgenommen.“

Das Buch gehört nach Remscheid. Es ist wie ein Sechser im Lotto.

Andrea Blesius, Lokalhistorikerin

Wertvolle Dienste bei der Aufdeckung leistete die Autobiografie „Köln Appellhofplatz“. Elsbeth von Ameln, Tochter von Oskar Pollitz, blickt darin 1985 auf ein bewegtes Leben zurück. Über die Stadtbücherei Wermelskirchen gelangte Andrea Blesius an ein Leihexemplar. Für die Geschichtsforscherin steht fest: „Das Buch gehört nach Remscheid. Es ist wie ein Sechser im Lotto.“ Denn Elsbeth von Ameln geht dezidiert auf die Geschichte ihrer Eltern ein, die eng mit dem Hasten verknüpft ist. Oskar und Sophrine, eine geborene Reh, heirateten 1904 in Remscheid evangelisch, ein Jahr später wurde in Köln ihre Tochter geboren.

Hier wurde Oskar Pollitz versteckt: Büchelstraße 19.

Wie alle Juden bekam Oskar 1939 eine Kennkarte. Seine Firma wurde aufgelöst, weil er die auferlegten Vermögensabgaben nicht entrichten konnte. Juden wurden kontrolliert, schikaniert und gedemütigt.

Immer wieder musste die kleine Familie ihre Unterkunft wechseln. Anfang 1944 wurde Sophrine in dem hochherrschaftlichen, riesigen Patrizierhaus bei ihrem Bruder Ferdinand untergebracht, dem Teilhaber der 1845 gegründeten Sägen- und Werkzeugfabrik Carl Eduard Dominicus. „Wann genau im Herbst 1944 Oskar in Hasten bleiben durfte, lässt sich nicht belegen, willkommen war er nicht“, fand Andrea Blesius heraus. „Das Verhältnis zur Verwandtschaft blieb unterkühlt.“

Seine Unterkunft unter dem Dach in einem ungeheizten Raum war karg, sein Schwager soll ihm verschimmelte Zigaretten gegeben haben. Blesius kann aber auch verstehen, dass es für die Rehs nicht einfach war. „Denn sie riskierten mit der Unterbringung eines Judens eine Menge. Ferdinand Reh trug Verantwortung für eine Familie, seine Hausangestellten, die Firma und deren Mitarbeiter.“ Ihn zu verbergen, hätte ihn seine Existenz kosten können. Dennoch ließ er den Schwager nicht im Stich.

Tochter Elsbeth, Halbjüdin, die 1933 als Rechtsanwältin aus dem Justizdienst ausscheiden musste, weil sie den Ariernachweis nicht erbringen konnte, gelang es mit ihrem Ehemann Hermann immer wieder, von unterschiedlichen Aufenthaltsorten kurzfristig nach Remscheid zu kommen. Am 27. Februar 1945 umarmte sie ihren Vater das letzte Mal.

Vier Wochen später starb er mit 71 Jahren. Oskar Pollitz war es nicht mehr vergönnt, seine Tochter als glückliche Juristin zu sehen. Nach dem Krieg war sie die erste Frau unter den bedeutenden deutschen Strafverteidigern. Pollitz wurde in Remscheid beerdigt. Auf welchem Friedhof, ist nicht belegt. Später hat ihn seine Tochter nach Köln verlegen lassen. „Wann und wohin, ist mir nicht bekannt“, bedauert Andrea Blesius.

Vor dem Haus Büchelstraße 19 würden die heutigen Eigentümer, das Ehepaar Jakob-Pannier, gerne einen Stolperstein für Oskar Pollitz legen lassen.

Hintergrund

Andrea Blesius, 50 Jahre alt, dreifache Mutter und kaufmännische Angestellte, lebt in Wermelskirchen. Lokale Geschichtsfoschung ist ihre Passion, immer wieder taucht sie tief in Archive ein und füttert den Verein Gedenk- und Bildungsstätte Pferdestall, dessen Schriftführerin sie ist, mit neuem Material zur Forschung der Opfer des Nationalsozialismus. Zuletzt den Fall von Karel Reusen, einem niederländischen Widerstandskämpfer, der verraten wurde und von 1942 bis 1945 im Zuchthaus Lüttringhausen eingekerkert war. Im Sommer 2021 trafen sich der Pferdestall-Vorstand mit seinem Urenkel, dem auf der Karibik-Insel Aruba beheimateten Peter-Hans Auwerda, bei dessen Besuch der JVA.

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