Krieg in der Ukraine

Unternehmen organisieren Hilfe für Ukraine

Hilfsgüter für Flüchtlinge aus der Ukraine: Veith Pohlig und Olga Bingel im Souterrain der Firma Schwan Werkzeuge. Foto: Andreas Weber
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Hilfsgüter für Flüchtlinge aus der Ukraine: Veith Pohlig und Olga Bingel im Souterrain der Firma Schwan Werkzeuge.

Spenden werden sogar bis an die Grenze gefahren. Medikamente und Hygieneartikel werden zusammengestellt.

Von Andreas Weber

Remscheid. Täglich telefoniert Olga Bingel mit ihrer Schwester und ihrem Neffen in Kiew. Während die Verwandten in den ersten Tagen nach dem Einmarsch der russischen Truppen in der Ukraine munter und zuversichtlich ein „Wir stehen das durch“ nach Deutschland schickten, reagieren sie nun zunehmend gereizter und ängstlicher. Der Hauptstadt droht die Einkesselung, unter Beschuss steht sie seit Beginn des Krieges. „Im Haus meiner Schwester ist noch keine Rakete eingeschlagen, aber ein paar Straßen weiter in ihrem Wohnquartier in ein Auto. Dass es aber immer wieder Detonationen gibt und Schüsse fallen, kann man selbst am Handy manchmal hören.“

So können Sie jetzt helfen

Die Schwester will in ihrer Heimat bleiben, ihren Sohn nicht alleine lassen. Der 32-Jährige darf als Mann die Ukraine nicht verlassen, er kann jederzeit für die Verteidigung seines Landes eingezogen werden. Olga Bingel macht in ihrer Sorge das, was sie tun kann: Sie bleibt ständig in Kontakt und stellt Hilfsgüter für ihr Volk zusammen. Die Mitarbeiterin der Traditionsfirma Schwan Werkzeuge am Lüttringhauser Stursberg wird unterstützt von Veith Pohlig.

Der Sohn des Inhabers Ralph Pohlig wandte sich Sonntagnachmittag mit einer What’s-App-Nachricht an die benachbarte Spielplatzgruppe und bat um materielle Unterstützung für die Ukraine. 33 Familien lasen und teilten die Botschaft. Pohlig kündigte an, dass Rolltor am Liefertor seiner Firma bis abends offen zu lassen. „Drei Stunden später war die Rampe komplett voll.“

Anfangs war es Kleidung, die gespendet wurde, mittlerweile werden Medikamente, Verbands-, Hygienemittel, Baby- und Tiernahrung, Windeln, Powerbanks und Batterien als dringender eingestuft. Von Schwan Werkzeuge gingen die ersten Fuhren nach Düsseldorf zur dortigen ukrainischen Kirchengemeinde und zum Konsulat. Weitere Spenden treffen ein, die auch über die Hautarztpraxis Mortazawi in Lennep, wo diese Woche ein Zwischenlager eingerichtet wurde, laufen. Überall in Remscheid wollen Menschen helfen, engagieren sich Firmen. Holthaus Medical übergab gestern 16 Paletten mit Verbandsmitteln als Spende für die Ukraine an die Hilfsorganisation Global Aid Network (GAiN).

Detonationen und Schüsse sind selbst am Handy zu hören.

Olga Bingel, gebürtige Ukrainerin

Thomas Pomp (Famag-Werkzeugfabrik) und Stephan Geldsetzer (Elektrotechnik) brechen selber auf. Am Montag geht es mit zwei weiteren Fahrern und zwei größeren Sprintern zur polnisch-ukrainischen Grenze. 1250 Kilometer, um Material für Flüchtlinge zu liefern. Die Famag-Geschäftsführer Ralf Hunke und Thomas Pomp haben Zelte, Schlafsäcke und Feldbesteck organisiert. Geldsetzer hat Artikel aus dem medizinisch-hygienischen Bereich an Bord.

Es wird eine Reise ins Ungewisse. Auch wenn sie auf polnischer Seite bleiben, wissen sie noch nicht genau, wo die Übergabe stattfindet. „Wir haben uns eine Woche Zeit gegeben und werden über Krakau Richtung Lwiw fahren, uns langsam vortasten“, sagt Pomp. „Stephan und ich sind sehr spontan. Wir hatten keine Lust mehr, die schrecklichen Bilder nur im Fernsehen anzuschauen. Wir wollen selber helfen“, betont Pomp. Als Sonntag die Idee geboren wurde, hatten sie keine mediale Aufmerksamkeit im Sinn. Was im Freundeskreis kursierte, schlug jedoch schnell Wellen. Jetzt will auch Veith Pohlig Kontakt mit ihnen aufnehmen, um eine gemeinsame Koordinationsplattform in Remscheid auf die Beine zu stellen.

Eine Adresse für Hilfswillige ist die E-Mail-Adresse „ukraine@remscheid.de“. Sascha Hilverkus, angesiedelt im Führungsstab des Oberbürgermeisters, kümmert sich mit anderen Mitarbeitern um Anfragen und Angebote. Die Stadt ist mit Hochdruck dabei, eine Infrastruktur für ukrainische Flüchtlinge aufzubauen. Einige wenige sind schon da, mit einer größeren Zuweisung vom Land wird gerechnet. Die Verwaltung ist mit Wohnungsgesellschaften im Gespräch, mit Privatleuten, die Raum zur Verfügung stellen, trifft neben Wohnen die Vorbereitung für Bildung (Kitas, Schulen), Essen, Krankenschutz und Schutzimpfungen. Der Krieg im Osten überlagert alles, aber an Corona muss auch gedacht werden.

Solidarität

Gestern tagte ein städtischer Arbeitskreis unter Federführung von Rechtsdezernentin Barbara Reul-Nocke mit Vertretern von (u.a.) Gebäudemanagement, Zuwanderungsbehörde und Sozialamt. Heute Morgen soll im Verwaltungsvorstand weiter diskutiert werden, wie ukrainische Flüchtlinge willkommen geheißen werden können. OB Burkhard Mast-Weisz betont, dass man die Neuankömmlinge auf keinen Fall in Massenlagern wie Sporthallen unterbringen wolle. Beeindruckt ist der OB, dass Remscheid sieben Monate nach der großen Bereitschaft, den Flutopfern zu helfen, wieder Solidarität zeigt.

Standpunkt: Ohnmacht überwinden

Kommentar von Axel Richter

axel.richter@ rga.de

166 Ukrainer lebten vor Putins Angriff in Remscheid. Die ersten von ihnen haben bereits Verwandte bei sich aufgenommen, die dem Krieg in ihrer Heimat entronnen sind. Es dürften bald viel mehr Flüchtlinge werden, die dann kein Dach über dem Kopf bei Landsleuten mehr finden.

Mit anderen Städten bereitet sich Remscheid deshalb auf die Menschen vor. Sie kann dazu auf jene ehrenamtlichen Strukturen zurückgreifen, die sich schon in der Flüchtlingsbewegung 2015/2016 etabliert hatten. Die Remscheider haben sich damals als hilfsbereit und gastfreundlich erwiesen. Und sie werden es jetzt wieder tun.

Die Bilder, die uns aus der Ukraine erreichen, lassen niemanden kalt. Im Gegenteil: Freundeskreise, Nachbarschaften, Vereine, Firmen und ihre Mitarbeiter sammeln Sachspenden und schicken Transporter auf den Weg zur polnisch-ukrainischen Grenze. Das ist Hilfe für die Menschen, die dort völlig entkräftet ankommen. Das ist aber auch Hilfe für uns selbst. Wenn wir den Wahnsinn des Krieges schon nicht stoppen können, so müssen wir doch wenigstens denen helfen, die unter ihm leiden. Auch, um die eigene Ohnmacht zu überwinden.

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