„Das ist für uns eine Katastrophe“

Stadtdechant Thomas Kaster kritisiert Kölner Kardinal Woelki

Thomas Kaster in St. Marien. Der Stadtdechant hofft weiter auf Veränderungen.
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Thomas Kaster in St. Marien. Der Stadtdechant hofft weiter auf Veränderungen.
  • Axel Richter
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Neue Vorwürfe im Missbrauchsskandal: Stadtdechant Thomas Kaster kritisiert Kölner Kardinal Woelki.

Das Gespräch führte Axel Richter

Herr Kaster, erst gibt es Streit um die Veröffentlichung von Gutachten, dann geht es um teure Beraterrechnungen, nun soll Kardinal Woelki versucht haben, seine Haut zu retten. Mal ehrlich: Verwundern Sie die Nachrichten aus Köln eigentlich noch?

Thomas Kaster: Ich ärgere mich darüber, denn die Nachrichten schaden unserer Arbeit vor Ort. Der Kardinal müsste sich äußern und eine klare Aussage dazu treffen, ob die Vorwürfe zutreffen oder nicht. Stattdessen schickt er seinen Generalvikar vor, der damals überhaupt nicht bei diesen Vorgängen dabei war und der sich darüber beklagt, dass die Medien über Interna berichten. Im Ergebnis ist das eine Katastrophe.

Aber so neu ist das doch alles nicht. Es ist doch längst bekannt, dass der Kardinal im Missbrauchsskandal 820 000 Euro für PR-Beratung ausgegeben hat. Wofür, wenn nicht dafür, am Ende gut dazustehen?

Kaster: Ja, natürlich fragt man sich, wofür ein Kardinal in dieser Sache PR-Berater braucht. Es geht jetzt um die Beantwortung der Frage: War es so oder nicht? Wo sind wir da überhaupt hingekommen? Es geht um schändliche Dinge. Da hilft allein Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit.


Ihr Wuppertaler Kollege Bruno Kurth sagt: „Wir stehen vor einem weiteren Tiefpunkt in der Krise des Verlustes an Glaubwürdigkeit und Vertrauen.“ Hat er recht?

Kaster: Ja, natürlich hat er recht. Wir spüren in unseren Gemeinden einen immensen Verlust an Vertrauen. Dabei sind die jüngsten Vorwürfe ja nur obendrauf gekommen. Denken Sie an die Auszeit, die er sich gegeben hat. Woelki hatte dazu erklärt, er habe den Papst darum gebeten. Tatsächlich war die Auszeit eine Auflage des Papstes. Danach erklärte er, er habe dem Papst seinen Rücktritt angeboten. Tatsächlich hat er auf Drängen des Papstes sein Amt zur Verfügung gestellt. Insgesamt hat er mit diesem Vorgehen das Amt des Bischofs massiv beschädigt. Denn wenn man einem Bischof nicht vertrauen kann, ja wem denn dann?

Den Vertrauensverlust verdankt die Kirche nicht allein Kardinal Woelki. Franz-Peter Tebartz van Elst etwa gönnte sich in Limburg eine teure Residenz. Warum verlieren Männer, die für sich in Anspruch nehmen, Gottes Wort zu predigen, auf solche Weise den moralischen Kompass?

Kaster: Das sind natürlich ganz unterschiedliche Fälle. Aber die Frage, die Sie stellen, beschäftigt mich natürlich auch. Die lesen doch das gleiche Evangelium wie ich.

Liegt es vielleicht daran, dass sich die Katholische Kirche am liebsten zu ihrem eigenen Richter macht?

Kaster: Das kann man so nicht sagen. Jeder Geistliche, auch jeder Bischof, untersteht Recht und Gesetz, wie jeder andere Bürger auch. Deshalb sind ja auch bereits, Geistliche wegen Missbrauchs von einem Gericht verurteilt worden.

Und doch haben viele Menschen den Eindruck der Vertuschung. Es gibt 25 000 Katholiken in Remscheid. Wie wirkt sich die Diskussion um Kardinal Woelki in den Gemeinden aus?

Kaster: Menschen, die ich gut und lange kenne, wenden sich von der Katholischen Kirche ab. Sie sagen mir, dass sie auch zurückkehren würden. Aber zuvor muss sich etwas ändern.

Woelki hat seinen Rücktritt erklärt. Warum dauert es so lange, bis er geht?

Kaster: Ob er gehen muss, ist ja nicht klar. Ich weiß aber auch nicht, was den Papst bewegt, sich damit so lange Zeit zu lassen. In der Situation, in der sich das Bistum befindet, kann uns das das Genick brechen. Aber natürlich sind die Probleme auch nicht gelöst, wenn nur der Bischof geht.

Was müsste denn noch geschehen für einen Neubeginn?

Kaster: Es geht um Mitwirkung, um Beteiligung. Auch bei Personalentscheidungen. Es kann nicht sein, dass solche Dinge allein in den Händen von Bischöfen und Päpsten liegen und damit erklärt werden, dass das schon immer so gewesen sei. Unterschiedliche Ansichten zu Themen müssen geäußert und diskutiert werden können.

Aber das ist doch nicht gewünscht. Den Synodalen Weg für mehr Demokratie hat der Papst in Bausch und Bogen verdammt.

Kaster: Ja, und gleichzeitig erklärt man den Gläubigen, man wolle auf einer Weltsynode mit ihnen ins Gespräch kommen. Das passt nicht zusammen. Und das passt nicht mehr in unsere Zeit. Das gilt ebenso für die Sexualmoral, die in mancher Hinsicht auf humanwissenschaftlich unhaltbaren Vorstellungen beruht. Wir müssen z. B. homosexuelle oder queere Menschen annehmen und uns fragen, wie wir ihnen als Kirche gerecht werden können.

Glauben Sie noch daran, dass sich etwas ändert?

Kaster: Ich glaube an Gott. Und weil ich an ihn glaube, glaube ich auch daran, dass sich etwas ändern kann.

Zur Person

Thomas Kaster (59) ist Pfarrer und Stadtdechant der Katholischen Kirche in Remscheid. Der gebürtige Düsseldorfer baute sein Abitur in Heiligenhaus, studierte katholische Theologie in Bonn und München und kam nach einigen Jahren als Kaplan im Mai 2000 nach Remscheid. Sechs Jahre später wurde der Pfarrer Nachfolger von Stadtdechant Peter Schmedding. Papst Benedikt verlieh ihm den Ehrentitel „Kaplan Seiner Heiligkeit“ mit der Anrede „Monsignore“.

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki steht erneut in den Schlagzeilen. Nach einem Bericht des Kölner Stadt-Anzeigers ließ er noch vor der Veröffentlichung eines Gutachtens zum Missbrauch im Kölner Erzbistum eine PR-Strategie entwerfen - um den Skandal zu überleben. Thomas Kaster, Pfarrer und Stadtdechant der Katholischen Kirche in Remscheid, ist entsetzt.

Passend zum Thema: Bischofskonferenz machtlos im Fall Woelki

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