Ungewöhnlicher Arbeitsplatz

TV-Bilder aus dem Vollzugsdienst zeigen nicht die Realität

Justizvollzugsobersekretäranwärterin Ann Katrin Lang, Justizvollzugsamtsinspektorin Sonja Röntgen und Justizvollzugsbeschäftigter Rudolf Heimbichner in einer Dienstbesprechung. Foto: Doro Siewert
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Justizvollzugsobersekretäranwärterin Ann Katrin Lang, Justizvollzugsamtsinspektorin Sonja Röntgen und Justizvollzugsbeschäftigter Rudolf Heimbichner in einer Dienstbesprechung.

Beruf: Justizvollzugsbeamter in der JVA Lüttringhausen.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. Dass Ann Katrin Langs Arbeitsplatz kein gewöhnlicher ist, das sieht man schon an den Fenstern. Viele gibt es hier und ganz unterschiedliche, die aber eines alle gemein haben: Sie sind vergittert. Ann Katrin Lang arbeitet in der Justizvollzugsanstalt Remscheid, wo sie eine Ausbildung zur Beamtin des allgemeinen Vollzugsdienstes macht. Ein Beruf, der im Volksmund oft noch als Schließer bezeichnet wird.

Und tatsächlich ist der große Schlüssel, mit dem die Türen in der Haftanstalt auf- und wieder zugeschlossen werden, aus dem Arbeitsalltag der 26-Jährigen nicht wegzudenken. Abgesehen davon hat ihr Job aber mit dem Bild davon in der Öffentlichkeit wenig zu tun. Wie auch die Auszubildende selber schon rein optisch nicht so recht ins Bild des strengen Schließers passen will.

„Zum Teil kennt man die besser als die eigenen Nachbarn.“
Sonja Röntgen über die Gefangenen der JVA Lüttringhausen

Dass viele Menschen außerhalb der JVA einen falschen Eindruck von ihrer Tätigkeit haben, überrascht Ann Katrin Lang nicht: „Man kann ja nicht in den Beruf reinschauen“, sagt sie. Denn während die Polizei, eine Berufsgruppe mit der sich die Justiz-Vollzugsbeamten durchaus vergleichen können, oft im Blick der Öffentlichkeit steht, findet in einem Gefängnis naturgemäß alles hinter hohen Mauern statt.

Und das merkt man auch an den Bewerberzahlen, sagt Sonja Röntgen, stellvertretende Ausbildungsleiterin der Lüttringhauser JVA. In den Gefängnissen des Landes gebe es einen großen Mangel an Nachwuchs, berichtet sie. „In der Regel haben wir hier in Remscheid zehn Auszubildende im ersten und zehn im zweiten Jahr.“ Um den eigenen Bedarf an Mitarbeitern zu decken, reiche das aber kaum aus. Schließlich arbeiten allein in der Lüttringhauser Haftanstalt über 300 Menschen.

Und zwar vor allem mit Menschen, wie Sonja Röntgen betont. „Unser Tagesablauf dreht sich um die Gefangenen“, berichtet sie. In einer Acht-Stunden-Schicht sei man quasi acht Stunden lang mit den Gefangenen im Gespräch. „Zum Teil kennt man die besser als die eigenen Nachbarn.“ Ein Punkt, der auch Ann Katrin Lang an ihrem Beruf reizt. Empathie sei eine Grundvoraussetzung, sagt sie. Und dass man eher den Menschen als seine Tat sehe. „Am Anfang habe ich mich noch dafür interessiert, welcher Gefangene, wofür wie lange verurteilt wurde. Inzwischen nicht mehr.“

Ann Katrin Langs Weg zum jetzigen Job war durchaus etwas verschlungen, inklusive Fachabi, FSJ und einer Ausbildung im Einzelhandel. Keine Seltenheit unter Justiz-Vollzugsbeamten. Wegen des Mindestalters von 21 Jahren zum einen. Zum andren, weil viele eher durch Zufall auf den Beruf stoßen.

Anfang Juli startete sie mit ihrer Ausbildung, die zwei Jahre dauert und aus drei Trimestern an der Justizvollzugsschule in Wuppertal-Ronsdorf und vier praktischen Abschnitten besteht. Zuvor hatte die 26-Jährige schon über ein Jahr als Angestellte in der JVA mitgearbeitet. Das sei so üblich, sagt sie. Und auch überaus sinnvoll. „So kann man testen, ob das wirklich was für einen ist.“

Genau in diesem Status als Bediensteter befindet sich aktuell Rudolf Heimbichner. Der 27-Jährige, auch er hat zuvor bereits eine andere Ausbildung absolviert, wird voraussichtlich 2021 mit der Justiz-Ausbildung beginnen. Gefunden hat er seinen neuen Job über eine Zeitungsanzeige, berichtet er. Interessiert habe ihn vor allem die Möglichkeit, anderen zu helfen: „Wir resozialisieren die Gefangenen, wir bereiten sie also auf das Leben nach dem Gefängnis vor.“

Berichte er Bekannten, was er beruflich mache, seien einige wenige geschockt, sagt er. „Aber die meisten finden das total interessant.“ Auch weil viele den Job für gefährlich halten. Was er aber nicht sei, versichert Heimbichner – und zieht einen Vergleich zur Polizei: „Die fahren direkt in die Brennpunkte, wo es gefährlich ist.“ Im Gefängnis sei man eher auf Prävention aus, so dass es erst gar nicht zu gefährlichen Situationen komme.

„Mit dem, was man in amerikanischen Filmen sieht, hat das hier gar nichts zu tun“, sagt Rudolf Heimbichner. Und selbst deutsche Serien würden zumindest sehr stark zuspitzen, sagt seine Ausbilderin Sonja Röntgen: „Was man da sieht, passiert alles schon mal, aber nicht alles in einer JVA.

Bewerben

Diese Voraussetzungen sollten Bewerber für eine Ausbildung im Allgemeinen Vollzugsdienst erfüllen: Fachoberschulreife, Hauptschulabschluss und abgeschlossene Berufsausbildung oder abgeschlossene Ausbildung in einem öffentlich-rechtlichen Ausbildungsverhältnis, deutsche oder EU-Staatsangehörigkeit sowie Dienstfähigkeit aus amtsärztlicher Sicht. Bewerber sollten mindestens 20 Jahre alt sein, bei der Verbeamtung auf Widerruf aber nicht älter als 40.

www.justiz.nrw/karriere

Ob Herrenschuh David, Lampensäule Budda oder Grill Stabilo – die Auswahl im Knastladen der Justizvollzugsanstalt Remscheid ist groß. Seit über zehn Jahren vermarkten die nordrhein-westfälischen Gefängnisse Produkte aus ihren Werkstätten im Internet. Und die Lüttringhauser JVA gehört dabei zu den aktivsten.

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