Stillen

„Wir stärken Mütter, an sich selbst zu glauben“

Lisa Ducherow leitet die Station BO4. Dr. Thomas Büsser ist leitender Oberarzt der Geburtshilfe am Sana-Klinikum. Fotos: Roland Keusch/Michael Schütz
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Dr. Thomas Büsser ist leitender Oberarzt der Geburtshilfe am Sana-Klinikum.

Stationsleiterin Lisa Ducherow und Oberarzt Dr. Thomas Büsser vom Sana-Klinikum erklären, wie eine Stillquote von 96 Prozent gelingt.

Das Gespräch führte Melissa Wienzek

Herr Dr. Büsser, Frau Ducherow, wie wichtig ist das Stillen?
Lisa Ducherow: Für alle unseren entbundenen Frauen, die sich aktiv dafür entscheiden, ist es das Allerwichtigste in den ersten Stunden und Tagen.
Dr. Thomas Büsser: Eine psychologische Komponente ist dabei ebenfalls wichtig: das Bonding , also der Kontakt zum Kind. Wenn eine Frau nicht stillt, hat sie nicht diese Intensität der Bindung wie eine Frau, die das Kind mehrere Stunden am Tag stillt. Dabei wird das Stillhormon Oxytocin ausgeschüttet, das auch als Glückshormon bekannt ist. Es dient nicht nur dem psychologischen Wohlbefinden, sondern sorgt auch dafür, dass sich die Gebärmutter zurückbildet. Auch ernährungsphysiologisch ist Stillen für das Kind allemal besser als die Folgenahrung. Denn das Kollostrum versorgt das Baby mit allem, was es braucht. Diabetikerinnen geben wir eine Anleitung, wie sie diese Vormilch bereits in der Schwangerschaft gewinnen können. Nach dem Ausstreichen wird das Kollostrum eingefroren. Nach der Geburt können wir dem Baby dann diese mit Nährstoffen und Antikörpern versehene Vormilch geben.
Minimiert Stillen das Brustkrebsrisiko?
Dr. Büsser: Wir wissen, dass eine Frau, die gestillt hat, ein statistisch um 20 Prozent geringeres Risiko für Brustkrebs hat. Das heißt aber nicht, dass eine Frau, die drei Kinder bekommen hat, nicht auch an Brustkrebs erkranken kann. Eine Frau, die ein Jahr stillt, macht den Wechsel der Hormone nicht so durch. Die Zusammenhänge sind noch nicht abschließend erforscht.
Sind die Mütter heute, auch durch den Einfluss von sozialen Medien, verunsicherter und wollen lieber die Flasche geben als zu stillen?
Ducherow: Lieber Flasche als Stillen – das beantworte ich ganz klar mit nein. Aber die Verunsicherung über das Stillen ist da. Frauen haben eine Idealvorstellung vom Stillen – und das sollte nach Ansicht von vielen möglichst ab der ersten Sekunde klappen. Aber viele Frauen wissen nicht, dass sich Mutter und Kind erst finden müssen. Nach zwei Wochen klappt es dann meist so, wie es soll. Wir versuchen, Ängste zu nehmen.
Dr. Büsser: Unsere primäre Stillquote liegt bei rund 96 Prozent, ohne, dass wir die Frauen missionieren. Viele haben eine falsche Vorstellung vom Stillen. Dann entwickeln sich schnell Insuffizienzgefühle wie ,Ich kann das nicht, ich bin eine schlechte Mutter‘. Hebammen und Schwestern vermitteln diese Stillkompetenz.
Sie haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in puncto Stillfreundlichkeit geschult, denn das Ziel des Klinikums ist: Über 90 Prozent der Mütter stillend entlassen. Aber wie gelingt das?
Ducherow: Dadurch, dass wir viele Gespräche anbieten, beraten. Und dadurch, dass wir jetzt auch die Hebamme mit auf der Station haben, haben wir noch eine Befürworterin mehr. Wenn es Probleme gibt, bieten wir zudem an, dass die Frauen länger bleiben dürfen.
Dr. Büsser: Es dreht sich in der Geburtshilfe viel um Empowerment. Wir versuchen den Frauen durch unsere Erfahrung sowohl im Entbindungsbereich als auch in der Pflege und in der Stillbetreuung zu vermitteln, dass sie im sicheren Setting üben können. Am Ende schaffen es alle Frauen. Wir versuchen, den Glauben an sich selbst zu stärken. Unser Motto lautet ,sanft und sicher‘. Das heißt, nicht nur eine möglichst natürliche Geburt zu ermöglichen, sondern die Frauen auch danach ganzheitlich zu betreuen, dabei aber auch ihre Sorgen und Ängste ernstzunehmen. Alle Berufsgruppen wirken darauf hin, dass die Frauen stillkompetent das Haus verlassen und ihren Kindern das Beste mitgeben, was sie können: die Muttermilch. Das gelingt uns in 96 Prozent der Fälle.
Ein Baustein ist sicher auch die Hebammenvisite, die es seit Mai gibt. Was ist diese genau – und wird sie gut angenommen?
Ducherow: Von 8 bis 12 Uhr betreut täglich auch eine Hebamme die Wöchnerinnen auf der Station, zusätzlich zu Arzt- und Pflegevisite. Von den Frauen wird dies zu 100 Prozent angenommen. Zudem habe ich vier Laktations- und Stillberaterinnen in der Abteilung und zwei auf der Station.
Dr. Büsser: Die Arztvisite konzentriert sich eher auf die physiologischen Rückbildungsprozesse. Wir haben oft gar nicht die Zeit, um ausführlich über das Stillen zu sprechen. Hier sind dann die Schwestern und die Hebammen Ansprechpartnerinnen. Denn die Frauen haben alle Redebedarf.
Lisa Ducherow leitet die Station BO4.

Rund ums Sana

Geburten: 1300 bis 1400 pro Jahr, sprich 3 bis 4 Entbindungen pro Tag. Das Sana-Klinikum Remscheid macht keine Steißgeburten. Von 100 Geburten kommen 5 Babys in Steißlage, schätzt Chefärztin Kathrin Eikholt. Das Sana hat einen perinatalen Schwerpunkt. Das Team betreut Risikoklientel, versorgt zudem Frühchen. Eine Entbindung ist ab der 32. Schwangerschaftswoche möglich.

Kaiserschnitt: Die Kaiserschnittquote im Sana liegt bei 29,5 Prozent – etwas unter dem Bundesdurchschnitt im Vergleich mit gleich großen Kliniken. Die Zahl von natürlichen Geburten, die abgebrochen werden müssen und bei denen dann ein Kaiserschnitt erfolgt, liegt bei 15 Prozent.

Auch interessant: Palliativausweis dokumentiert den Willen des Patienten.

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