Bei digitaler Gewalt ist Deutschland Spitzenreiter

So schützen sich Frauen gegen Hass im Netz

Anlässlich des Internationalen Tages zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen wurden gestern Bäckereitüten mit dem Titel „Gewalt kommt nicht in die Tüte“ in der Bäckerei Evertzberg verteilt. Foto: Roland Keusch
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Anlässlich des Internationalen Tages zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen wurden gestern Bäckereitüten mit dem Titel „Gewalt kommt nicht in die Tüte“ in der Bäckerei Evertzberg verteilt.
  • Melissa Wienzek
    VonMelissa Wienzek
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Expertin Judith Rahner klärt zu Plattformen und Tätern auf.

Remscheid. Sie wurde im Internet systematisch fertiggemacht. Ihre Adresse wurde preisgegeben, sie erhielt Morddrohungen. Am Ende rettete sie sich und ihre drei Kinder, indem sie nachts Hals über Kopf aus ihrer Wohnung abhaute. Dieses Beispiel ist keine Filmszene, sondern traurige Realität: Widerfahren ist es der Autorin und Social-Media-Aktivistin gegen Antirassismus, Jasmina Kuhnke. Und es ist kein Einzelfall.

Denn Deutschland ist Spitzenreiter der digitalen Gewalterfahrungen. Laut dem „WeltMädchenbericht 2020“ haben 70 Prozent der befragten Frauen zwischen 15 und 24 Jahren in Deutschland bereits digitale Gewalt und Belästigung in den digitalen Medien erlebt. Europaweit sind es 63, weltweit 58 Prozent. „Das ist beschämend“, sagt Judith Rahner von der Amadeu-Antonio-Stiftung. Sie erklärte anlässlich des Internationalen Tags zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen in ihrem Online-Vortrag „Beleidigung, Hass und Herabsetzung im Netz – Wie umgehen mit Hate Speech und Online-Gewalt?“, wie Gewalt im World Wide Web aussieht – und wie sich Frauen dagegen schützen. Eingeladen hatte sie der Runde Tisch gegen Häusliche Gewalt Remscheid. Wir klären auf.

Welche Formen von digitaler Gewalt gibt es?

Digitale Gewalt beschreibt alle Formen, die sich technischer Hilfsmittel bedienen oder auf sozialen Plattformen öffentlich stattfinden. Es gibt das Cyberstalking, also das Nachstellen. Hier wird eine Spysoftware auf dem Smartphone des Opfers installiert. Neben Mobbing, Identitätsdiebstahl und Gewaltandrohungen eben auch das Doxxing, das Jasmina Kuhnke widerfahren ist. Dabei werden Dokumente oder Adressen ohne Zustimmung im Internet veröffentlicht. Deepfakes sind Montagen. Der Kopf von Annalena Baerbock fand sich so bereits in Pornofilmen wieder. „Die sind mittlerweile täuschend echt“, sagt Rahner.

Und dann „Hate Speech“, also Hassreden. Dabei werden Texte, Bilder und Videos im öffentlichen Raum verteilt und mit Hashtags versehen, zum Beispiel in geschlossenen Gruppen bei Facebook. Das Ziel: bloßstellen, beleidigen. „Gerade in der Pandemie hat das krasse Ausmaße angenommen. Die ganzen Coronaleugnergruppen haben sich gezielt bei Telegram zusammengerottet“, sagt Rahner, die selbst schon Shitstorms im Netz erlebt hat. „Dabei braut sich eine Welle von verachtenden Nachrichten zusammen, die Ewigkeiten im Netz bleiben. Das ist ein ziemlich großes gesamtgesellschaftliches Problem.“ Hate Speech werde gern als Meinungsfreiheit bagatellisiert. Und: Digitale Gewalt ist oft die Vorstufe von analoger Gewalt. Die Auswirkungen: Panikattacken, Angstzustände bis hin zum Krankenhausaufenthalt. Die Gewalt wird entgrenzt: Das Handy ist immer dabei, also ist der Hass auch immer dabei. Das Ganze kann im Femizid gipfeln – also der gezielten Tötung einer Frau.

Wo passiert es?

Facebook, Youtube, Telegram, TikTok, Twitch, Twitter, reddit, aber auch 8Chan/4Chan. Das sind Imageboards, auf denen Gruppierungen zusammenfinden, um Sexismus und Rassismus zu feiern. „Für Menschenfeinde ein unheimliches Angebot, weil sie dort anonym und ohne Konsequenzen ihre Dinge teilen können. Und der Entwickler ist auch noch stolz darauf“, sagt Rahner.

Wer ist betroffen?

„Jede von uns kann betroffen sein, aber bestimmte Gruppen sind höher betroffen und werden massiver beleidigt, bedroht und verachtet“, sagt die Expertin. Vor allem Frauen, die sich öffentlich gegen Sexismus, für den Klimaschutz, für Geflüchtete oder fürs Impfen einstehen, werden teils massiv mit digitaler Gewalt versehen. Und Frauen mit Migrationshintergrund.

Wer sind die Täter?

75 Prozent aller Hasspostings werden durch Rechtsextremisten, Rassisten oder Antifeministen verbreitet, die bereits bekannt sind. „Sie wollen ihr Gegenüber zerstören, um ihre eigenen, oft auch politischen, Ziele zu etablieren“, erklärt Judith Rahner. Und das mit taktischem Kalkül.

Was kann jeder tun?

„Blocken ist Selfcare“, sagt Judith Rahner. Dann auf jeden Fall Anzeige erstatten: §130 Volksverhetzung, §185 Beleidigung, §186 üble Nachrede, §187 Verleumdung. Opfer sollten sich die digitale Gewalterfahrung melden. Christel Steylaers sieht hier auch die Arbeitgeber in der Pflicht, notfalls Anzeige zu erstatten. Opfer sollten sich an Betriebsräte oder Vertrauenspersonen wenden. Und: Bereits in Schulen und Ausbildung sollten sich alle mit dem Thema Sexismus auseinandersetzen. „Wir müssen alle viel genauer hingucken“, sagt Judith Rahner.

Aktion

Das Frauenbüro der Stadt Remscheid beteiligte sich an einer Aktion des Zonta-Clubs Wuppertal, des Weißen Rings sowie der Frauenberatungsstellen und mehrerer Bäckereien des Bergischen Landes. Unter dem Titel „Gewalt kommt nicht in die Tüte“ verteilte die Bäckerei Evertzberg am 25. November Bäckereitüten, die auf den Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen aufmerksam machten.

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