In der Krise wächst die Verzweiflung

Stiftung Tannenhof rechnet mit stark steigenden Patientenzahlen

Stiftung Tannenhof rechnet mit stark steigenden Patientenzahlen.
+
Stiftung Tannenhof rechnet mit stark steigenden Patientenzahlen.

Noch scheuen die Menschen den Arztbesuch, doch die Stiftung Tannenhof rechnet mit stark steigenden Patientenzahlen.

Von Axel Richter

Remscheid. Der deutsche Wirtschaftsmotor lief rund. Die Firmen machten gute Umsätze, die Arbeitsplätze waren sicher und Fachkräfte gesucht. Dann kam Corona und die gesicherten Verhältnisse, in denen sich die Menschen glaubten, erwiesen sich als fragil zu zerbrechlich.

Prof. Dr. Eugen Davids warnt vor den psychischen Folgen des Lockdowns im Bergischen Land.

Das bleibt nicht ohne Folgen. „Unsere Patientenzahlen werden erheblich steigen“, sagt Prof. Dr. Eugen Davids, ärztlicher Direktor der Stiftung Tannenhof. Und zwar so erheblich, dass das psychiatrische Krankenhaus mit dem Bau neuer Behandlungsräume begonnen hat.

Remscheid: Deutlich weniger Arztbesuche als vor der Corona-Krise – noch

Der Mediziner, der im Bergischen Land mit seinen rund 600 Mitarbeitern für die psychiatrische Versorgung von annähernd 500 000 Menschen verantwortlich zeichnet, beschreibt so etwas wie die Ruhe vor dem Sturm. Denn noch konsultieren in Remscheid in der Corona-Krise deutlich weniger Patienten einen Arzt als davor.

„Eine Woche blieb der Mann trotz Schmerzen daheim.“
Dr. Bettina Stiel-Reifenrath

Das gilt für die Stiftung Tannenhof wie für das Sana-Klinikum und die niedergelassenen Ärzte gleichermaßen. Die Angst, sich in einer Praxis oder einem Krankenzimmer anzustecken, lässt die Menschen daheim bleiben. Und zwar selbst dann, wenn es ums Überleben geht.

In ihrem viel beachteten Interview berichtete Dr. Bettina Stiel-Reifenrath, Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung in Remscheid, von einem besonders dramatischen Fall aus der eigenen Praxis. Ein Patient hatte sich aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Virus Sars-CoV-2 nicht in Behandlung geben wollen.

„Eine Woche blieb der Mann trotz Schmerzen in der Brust daheim. Am Ende mussten wir ihn vom Rettungsdienst mit Blaulicht ins Krankenhaus bringen lassen“, berichtete seine Hausärztin. „Er hatte einen akuten Herzinfarkt erlitten.“

Remscheid: Sana-Klinikum bemerkt Rückgang in Notaufnahme

Von ähnlichen Fällen wissen die Ärzte im Sana-Klinikum nicht zu berichten. „Wie fast alle Kliniken in Deutschland ist jedoch auch bei uns ein Rückgang der Patientenzahlen in der Notaufnahme zu erkennen“, berichtet Geschäftsführerin Svenja Ehlers auf Nachfrage des RGA: „Der Rückgang bezieht sich insbesondere auf Patienten mit weniger schweren und scheinbar nicht dringlichen Erkrankungen.“

Die waren es freilich, die in den Zeiten vor Corona die Notfallambulanz regelrecht fluteten. Statt einen Haus- oder Facharzt suchten sie die Ambulanz auf. Im Sana-Klinikum überlegten sie deshalb im Januar, wie die Patientenströme besser zu kanalisieren seien. Prof. Dr. Burkhard Sievers, Leiter der Klinik für Kardiologie, wollte die Notaufnahme für Notfälle vorbehalten sehen.

Freilich mahnt Sana auch heute, Krankheitssymptome nicht zu ignorieren, sondern frühzeitig ärztlich abklären zu lassen. Denn: „Die Folgen einer nicht behandelten Erkrankung können erheblich sein“, sagt Klinikchefin Svenja Ehlers. „Aus diesem Grund hat die Bundesregierung die Krankenhäuser aufgefordert, planbare Operationen wieder aufzunehmen.“ Sie waren angesichts der Bedrohung durch Covid-19 eingestellt worden. Um den Menschen die Angst vor einer Infektion mit Sars-CoV-2 zu nehmen, hat Sana unter anderem separate Covid-Bereiche eingerichtet, es gibt Eingangskontrollen per Passierschein und Tests.

Remscheid: Umsatz von Alkoholika ist in Corona-Krise gestiegen

Auch Professor Dr. Eugen Davids setzt in der Stiftung Tannenhof auf ein engmaschiges Kontrollsystem. Die Entwicklung gibt ihm recht. Zu Anfang der Pandemie meldete das psychiatrische Krankenhaus zwei infizierte Mitarbeiter. Sie haben die Krankheit überstanden und auf dem Campus in Lüttringhausen niemanden angesteckt. Nun werden sie gebraucht zur Bewältigung der psychischen Kollateralschäden in der Corona-Krise.

Der Umsatz von Alkoholika ist in der Corona-Krise gestiegen. Prof. Dr. Eugen Davids, ärztlicher Direktor der Stiftung Tannenhof, sieht das als Alarmsignal. Nach Wochen im Ausnahmezustand und angesichts zunehmender Existenzsorgen sieht er die Menschen reizbarer und dünnhäutiger werden. Lebensverdruss stelle sich ein, der in Suizidalität münden kann. Lesen Sie hierzu das Interview der Woche am kommenden Montag im RGA.

Hier finden Sie aktuelle Informationen zu Entwicklungen rund um das Coronavirus in Remscheid: Dieser Live-Blog wird laufend aktualisiert.

Standpunkt: Bitte wohlwollend prüfen

Von Axel Richter

In Nordrhein-Westfalen wird es wegen der Corona-Krise keine verkürzten Sommerferien geben. Dabei würde eine verkürzte Ferienzeit nicht nur mit Blick auf den in den vergangenen Wochen entgangenen und nachzuholenden Schulstoff viel Sinn ergeben.

Denn nicht nur Erwachsene leiden in der Krise. Stehen bei ihnen gegenwärtig existenzielle Sorgen im Mittelpunkt, die nach Expertenmeinung in einer deutlichen Zunahme psychiatrischer Erkrankungen münden werden, so fehlt den Kindern vor allem die Begegnung mit Gleichaltrigen. 

Die Remscheider Grünen unterbreiten deshalb einen Vorschlag, den die Stadt Remscheid wohlwollend prüfen sollte. Wie wäre es, die Schulen und Sporthallen würden in den Sommerferien für die Kinder und Jugendlichen öffnen? Dort könnten sie sich treffen, spielen, abhängen, betreut werden. Und darüber hinaus versäumten Lernstoff nachholen. Es würde allen guttun, vor allem aber jenen, die seit Wochen in beengten Wohnverhältnissen leben, denen das technische Equipment für Homeschooling fehlt und die darüber hinaus nicht auf die Unterstützung der Eltern zählen können. Wie viele Erwachsenen sind auch sie dringend auf Hilfe angewiesen.

Wissenschaftler forschen mit Hochdruck an Impfstoff-Kandidaten. Nun haben erste Testpersonen in Deutschland einen Wirkstoff verabreicht bekommen.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Nach Unfall: Die L 74 ist wieder frei
Nach Unfall: Die L 74 ist wieder frei
Nach Unfall: Die L 74 ist wieder frei
Neue Sirenen benötigen Zeit - Remscheid baut Warninfrastruktur neu auf
Neue Sirenen benötigen Zeit - Remscheid baut Warninfrastruktur neu auf
Neue Sirenen benötigen Zeit - Remscheid baut Warninfrastruktur neu auf
Fluten schädigen die Ökosysteme langfristig
Fluten schädigen die Ökosysteme langfristig
Fluten schädigen die Ökosysteme langfristig
Corona: Corona-Hilfe für Vereine - Zehn Neuinfektionen - Inzidenz steigt auf 14,4
Corona: Corona-Hilfe für Vereine - Zehn Neuinfektionen - Inzidenz steigt auf 14,4
Corona: Corona-Hilfe für Vereine - Zehn Neuinfektionen - Inzidenz steigt auf 14,4

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare