Zahl der Vierbeiner ist deutlich gestiegen

Tiertrainer registriert mehr Beißvorfälle: In der Krise bleiben Hunde unerzogen

Lätitia Krimm und Hundetrainer Andreas Wirth-Bauermann nehmen Bordercollie Laudo (2) die Angst vor plötzlich auftretenden Geräuschen, wie zum Beispiel dem Öffnen eines Schirmes in unmittelbarer Nähe. Foto: Roland Keusch
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Lätitia Krimm und Hundetrainer Andreas Wirth-Bauermann nehmen Bordercollie Laudo (2) die Angst vor plötzlich auftretenden Geräuschen, wie zum Beispiel dem Öffnen eines Schirmes in unmittelbarer Nähe.

In der Pandemie sind die Remscheider auf den Hund gekommen. Im ersten Halbjahr 2021 stieg die Zahl der angemeldeten Vierbeiner auf 7011.

Von Valeria Schulte-Niermann

Remscheid. Das sind 354 Hunde mehr als jene, die im ersten Corona-Jahr bei der Stadt Remscheid registriert waren. Einige von ihnen landen nun wieder im Tierheim. Ein Grund: Die ersten Arbeitnehmer kehren aus dem Homeoffice in ihre Büros zurück und stellen fest, keine Zeit mehr für den Vierbeiner zu haben. Anderen wächst die Verantwortung dagegen über den Kopf – zumal das Tier in Zeiten geschlossener Hundeschulen keine Erziehung genossen hat.

Immerhin: Zu signifikant mehr Beißattacken ist es im Bergischen Land in der Pandemie nicht gekommen. 125 Beißvorfälle meldet das Bergische Veterinäramt für das Jahr 2020 im Städtedreieck. In 61 Fällen kamen Menschen zu Schaden. Zum Vergleich: 2019 waren es 130 Beißvorfälle, bei denen 47 Menschen verletzt wurden. Ähnliche Zahlen gibt es auch in den Vorjahren: 2018 wurden der Behörde 125 Attacken mit 61 Verletzten bekannt, 2017 waren es 160 Fälle mit 57 Verletzten.

„Die wenigsten gestehen sich ein, Hilfe zu benötigen.“

Katja Mais-Leven, Hundetrainerin bei Tippe Tappe Pfötchen

Dennoch fehlt es vielen Hunden sowie Herrchen und Frauchen an Verständnis füreinander. Und das wird sich vorläufig auch nicht ändern. Zwar dürften die Hundeschulen wieder Gruppenstunden anbieten, aber der Andrang ist groß. Wer in einen Kurs möchte, muss da leicht bis zu zwei Monate auf einen Platz warten.

„Die Nachfrage ist so hoch, dass ich drei Hundetrainer anstellen könnte“, sagt Andreas Wirth-Bauermann vom Dogcoaching Hundezentrum. Problem: Er findet keine. Dabei haben „die Probleme nach Corona definitiv zugenommen“. Nicht wenige Menschen hätten sich reichlich blauäugig einen Hund angeschafft.

Nun stehen Mensch und Hund vor Problemen: In Homeoffice-Zeiten hatte der Hund stets Gesellschaft. Und verlernte dabei – oder war nie daran gewöhnt–, auch mal allein zu bleiben. „Daran haben viele nicht gedacht“, sagt Katja Meis-Leven von Tippe Tappe Pfötchen: „Die Sozialisierung ist auf der Strecke geblieben.“

Und nicht jeder Hundehalter will das Versäumte nachholen. Im Gegenteil, sagt Katja Meis-Leven: „Die wenigsten gestehen sich ein, Hilfe zu benötigen.“ Zudem: Während Corona hätten viele Menschen sich einen Hund nur nach dem Äußeren zugelegt und nicht auf den Charakter geachtet. So kamen auch schwierige Hunde zu Ersthundehaltern, die mit den Tieren nun schlicht überfordert sind.

Ein weiteres Problem: „Ich stelle mit Erschrecken fest, dass viele Hunde mehr denn je vermenschlicht werden“, erzählt die Hundetrainerin. Die Tiere haben ein eigenes Sozialverhalten und eine eigene Kommunikation. Der Mensch muss die Signale des Hundes richtig zu deuten wissen, um Beißattacken von vornherein zu vermeiden.

Tatsächlich sehen die Profis im ersten Halbjahr 2021 eine Zunahme von Beißvorfällen insbesondere im Zusammenhang mit Kindern. 17 Hunde hat Andreas Wirth-Bauermann deshalb gerade im Hundezentrum in Behandlung. Erst vor kurzem wurde ein Säugling gebissen, weil der Hund ein Spielzeug von ihm wollte.

Das Problem fange schon im Welpenalter an, sagen die Profis. Den süßen Vierbeinern würden von unerfahrenen Haltern zu häufig keine Grenzen gesetzt. Im jugendlichen Alter will sich der Hund dann beweisen und beißt zu. Dabei sollte, wer gebissen wird, seine Hand übrigens so tief wie möglich ins Maul stecken und nicht herausziehen, um eine große Wunde zu verhindern. Aber wer reagiert instinktiv schon so?

Jeder brauche Training, heißt deshalb die Losung von Andreas Thull von der Hundeschule Bergische Pfoten. Am besten sei es, bereits im Welpenalter damit anzufangen. Denn: „Wenn Probleme sich erst festigen, wird es immer schwieriger, sie zu lösen.“

Das ist dann der Moment, in dem nicht wenige den Hund wieder loswerden wollen. Das beobachtet Andrea Reitzig, Leiterin des Tierheims an der Schwelmer Straße. Bei ihr landen die Hunde, die abgegeben werden, weil die Besitzer sich nicht mehr um das Tier kümmern können oder wollen. „Die Menschen haben die Verantwortung unterschätzt“, sagt Andrea Reitzig und rechnet fest damit, dass es in Zukunft vermehrt Pandemie-Rückläufer geben wird.

Hundeführerschein

Die meisten Hundetrainer sprechen sich heute für einen Hundeführerschein aus. In Niedersachsen ist er bereits verpflichtend. Damit soll sichergestellt werden, dass alle Halter ihren Hund zuverlässig führen und der Hund in jeder Situation entspannt bleibt.

Standpunkt: Immer verantwortlich

Von Valeria Schulte-Niermann

valeria.schulte-niermann@rga.de

Tiere können das Leben bereichern. Klar, dass sich viele während der langweiligen Lockdown-Zeit einen Hund angeschafft haben. Doch: Wer einen Hund zu sich nach Hause holt, sollte sich vorher informiert haben: über den gewünschten Charakter, Hundekommunikation und Sozialverhalten des Tieres. Zu Hause angekommen, muss jeder Hund erzogen werden – auch der kleinste. Besonders bei jungen Hunden haben die Besitzer niemals Urlaub von der Erziehung. Jeder Hundehalter ist für seinen Vierbeiner verantwortlich. Er hat nicht nur ihm gegenüber die Verantwortung, ihn vor Stress und Schäden zu schützen, sondern auch den persönlichen Raum der Mitmenschen vor dem Hund zu schützen. Besonders Kinder sollten nicht mit ihnen alleine gelassen werden – zu beiderseitigem Schutz. Der Hundeführerschein könnte helfen, damit sich Erstbesitzer das nötige Wissen aneignen. Denn wer mit einem Hund zusammenleben möchte, muss dessen Sprache lernen. Und wer Hundesignale richtig deutet, kann Beißvorfälle verhindern. Nur dann ist ein respektvolles und gutes Beisammensein möglich.

Der RGA hat eine Serie über das Leben mit Hund in Remscheid gestartet. Melissa Wienzek berichtet über ihre Erlebnisse mit Alfi, Zorro und Co. Dazu gibt es viele praktische Tipps für alle, die über Welpenkauf nachdenken oder schon stolze Hundebesitzer sind - von Hundesteuer bis Auslauf-Wiesen vor Ort. 

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