Besinnliche Zeit

So gibt es keinen Stress unter dem Weihnachtsbaum

Psychotherapeutin Annika Meys empfiehlt, vor einer Familienzusammenkunft klare Regeln festzulegen. Das gilt auch für das Thema Corona-Pandemie. Symbolfoto: Christian Beier
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Psychotherapeutin Annika Meys empfiehlt, vor einer Familienzusammenkunft klare Regeln festzulegen. Das gilt auch für das Thema Corona-Pandemie. Symbolfoto: Christian Beier

Weihnachten und Corona – sind Konflikte beim Familientreffen vorprogrammiert?

Ein Gastbeitrag von Annika Meys

Solingen. Alle Jahre wieder. . . bestehen an Weihnachten hohe Erwartungen. Es sollen schöne, ja besinnliche Tage werden, mit strahlenden Kinderaugen, angeregten Gesprächen und lang herbeigesehnten Wiedersehen in Familien und Freundschaften. Was aber, wenn die Spaltung der Gesellschaft zum Thema Corona-Pandemie auch vor Familien und Freundeskreisen nicht Halt macht? Probleme haben ja leider nicht nur die anderen.

Annika Meys ist Psychotherapeutin.

Wir alle leben seit fast zwei Jahren damit, dass sich die Meinungen zum Thema Corona unterscheiden und jeder von uns kennt die Diskussionen darüber. Seit es Impfstoffe gibt, hat sich die Situation weiter verschärft und die Gesellschaft teilt sich in „Geimpfte“ und „Ungeimpfte“. Zunächst einmal sei daher gesagt, nicht jede oder jeder Ungeimpfte ist Verschwörungstheoretiker oder Corona-Leugnerin. Es besteht also kein Grund, sich nicht an Weihnachten mit Menschen zu treffen, die andere Ängste, Sorgen oder Ansichten haben. Allerdings sollte sorgfältig überlegt werden, wer zu einer gemeinsamen Lösung bereit ist. Hier geht die Sicherheit aller Beteiligten vor.

Es bringt wenig und sorgt für Beklemmungen, wenn wir versuchen, das Thema Corona auszuklammern.

Vor dem Treffen: Das sollte man klären

Besprechen Sie also im Voraus, welche Regeln für ein Zusammentreffen gelten. Es ist ein sehr gutes Zeichen, wenn alle bereit sind, sich zum Beispiel testen zu lassen. So signalisieren alle Parteien, dass die gemeinsame Zeit im Vordergrund steht und es nicht um „Recht haben“ geht. „Ungeimpfte“ müssen also nicht per se ausgeschlossen werden. Wenn jedoch keine Bereitschaft zu einem Kompromiss wie beispielsweise der Testung besteht, wäre dies der nächste Schritt. Ja, aber Blut ist doch dicker als Wasser?! Darf man denn einfach Verwandte bitten, nicht zu kommen oder diese wieder ausladen? An dieser Stelle ist der Fokus auf die Selbstfürsorge wichtig.

Diese Corona-Regeln gelten derzeit in Remscheid.

Was ist denn eigentlich Selbstfürsorge? Selbstfürsorge erscheint häufig wie ein neumodisches Konzept, ist jedoch von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert als eine Fähigkeit, Gesundheit zu fördern oder zu erhalten, Krankheit vorzubeugen und mit Krankheit und Behinderung umzugehen.

Wenn ich also – oder auch andere, für die ich die Verantwortung trage – gefährdet werden können, gilt, was Sie alle aus dem Flugzeug kennen: zuerst sich selbst schützen und dann die, für die Sie verantwortlich sind. Ein Tipp dazu, wenn Sie diese Entscheidung treffen: Teilen Sie sie auch als solche mit und stellen sie nicht zur Diskussion. Diese Diskussion ist müßig und wird die Situation nicht verändern. Sie können sich also die Kraft und die Zeit sparen. Sollten Sie bereit sein, das Gespräch über die divergierenden Meinungen zu führen, bieten Sie eine andere Gelegenheit dafür an und nehmen sich dann Zeit. Aber seien Sie sich darüber im Klaren, dass das Ziel nicht die Veränderungen des Gegenübers, sondern lediglich Verständnis füreinander sein kann.

Darf man über die Corona-Pandemie sprechen?

Gehen wir aber nun davon aus, dass Sie es trotz unterschiedlicher Ansicht geschafft haben, an den Feiertagen in dem von Ihnen gewählten Kreis zusammen zu sein. Sollten die Themen Corona und Impfung dann kategorisch ausgeklammert werden? Geht das überhaupt, wo doch diese Themen so allgegenwärtig sind? Wir Menschen neigen ja dazu, uns gegenseitig unser Leid zu klagen. Schon der berühmte Psychotherapeut Irvin D. Yalom sagte, dass die „Universalität des Leidens“ ein wichtiger gruppendynamischer Wirkfaktor ist. Man könnte also sagen, das Wissen, dass alle im selben Boot sitzen, tut gut und entlastet.

Daher ist es wohl kaum vorstellbar, so relevante und uns alle betreffende Themen komplett auszuklammern. Unser Gehirn kann dieses Verbot auch kaum verarbeiten, wir können einfach nicht nicht an etwas Bestimmtes denken. Das weiß jeder, der schon versucht hat, nicht an den rosa Elefanten zu denken. Deshalb bringt es wenig und sorgt für Beklemmungen, wenn wir versuchen, das Thema Corona auszuklammern, als wenn es nicht vorhanden wäre. Dann lieber wirklich besprechen, aber nicht als Grundsatzdiskussion, sondern über persönliche Betroffenheit, Erlebnisse im letzten Jahr, Sorgen und Ängste. Wenn jeder bei den eigenen Gefühlen und Gedanken bleibt, ist das Verständnis füreinander größer, als die Fläche für Angriffe und Konflikte.

Eine Themenliste kann helfen

Eine weitere Möglichkeit, angespannte Momente des Schweigens zu vermeiden, erfordert etwas Vorbereitung: Schaffen Sie sich eine kleine Liste von Themen, über die man problemlos und konfliktfrei kommunizieren kann. Fischen Sie aus diesem „Meer der Möglichkeiten“ dann jene Gesprächsinhalte, die besprochen werden können.

Mit ein paar gemeinsamen Regeln und Absprachen und vor allem mit Respekt voreinander kann also auch Weihnachten im Jahr 2021 gelingen. Es braucht allerdings ein wenig vorausschauendes Planen und dann auch Konsequenz in der Umsetzung. Die Rückbesinnung auf das, wofür Weihnachten stehen soll, ist auch an dieser Stelle wieder hilfreich: das Fest der Liebe.

Zur Person

Annika Meys studierte an der Ruhr-Universität Bochum Psychologie (Master of Science) und schloss eine Ausbildung als Psychotherapeutin ab. Sie ist seit 2020 Mitglied der psychologischen Leitung bei EAP Assist mit Sitz in Düsseldorf. Zuvor arbeitete sie acht Jahre lang in einer Sucht- und Traumaklinik.

EAP Assist ist bei größeren und kleineren Firmen auch im Bergischen Land als Dienstleister für externe Mitarbeiterberatung aktiv. Die Beratung umfasst unter anderem psychologische Unterstützung am Arbeitsplatz für Mitarbeitende und Führungskräfte, Burnoutprävention oder Stress- und Konfliktmanagement.

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