Weitere Hilfe wird wohl nötig sein

Remscheider Szene erhält ein 200.000-Euro-Trostpflaster

Eine Familie kämpft weiter für ihr Rotationstheater: (v. l.) Johannes Schmidt, David Schmidt, Reintraut Schmidt-Wien, Julia Schmidt. Foto: Michael Schütz
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Eine Familie kämpft weiter für ihr Rotationstheater: (v. l.) Johannes Schmidt, David Schmidt, Reintraut Schmidt-Wien, Julia Schmidt.

Der Kulturausschuss vergab den Remscheider Notfallfonds einstimmig.

Von Melissa Wienzek

Remscheid. Mit einem Notfallfonds linderte der Kulturausschuss am Montagabend die Not der Remscheider Künstler und Vereine. Einstimmig beschlossen sie ein 200 000 Euro starkes Trostpflaster. Damit kann die Wunde, die Corona in die Kulturlandschaft gerissen hat, erst mal versorgt werden. Geheilt wird sie dadurch aber vermutlich nicht. „Wir werden uns auch weiter über Hilfe Gedanken machen müssen“, erklärte der Kulturausschussvorsitzende Karl Heinz Humpert (CDU). Denn ein Ende der Krise sei nicht in Sicht. „Das wird uns das nächste halbe Jahr mit Sicherheit noch beschäftigen. Kunst und Kultur trifft es besonders, weil in diesen Bereichen vieles nicht durchgeführt werden kann. Die Künstler und Kulturstätten leiden unter erheblichen Einschränkungen.“ Nun, da Bundeskanzlerin Angela Merkel aufgrund weiter steigender Infektionszahlen einen neuen „Lockdown light“ plant, geht auch der Remscheider Kulturpolitiker davon aus, dass es erneut weitere Einschränkungen geben wird. Und damit weitere Nöte.

Humpert hatte den Stein ins Rollen gebracht. Auf seinen Vorschlag hin schichtete die Chefetage im Rathaus eingespartes Geld um. Weil im Teo Otto Theater aufgrund der Pandemie Veranstaltungen ausfielen und die Stadt weniger an die Bergische Symphoniker GmbH abführen musste, weil die Musiker in Kurzarbeit sind, wurden rund 200 000 Euro eingespart. Diese wurden in den Notfallfonds gesteckt.

Wie wichtig der war, zeigt auch die Überzeichnung: Um 407 270 Euro baten die Remscheider Kulturschaffenden in ihren 25 Anträgen. Die Verwaltung sichtete diese und gab eine Empfehlung an den Kulturausschuss. Dieser stand auch beim Rat in der Pflicht: Das Gremium, das in dieser Konstellation am Montag das letzte Mal zusammentrat, sollte entscheiden. Es war 5 vor 12. „Niemand weiß, wann der nächste Kulturausschuss zusammentritt“, sagt Humpert, der sich beim Kulturmanagement für die gute Arbeit bedankte. So auch bei den Gremienmitgliedern. „Es war wichtig, dass wir einen Notfonds eingerichtet haben. Wir machen das, um unsere Kultur in ihren Strukturen zu erhalten, wie wir sie vor Corona verlassen haben.“

„Einige Künstler, die zu uns kommen, sind teilweise richtig frustriert.“
David Schmidt, Rotationstheater

Eine von denen, die das aufrechterhalten, ist die Familie Schmidt. Sie betreibt das Rotationstheater in Lennep – und ist der einzige Begünstigte, der sogar über 100 Prozent aus dem Notfonds erhält. Beantragt hatten die Schmidts 27 485 Euro, auf ihrem Konto werden demnächst 27 500 Euro eingehen. Die Freude in Lennep ist groß – ist die Bühne doch besonders stark betroffen, weil das Publikum oftmals ausbleibt und Veranstaltungen abgesagt werden. Die Gäste trauen sich nicht recht.

„Der Fonds ist eine tolle Idee. Mein persönlicher Dank geht an Herrn Humpert“, sagt David Schmidt, der die Finanzen des Theaters im Blick behält. „Das hilft uns in jedem Fall die nächsten Monate, wenn nicht sogar das ganze Jahr 2021.“ Denn so könne er das Programm weiterplanen und Kleinkünstler ins Rotationstheater einladen. Die Comedians würden aus diesem Etat finanziert. „Wir werden auch mit zehn Zuschauern weitermachen.“ So könne man den Kabarettisten eine Mindestgage auszahlen. „Einige Künstler, die zu uns kommen, sind teilweise richtig frustriert. Wir sind da in der Verantwortung. Wir müssen die Künstler weiter auf die Bühne bringen!“

Deshalb sei es für ihn oberste Priorität, das Theater geöffnet zu lassen. Den Gästen möchte er sagen: „Ihr seid hier sicher!“ Er hoffe nicht, dass die Kultur erneut unter einem zweiten „Lockdown light“ leiden müsse. „Dann wäre ich auch persönlich verärgert, denn gerade die Kulturschaffenden haben einen verdammt guten Job gemacht und Schutzmaßnahmen ohne Ende erstellt.“ Er sei mehr mit den Schutzkonzepten beschäftigt als mit der Programmgestaltung. „Ich hoffe daher, dass bei weiteren Einschränkungen Vernunft dabei ist.“ 

Hintergrund

Sparten: Der Remscheider Notfallfonds Kultur wurde in den Bereichen Theater, Vereine, Veranstalter, pädagogische Angebote, Einzelkünstler und Projekte vergeben.

Theater: Das Rotationstheater erhält 27 500, die Lüttringhauser Volksbühne 10 000, die Schatzkiste 25 000, die Klosterkirche 40 000 Euro.

Künstler: Sascha Thamm erhält 4700, Thomas Wunsch 3000, Andreas Schleicher 4000, Roberto Freire 3000 und das Gitarrenzentrum Kai Heumann 4000 Euro.

Standpunkt: Kurbelwelle Kultur

Von Melissa Wienzek

Es war ein guter Tag für die Remscheider Kulturlandschaft, dieser 26. Oktober 2020 – wenn auch in einer schlechten Zeit. Aber gerade in der Coronakrise unterstreicht das den Zusammenhalt, der immer wieder in der Seestadt auf dem Berge spürbar ist.

melissa.wienzek@rga-online.de

Die Remscheider Politik und die Stadtverwaltung haben mit dem Notfallfonds ein klares Bekenntnis abgegeben: Kultur ist systemrelevant. Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist einer der dynamischsten Zweige, sie ist die Kurbelwelle im Motor Wirtschaft. 

Laut dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie betrug ihr Beitrag zur volkswirtschaftlichen Gesamtleistung in Deutschland im Jahr 2018 100,5 Milliarden Euro, der Anteil am Bruttoinlandsprodukt lag bei 3 Prozent. Damit übertrifft die Kultur- und Kreativwirtschaft übrigens Branchen wie die chemische Industrie, die Energieversorger oder die Finanzdienstleister. Kultur- und Künstlerförderung ist somit auch Wirtschaftsförderung. Die kulturelle Ausstattung einer Stadt gilt mittlerweile als entscheidender Standortfaktor. Damit kann Remscheid punkten. 

Auch die Kattwinkelsche Fabrik in Wermelskirchen muss ihr Programm den Corona bedingten Rahmenbedingungen anpassen. „Es ist eine besondere Situation. Und ich befürchte, dass da noch einiges auf uns zukommen wird“, sagt der künstlerische Leiter Achim Stollberg.

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