Remscheid übernimmt wohl zwei Praxen

Stadt kümmert sich um kinderärztliche Versorgung

Das MVZ in Lüttringhausen schließt bald, die Stadt wird die Praxis wohl übernehmen. In welchen Räumen ist aber noch unklar. Foto: Roland Keusch
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Das MVZ in Lüttringhausen schließt bald, die Stadt wird die Praxis wohl übernehmen. In welchen Räumen ist aber noch unklar.

Noch sind viele Fragen zu klären.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. Die Stadt wird wohl auch die Kinderarztpraxis in Lüttringhausen übernehmen. Das erklärte Sozialdezernent Thomas Neuhaus auf RGA-Anfrage: „Die Hoffnung, dass sich ein Nachfolger für die Praxis findet, hat sich zerschlagen.“ Entsprechend strebe man dort nun auch eine Lösung wie in Alt-Remscheid an: eine von der Stadt betriebene Praxis mit angestellten Ärzten. Bis es so weit ist, müssen aber noch zahlreiche Fragen geklärt werden.

Wie berichtet werden zum Jahresende gleich zwei Pädiatrie-Praxen in Remscheid geschlossen, die Praxis Albrecht/Arnold in der City und das derzeit noch vom Diakonischen Werk Bethanien betriebene Medizinische Versorgungszentrum in Lüttringhausen. Weil sich in beiden Fällen niemand findet, der die Einrichtung übernehmen will, könnten in wenigen Wochen mehr als 3000 Kinder und Jugendliche ohne kinderärztliche Versorgung dastehen.

„Die Wahrscheinlichkeit, dass so etwas defizitär ist, ist gegeben.“
Thomas Neuhaus

Um das zu verhindern hat der Stadtrat beschlossen, dass die Stadt als Betreiber einspringen soll. Denn Kinderärzte sind grundsätzlich vorhanden, viele wollen jedoch lieber als Angestellte arbeiten. Eine eigene Praxis mit Wochenarbeitszeiten jenseits von 60 Stunden und Unmengen von Bürokratie lockt nur noch wenige Mediziner. Hinzu kommt das unternehmerische Risiko.

Das werde in Zukunft die Stadt und damit die Allgemeinheit tragen, sagt Thomas Neuhaus. „Die Wahrscheinlichkeit, dass so etwas defizitär ist, ist gegeben“, sagt er vorsichtig. Die Erfahrung musste jedenfalls die Stadt Neuenrade im Märkischen Kreis machen. Mangels Alternativen hatte sie zu Anfang des Jahres eine kinderärztliche Praxis eröffnet. Aktuell rechnet die Stadt im Sauerland mit einem Defizit von rund 80 000 Euro. 

Dabei sei es eigentlich gar nicht Aufgabe der Stadt, eine solche Praxis zu betreiben, betont Neuhaus: „Den Versorgungsauftrag haben nicht die Kommunen, sondern die Kassenärztliche Vereinigung.“ Trotzdem sei die Verwaltung „noch mit Feuereifer“ dabei, das Thema voranzubringen. Auch weil man sich durchaus positive Effekte verspreche: „Da wird es sicherlich Synergien mit dem Gesundheitsamt geben, das ja für die Schuleingangsuntersuchungen verantwortlich ist“, sagt Neuhaus.

Juristischer Träger der Praxis wird wohl eine noch zu gründende Anstalt des öffentlichen Rechts (AöR) werden. So habe es zumindest das 12 000-Einwohner-Städtchen Neuenrade gelöst, sagt Neuhaus. „Wir orientieren uns sehr an diesen Erfahrungen.“ Auch weil die Sauerländer zweieinhalb Jahre dafür benötigten – und Remscheid nur Monate Zeit hat. Und weil niemand in der Verwaltung Erfahrungen damit hat. Neuhaus: „Wir haben vor, uns extern beraten zu lassen.“

Die Gründung der AöR strebe man derzeit für Juli an, so der Sozialdezernent. Bis dahin könnte es eine Übergangslösung zusammen mit dem Sana-Klinikum geben. Ob und, wenn ja, wann die kommt, steht aber derzeit noch genauso in den Sternen wie viele andere Themen und Details. Auch für die Kassenärztliche Vereinigung sei so etwas Neuland, gibt Thomas Neuhaus zu bedenken. Entsprechend viele Fragen seien derzeit noch unbeantwortet. Selbst der genau Standort der beiden Praxen stehe noch nicht fest, dass die derzeitigen Räume übernommen werden, sei keinesfalls sicher: „Wir prüfen das noch“, sagt Neuhaus. Auch die Bezirksregierung müsse erst noch zustimmen, schließlich handele es sich um eine freiwillige Leistung.

Sicher sein kann sich Neuhaus nur der breiten Unterstützung der Politik. Der Stadtrat hatte, noch in seiner alten Zusammensetzung, die Verwaltung mit großer Mehrheit beauftragt, die Übernahme der Praxen zu prüfen. Über das weitere Vorgehen könnten die Politiker im Dezember entscheiden. Neuhaus: „Wir gehen davon aus, dass wir für die Ratssitzung am 10. Dezember eine Vorlage einbringen können.“

Hintergrund

AöR: Eine Anstalt des öffentlichen Rechts ist eine juristische Person, die per Gesetz oder Satzung mit einer Aufgabe betraut und dafür mit Sachmitteln und Personal wird. Anders als eine Körperschaft des öffentlichen Rechts hat die AöRt keine Mitglieder, sondern Nutzer.

Wirtschaftlichkeit: Laut Statistik erlöst eine Kinderarztpraxis, die von einem Arzt betrieben wird, durchschnittlich pro Jahr 332 000 Euro Honorare. Nach Abzug aller Kosten bleiben davon knapp 171 000 Euro Reinertrag für den Mediziner.

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