Remscheider Geschichte

Stadtarchiv: Fundstücke machen Geschichte lebendig

Präsentieren eine informative wie spannende Rubrik im Internet: die Stadtarchivarinnen Viola Meike (l.) und Sarah Baldy. Foto: Roland Keusch
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Präsentieren eine informative wie spannende Rubrik im Internet: die Stadtarchivarinnen Viola Meike (l.) und Sarah Baldy.

Stadtarchivarinnen Viola Meike und Sarah Baldy präsentieren spannende Dokumente auf städtischer Tourismusseite.

Von Andreas Weber

Remscheid. Das kleine, liebevoll in dunkles Leder gebundene Büchlein trägt die goldene Inschrift „Die Geschichte des zehnkäntigen Tisches“. Es überdauerte zwei Weltkriege und befand sich über ein Jahrhundert im Besitz der Familie Hasenclever. Porträtiert werden darin die Zusammenkünfte Remscheider Kaufleute und Industrieller, die sich gerne sonntagnachmittags drei Stunden auf ein Glas Wein um den Eichenholztisch im noblen Hotel Zum Weinberg in der Elberfelder Straße scharten.

Den Freundeskreis national-liberal Gesinnter, die Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck verehrten, verewigte der Autor, Oberlehrer Dr. Ludwig Kayser in dem Büchlein. Es porträtiert launig, bisweilen pathetisch die „bessere Gesellschaft“ in der Kaiserzeit. Ludwig Kayser schließt seine Eintragungen am 26. Juli 1886 mit den Worten: „Glück auf die Reise, liebes Buch! Melde noch nach späten Jahren ein fröhliches Wachsen, Blühen und Gedeihen des kantigen Tisches und thue das Deine, ein freundliches Andenken zu sichern Deinem Verfasser Dr. Ludwig Kayser.“

Bei Viola Meike und Sarah Baldy ist es 135 Jahre später in besten Händen. Zur Verwahrung war es Ende des 19. Jahrhunderts zunächst einem Mitglied der elitären Runde, Hermann Hasenclever übereignet worden. Im Besitz seiner Familie blieb es bis Frühjahr 2021. Dann überreichte es die Hasenclevers aus Ehringhausen dem Stadtarchiv.

Die Archivarinnen sind das „Gedächtnis der Stadt“

Die Geschichte des zehnkäntigen Tisches, dessen Form nicht willkürlich gewählt worden war, erzählen die Archivarinnen im „Fundstück des Monats“. Und forschten dabei selber weiter. Denn Schriftstücke verrieten zum Beispiel, dass zu den illustren Gästen, die die Herren damals empfingen, der 23-jährige Jonas Myndersse Coe Forsayth aus Ralum im Bismarck-Archipel in der Südsee gehörte. Der Samoaner befand sich offenbar auf einer Europareise mit seiner geheimnisumwitterten und skandalträchtigen Mutter, der Plantagenbesitzerin Emma Kolbe, wegen ihres enormen Landbesitzes und herrischen Art als Queen Emma of New Guinea bekannt.

Neben unseren Pflichten ist dies die Kür in Reinform.

Viola Meike, Stadtarchivarin

Die höchst informative wie spannende Rubrik macht Remscheider Geschichte anhand von Fotos, Dokumenten und Büchern lebendig. Sie führt seit Juli 2020 ein etwas verstecktes Dasein auf der städtischen Seite, hat aber eine große Leserschaft verdient. „Neben unseren vielen Pflichten ist das für uns Kür in Reinform, denn mit dem Fundstück dokumentieren wir die ganze Bandbreite der Bestände, die wir haben“, schätzt Viola Meike die Internet-Serie.

Historisches Gut kurzweilig, populär, aber auch mit wissenschaftlichem Anspruch zu präsentieren, haben die beiden Archivarinnen nicht erfunden. In anderen kommunalen Einrichtungen gibt es das Fundstück, das dort „Archivale des Monats“ genannt wird, auch. Sarah Baldy und Viola Meike gelingt es in den bislang 18 Geschichten, die im Netz eingestellt sind, zu zeigen, was den Reiz ihres Jobs ausmacht. „Wir arbeiten Archivalen auf, die uns besonders getriggert haben“, meint Viola Meike. „Sachen, die uns emotional angesprochen und zum Weiterrecherchieren eingeladen haben. Ob sie nun komisch, traurig oder ergreifend waren. Sie sollen beim Leser Erstaunen auslösen“, ergänzt Sarah Baldy.

Viele Dachbodenfunde wurden in den „Fundstücken“ entstaubt. Wie beim Auftakt der Serie über die Gaststätte Sieper Höhe. Die ehemalige Gaststätte ist verkauft und der neue Besitzer fand auf dem Speicher Unterlagen über die ehemaligen Inhaberfamilien Halbach und Lüttgen. Aus Dokumenten alter Studentenverbindungszeiten, Familienfotos und Notariatsurkunden erstellten Baldy und Meike ein Bild, das die Geschichte der Gaststätte und ihrer Inhaber widerspiegelt.

Weitere Themen sind das Remscheider Schullandheim in Serkenrode, in dem nach der Eröffnung 1960 fast 40.000 Kinder im Laufe der 19-jährigen Geschichte eine Erholung genossen. Es geht um die Bergische Kaffeetafel, die Riloga-Werke, die Eröffnung des Stadions Lennep am 2. August 1925, das Wehrmacht-Soldbuch des Lennepers Ernst Laussat oder den todesmutigen Flugpionier Hans Bertram.

www.remscheid-tourismus.de

Die Fundstücke im Internet

Wer die monatlichen Fundstücke des Stadtarchivs nachlesen möchte, gehe auf der Internetseite www.remscheid-tourismus.de auf den Button „Entdecken“, dann auf „Historie“. Darunter finden sich die Fundstücke des Monats. 18 sind bislang eingestellt. Das aktuelle beschäftigt sich mit der C.W. Kipper-Brauerei. Im März wird es um Franz Fach gehen, der in der Königstraße 195 eine Kneipe betrieb. Gäste erwartete nicht nur Kipper-Bier, denn Fach war auch Tierschausteller, Dompteur und Tierhändler. Er hatte Tiger, Löwen, Hyänen und mehr. Bis zu seinem Tod soll er einen Bären im Keller seines Hauses gehalten haben.

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