Mit Tempo 40

Remscheider Tüftler bauen motorisierte Bierkästen

Vater und Sohn in der Werkstatt: Seit Weihnachten haben sie drei Umbauten vorgenommen.
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Vater und Sohn in der Werkstatt: Seit Weihnachten haben sie drei Umbauten vorgenommen.

Oliver Hermann baut mit seinem Sohn Motoren in Getränkekisten ein. Fahren dürfen sie damit nur auf Privatgrund.

Von Peter Klohs

Fahren darf Carl die Bierkisten nur auf Privatgrund. Die Lenkung gehört zu den aufwendigsten Konstruktionen der gesamten Arbeit.

Remscheid. Wenn Väter gemeinsam mit ihren Söhnen einem Hobby nachgehen, kann daraus nicht selten etwas Verrücktes entstehen. So ist eine mehrere Hundert Meter lange Modelleisenbahnanlage durch ein großes Wohnhaus inklusive des hauseigenen Gartens bekannt. Bei Oliver und Carl Hermann ist das Hobby selbst als positiv verrückt zu bezeichnen: Die beiden bauen motorisierte Bierkästen.

Kaum betritt man das Grundstück der Familie Herrmann, begrüßt den Besucher ein eineinhalb Meter hoher schwarzer Grabstein. „Langsam fahren“ steht darauf, abgerundet durch ein schwarzhumoriges „Auf Wiedersehen“. In der Werkstatt des selbsttätigen Sanitär- und Heizungsbauer Oliver Herrmann stehen drei mit Motor bestückte Bierkästen. 15 Kilogramm wiegt jeder von ihnen. Daneben ein größeres Motorrad und Bruno, ein Rennrasentrecker, mit dem Oliver Herrmann bei der im April stattfindenden Deutschen Meisterschaft teilnehmen wird.

„Das Porto ist teurer als der Motor.“

Oliver Hermann über Teile aus China

„Die Motoren für unsere Bierkästen“, erläutert Vater Oliver Hermann, „sind Pocket-Bike-Motoren mit dreieinhalb PS, die man spottbillig in China bekommen kann. Da ist das Porto teurer als der Motor.“ Eine Kiste, vormals ein Kasten Bitburger, fährt schneller als 40 Stundenkilometer.

Carl Herrmann, 12 Jahre alt, erzählt, wie es zu dem seltenen Hobby gekommen ist. „Als ich vier Jahre alt war, habe ich so ein Ding bei einem Bekannten einmal gesehen“, sagt er. „Das Angebot, es zu fahren, konnte ich damals natürlich noch nicht annehmen, aber die Grundidee, solch eine motorisierte Bierkiste selbst bauen zu wollen, wurde damals geboren. Im vergangenen Jahr habe ich mir die dafür benötigten Teile zu Weihnachten gewünscht und auch erhalten. So haben wir die erste motorisierte Bierkiste bis auf den Motor aus Schrottteilen zusammengebaut. Wir haben Anleitungen dazu auf Youtube angesehen und uns schlaugemacht. Und schon ging es los. In drei Tagen war unser erster Bierkasten mit Motor fertig.“

Motor und Tank nehmen den größten Platz weg. Mittlerweile haben die Tüftler auch Bremsen eingebaut.

„Dazu darf man sagen“, schaltet sich Vater Oliver in das Gespräch ein, „dass unsere Kisten schon einzigartig sind. Besonders die Lenkung ist recht kompliziert. Die Konzeption dazu dauert schon ein paar Stunden. Das Ganze ist recht zeitaufwendig. Ich kann froh sein, noch arbeiten gehen zu können“, sagt er und zwinkert seinem Sohn zu. Dass das Bremsen zum Teil noch ein Problem ist, wird bei der Vorführungsfahrt ersichtlich.

Platzproblem stellt die Hobbytüftler vor Herausforderung

Der Motor wird angelassen und entpuppt sich als höllisch laut. Auf dem abgesperrten Grundstück der Herrmanns fährt Carl einige Male hin und her und bremst mit den Füßen. Eine später gebaute Kiste enthält auch eine Bremse, dieser erste Prototyp jedoch nicht.

Gerne präsentiert das kreative Duo das Innenleben der Kiste. Das sieht auf Anhieb recht einfach aus: Der Motor ist zu sehen, daneben ein kleiner Tank, einige Kabel. Das ist es. „Die Kunst ist“, sagt Oliver Herrmann, „das Platzproblem ordentlich zu lösen. Alleine der Motor und der Tank nehmen ja schon viel Fläche ein.“

Im weiteren Verlauf des Gespräches präsentiert Sohn Carl sein selbst gebautes Liegefahrrad mit Handantrieb. „Er ist schon ein kreatives Kerlchen“, sagt Oliver Herrmann stolz.

Sein Sohn gibt an, den väterlichen Betrieb einmal übernehmen zu wollen. „Das Know-how dazu hat er“, ist Oliver Herrmann sicher. „Und wenn er an seinem technischchen Verständnis noch weiter arbeitet, sehe ich da keine Probleme.“ Er muss es wissen, ist er mit seinem Unternehmen schon seit 20 Jahren in Remscheid tätig.

Gefährt ist in unter einem Tag zusammengebaut

Mittlerweile, so Oliver Herrmann, brauchen er und sein Sohn Carl nicht mehr als einen Tag für eine motorisierte Bierkiste. „Wenn man einmal weiß, wie alles zusammengehört, ist es einfach“, sagen die beiden. „Wir lernen schnell und sind halt ein Top-Team.“ Theoretisch wäre eine Kiste mit deutlich mehr PS denkbar, sagen die Tüftler. „Aber dann wird das Platzproblem sehr deutlich. Hinzu kommt die Frage: Will man wirklich noch schneller fahren. Ich muss die Tempo 40, die unsere erste Kiste fährt, gar nicht ausreizen“, gibt Vater Oliver zu. Und auch, wenn sich mittelfristig ein Erfolg – vielleicht durch Verkauf einer solchen Kiste – einstellen sollte, wird das Bauen einer motorisierten Bierkiste ein Hobby bleiben. Da sind sich beide sehr sicher.

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