Stadtarchiv

2.200 Meter Schriftgut für die Ewigkeit

Viola Meike (l.) und Sarah Baldy im Archiv mit liebgewonnenen Archivalien, die in den „Fundstücken des Monats“ Eingang fanden. Foto: Roland Keusch
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Viola Meike (l.) und Sarah Baldy im Archiv mit liebgewonnenen Archivalien, die in den „Fundstücken des Monats“ Eingang fanden.

Die Archivarinnen Viola Meike und Sarah Baldy sind das „Gedächtnis der Stadt“ – Pflichtaufgabe mit Spaßfaktor.

Von Andreas Weber

Remscheid Die Rechnung der Traditionsbrauerei C.W. Kipper an Franz Fach aus der Königstraße weist 28 Kästen Bier im Gesamtwert von 915 Mark aus. Gestellt wurde sie 1915, im Stadtarchiv ist sie als Lithographie erhalten. Archivarin Sarah Baldy recherchierte, schnell war ihr klar, dass soviel Bier nicht für den Privatgebrauch gewesen sein kann.

Ihre Detektivarbeit förderte eine schillernde Persönlichkeit zutage. Franz Fach betrieb in seinem Wohnhaus in der Königstraße 195 eine Kneipe. Gäste erwartete bei ihrem Besuch nicht nur Kipper-Bier. Fach war nämlich vor allem Tierschausteller, Dompteur und Tierhändler. Er hielt Tiger, Löwen, Hyänen und vieles mehr. „Hinter vielen alten Schriftstücken steckt eine Geschichte. Keine Akte ist so langweilig, wie sie von außen scheint“, bemerkt Sarah Baldy. Mit ihrer Kollegin Viola Meike hat sie im Internet (www.remscheid-tourismus.de) die Rubrik „Fundstück des Monats“ ins Leben gerufen. Jeweils an einer Archivalie wird spannende Lokalgeschichte lebendig präsentiert. Die lesenswerten Fundstücke sind ein kleiner Ausfluss einer städtischen Pflichtaufgabe.

Der Gesetzgeber legt kreisfreien Städten auf, ein Stadtarchiv zu betreiben. In Remscheid ist dieses seit 1995 zusammengefasst mit dem Werkzeugmuseum und Haus Cleff zum Historischen Zentrum. Seit 2007 sind die drei Einrichtungen nebeneinander an der Hastener Straße angesiedelt. 2.200 laufende Meter Schriftgut umfassen die Bestände des Remscheider Stadtarchivs, gut-klimatisiert bei um die 19 Grad und 50 Prozent Luftfeuchtigkeit.

Das „Gedächtnis der Stadt“ wird bewahrt, gegliedert, aufbereitet und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht von Viola Meike und Sarah Baldy sowie Restaurator Matthias Beil, der unersetzliches Kulturgut vor Beschädigung und Zerfall schützt. „Es gibt im Archiv niemals und zu keiner Zeit Leerlauf, betonen die Damen. Den Beruf des Archivars haben sie nicht gelernt, sich aber über viele Jahre tief in das wertvolle Papier- und Fotogut gegraben. Meike und Baldy sind mit Herzblut dabei. Sarah Baldys Spezialgebiet ist die Familienforschung, Viola Meike schätzt die akribische Verzeichnungs- und Erschließungsarbeit.

Es gibt im Archiv niemals und zu keiner Zeit Leerlauf.

Viola Meike und Sarah Baldy

Ständig bewerten die Archivarinnen das anfallende Schriftgut der Stadtverwaltung nach Ablauf der strengen Schutzfristen, meist in Form von Akten, aber auch Karten, Pläne, Fotos, Broschüren. Um die 80 Prozent werden vernichtet, 20 Prozent finden Eingang ins Magazin. „Wenn es bei uns aufgenommen wird, dann für die Ewigkeit“, sagt Meike. Die verantwortungsvolle Tätigkeit ermöglicht es, viele Aspekte der Stadtgeschichte für zukünftige Generationen abzubilden.

Im Stadtarchiv werden Tageszeitungen und Zeitschriften, Bücher mit Bezug zu Remscheid, Nachlässe aus privater Hand, zum Beispiel von Heimatforschern, Kommunalpolitikern und Künstlern bewahrt oder „Dachbodenfunde“ gesichtet. Auch Vereinsarchive finden Eingang. „Selbstverständlich nehmen wir bei der hohen industriegeschichtlichen Bedeutung Remscheids Firmenarchive, wenn sie uns angeboten werden.“

Personell ist das Stadtarchiv nicht üppig besetzt, um die offenen, hellen, ebenerdigen und großzügig bemessenen Räumlichkeiten wird es von Fachkollegen in anderen Städten beneidet. Angesichts des wachsendes Bestandes ist deshalb auch noch Luft.

Das Stadtarchiv steht grundsätzlich jedem offen. Nicht zum Ausleihen, aber zur Einsicht und für Kopien. Unter Umständen können Gebühren anfallen, zum Beispiel, wenn es sich um private Anliegen (wie Familienforschung), rechtliche Sachen (Erbschaft oder Grundbuch) sowie kommerzielle Anliegen (Werbung) handelt.

Anfragen können schriftlich gestellt, aber auch persönliche Termine gemacht werden. Besonders beliebt: die Familienforschung. Jeden 2. und 4. Donnerstag im Monat wird diese vor Ort angeboten. Die langjährigen Ehrenamtler Hans Spitzer, Cornelia Ruppel und Christine Alexander unterstützen dabei, denn neben aufwendiger Recherche ist bei deutscher Schrift oder Sütterlin fast immer Lesehilfe vonnöten.

Für Sarah Baldy ist dies eine der schönsten Aufgaben in ihrer abwechslungsreichen Tätigkeit. „Denn dahinter stecken oft faszinierende, bisweilen aber auch traurige Geschichten und Schicksale.“

Digitales Zeitalter im Stadtarchiv

Das digitale Zeitalter verändert die Archivarbeit. Immer mehr Materialien werden digital angeboten. Digitalisierung im großen Stil ermöglichen Fördermittel. So hat die Landesinitiative Substanzerhalt (LISE), mit der Koordinierungsstelle für die Erhaltung schriftlichen Kulturguts (KEK), Remscheid einen erheblichen Zuschuss zugestanden, mit dessen Hilfe die ältere Einwohnermeldekartei (1882-1929) entsäuert werden konnte.

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