Hoffen auf den Notfallfonds

Theater kämpfen um ihr Publikum - Die größte Konkurrenz ist die Wohnzimmercouch

Hier ist noch Platz: Reintraut Schmidt-Wien und David Schmidt im Rotationstheater. 40 statt 99 Plätze hält es aktuell bereit. Foto: Roland Keusch
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Hier ist noch Platz: Reintraut Schmidt-Wien und David Schmidt im Rotationstheater. 40 statt 99 Plätze hält es aktuell bereit.

Obwohl die Kulturstätten wieder geöffnet sind, fehlen Zuschauer.

Remscheid. Stell dir vor, es ist wieder Theater, aber kaum jemand geht hin. So könnte das Schauspiel überschrieben sein, das derzeit in den Remscheider Kulturstätten gespielt wird. Denn obwohl alle Bühnen nach den Lockdowns wieder geöffnet sind, fehlen die wichtigsten Darsteller: die Gäste. „Wir müssen uns unser Publikum regelrecht zurückerobern“, bringt es David Schmidt vom Rotationstheater auf den Punkt. Ob WTT, Schatzkiste, Klosterkirche oder Teo Otto Theater: Alle berichten, dass sich das Publikum noch zurückhält. Die Folge: Veranstaltungen werden abgesagt und Künstler sind frustriert. Was bleibt, sind Einnahmenverluste. Letzten Endes muss die Kasse stimmen, damit das kulturelle Angebot aufrechterhalten bleiben kann.

Vor allem für ein großes Haus wie die Klosterkirche, die von einem Verein getragen wird und hohe laufende Kosten hat, ist das schwierig. „Es ist erschreckend. Wir kommen nach wie vor nicht an unsere Umsätze“, sagt Kulturmanagerin Andrea Preker. „Ewig können wir das natürlich nicht.“ Während das Defizit 2020 dank Zuwendungen noch überschaubar war, rechnet der Verein für 2021 mit einem Loch in fünfstelliger Höhe. „Wir werden das aber stemmen können“, betonte Vorsitzender Wolfgang Moritz zuletzt. Dennoch habe man Hilfsgeld beim Bund und beim Remscheider Notfallfonds beantragt.

Die Krux: „Wenn eine Veranstaltung aufgrund zu geringen Vorverkaufs abgesagt werden muss, greift keine Erstattung“, erklärt Preker. Gerade erst mussten wieder zwei Termine abgesagt oder verschoben werden, insgesamt sind es seit 1. September sieben. Die großen Namen wie Stefan Jürgens, Springmaus & Co. zögen, um sie macht sich die Kulturmanagerin keine Sorgen. Aber: „Neue Künstler in Remscheid zu etablieren, ist ohnehin schwer. Und nun offenbar noch schwieriger.“

Auch für zehn Gäste wird gespielt

Damit kennt sich auch das Rotationstheater aus, das zuletzt ebenfalls Auftritte absagen musste. Seit Beginn an fördert die private Kleinkunstbühne Newcomer der Comedyszene. „Aktuell fühlen wir uns in die 90er zurückversetzt, als immer nur vor zehn oder zwölf Leuten gespielt wurde“, sagt David Schmidt.

Unser Konkurrent ist nicht die Klosterkirche, sondern die Couch.

Dr. Volker Schatz, Schatzkiste

Mit den Künstlern habe man vereinbart, auch vor zehn Gästen zu spielen. „Es ist sehr schwer zurzeit, aber es ist wichtig, dass man was macht.“ Eng wird es noch nicht. „Aber da krebst man dann irgendwann am untersten Limit. Deswegen ist dieser Zuschuss wahnsinnig wichtig“, sagt Schmidt und verweist damit auf den Notfallfonds Kultur.

Für eine Ausnahme habe Michael Steinke gesorgt. Das Programm des Kleinkünstlers sei mit 70 Personen so voll wie lange nicht gewesen – wohl auch, weil das Team vorher alle Gäste angerufen hat, die seit zwei Jahren eine Karte hatten. Hinterher haben Schmidts das persönliche Gespräch mit den Gästen gesucht. „Alle sagten, sie hatten Spaß und kommen gerne wieder. Ich denke, vielleicht brauchen viele erst mal einen Schubser nach der langen Zeit.“

Streaming-Anbieter macht Kleinkunstbühne Konkurrenz

Das sieht auch Björn Lenz vom WTT so. „Viele wissen gar nicht, dass wir wieder geöffnet haben. Das Erwachen aus dem Dornröschenschlaf dauert zurzeit etwas länger“, sagt er. Gerade am Seniorenkino habe er die Zurückhaltung der Menschen gespürt: „Es war vor Corona immer rappelvoll mit 100 Zuschauern. Jetzt kriegen wir die Hälfte nicht richtig voll.“

Auch die Schatzkiste musste den für gestern geplanten Auftritt von Comedienne Rena Schwarz mangels Masse absagen. „Das ist besonders schade, weil auch das Restaurant wieder öffnen sollte“, sagt Betreiber Dr. Volker Schatz. Im Moment komme man noch über die Runden, aber es müsse nun wieder Fahrt aufnehmen. „Unser größter Konkurrent ist nicht die Klosterkirche oder das Rotationstheater, sondern die Wohnzimmercouch“, sagt Dr. Schatz. Denn viele hätten sich vermutlich während in der Krise einen Netflix-Account zugelegt und sähen keine Notwendigkeit mehr, ins Theater zu gehen.

Diese Vermutung teilt auch Sven Graf, künstlerischer Leiter des Teo Otto Theaters. „Wir sind in Stillstand geraten. Um diese Trägheit zu überwinden, muss man Energie reinstecken. Wir versuchen, diese zu liefern und die Leute zu begeistern.“ Mit einem abwechslungsreichen Programm. Aber das bieten ohnehin alle Häuser.

Aber es gibt noch andere Faktoren, sagt Graf. An erster Stelle: das Sicherheitsgefühl. Nicht jeder traut sich schon, obwohl die Impfquote gestiegen ist. Das berichten auch die anderen Häuser. „Vielleicht ist jetzt auch einfach nicht die Zeit, experimentierfreudig zu sein.“ Alle Kulturstätten hoffen nun auf die nächsten Wochen. Wenn es abends wieder eher dunkel wird – und das Licht im Theater angeht.

Notfallfonds erneut überzeichnet

Auch dieses Jahr wird der Notfallfonds Kultur der Stadt wieder erheblich überzeichnet sein. Das kann der Kulturausschussvorsitzende Karl Heinz Humpert (CDU) schon verraten. Wer wie viel Geld erhält, darüber soll in der Sitzung am 26. Oktober beraten werden. Die 200 000 Euro, die erneut im Topf sind, würden voll ausgegeben. „Wir haben zudem noch Kulturförder-Restmittel des Ausschusses in Höhe von 20 000 Euro, die wir auch zur Unterstützung der Kulturschaffenden verwenden wollen.“

Standpunkt: Jetzt kommen wir ins Spiel

Standpunkt von Melissa Wienzek

melissa.wienzek @rga.de

Man kann es irgendwo nachvollziehen: Die Angst vor dem Virus, die wir seit anderthalb Jahren mit uns herumtragen, verschwindet nicht auf Knopfdruck. Uns wurde antrainiert, vorsichtig zu sein. Aber: Die Kulturstätten tun alles, um für einen sicheren Abend zu sorgen. Alle Häuser verzichten darauf, jeden Platz zu besetzen und lassen viel weniger Zuschauer ein – obwohl sie eigentlich laut neuer Coronaschutzverordnung wieder voll auslasten dürften. Aber das wollen die Gäste auch gar nicht, erzählen die Kulturmacher aus ihren Erfahrungen. Weniger Plätze, Abstände, 3 G, frische Luft und Desinfektion: Die Häuser haben ihre Hausaufgaben gemacht. Ob Kleinkunst, Musik oder Schauspiel – das kulturelle Angebot von Lennep bis Alt-Remscheid ist reichhaltig. Jetzt liegt es an uns, den Zuschauern, ob es dieses auch in Zukunft noch weiter geben wird. Denn die Gäste werden zum Zünglein an der Waage und entscheiden dies – mit ihren Füßen. Schließlich haben während des Lockdowns alle nach der Öffnung der Theater und der Gastronomie geschrien. Jetzt ist es an der Zeit, auch wieder hinzugehen.

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