Ort der Begegnungen soll entstehen

Sinn-Leffers-Ruine kostet Remscheid 1,5 Millionen Euro

In der Fassade nisten Tauben, derweil leben innen die Ratten. Seit zwölf Jahren steht der ehemalige Sinn-Leffers auf der Alleestraße leer. Nun zeichnet sich eine Lösung ab. Die Stadt will Grundstück und Gebäude kaufen.
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In der Fassade nisten Tauben, derweil leben innen die Ratten. Seit zwölf Jahren steht der ehemalige Sinn-Leffers auf der Alleestraße leer. Nun zeichnet sich eine Lösung ab. Die Stadt will Grundstück und Gebäude kaufen.
  • Axel Richter
    VonAxel Richter
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Kauf und Abriss der Sinn-Leffers-Ruine werden die Stadt annähernd 1,5 Millionen Euro kosten.

Remscheid. Das erfuhr der RGA aus zuverlässiger Quelle. Der Immobilienfonds in München, dem Grundstück und Gebäude gehören, kann nur mit der Hälfte der Summe rechnen. Die andere Hälfte wird für den Abriss fällig. Danach soll das Grundstück zunächst eingesät werden.

Zu einem späteren Zeitpunkt soll die Bibliothek zur unteren Allee ziehen, dazu sollen Cafés und Seminarräume einen neuen Treffpunkt schaffen. -ric-

Unser Artikel vom 3. September 2021

Stadt will Sinn-Leffers-Ruine zum Treffpunkt machen

Das alte Sinn-Leffers-Gebäude soll aufgekauft und abgerissen werden. Geplant wird die Bibliothek der Zukunft.

Remscheid. Oodi heißt die Bibliothek im Kulturviertel Töölönlahti der finnischen Hauptstadt Helsinki. Dort wird auch gelesen, doch muss deshalb niemand leise sein. Im Gegenteil: Oft wird es laut. Familien mit Kindern spielen, surfen im Internet, reden, lachen. Denn Oodi ist das, was die Stadtplaner heute einen „dritten Ort“ nennen. Den soll es künftig auch in Remscheid geben, nämlich auf der Alleestraße anstelle des größten Leerstandes in der Innenstadt, der Ruine von Sinn-Leffers.

Seit zwölf Jahren steht das von der Modekette verlassene Haus leer. Wasser ist eingedrungen, Tauben bauen in der Fassade ihre Nester, während in dem fünfstöckigen Gebäude aus dem Jahr 1968 die Kammerjäger die Ratten bekämpfen. Ideen, wie der schäbige Leerstand verschwinden könnte, gab es viele. Mal verhieß ein Maklerbüro ein neues Lebensmittelgeschäft. Mal sollte ein Fahrradgeschäft eröffnen. Zuletzt sollte anstelle der Ruine das Berufskolleg Wirtschaft und Verwaltung entstehen, doch erwiesen sich Abriss und Neubau als zu teuer, weshalb die neue Schule heute am Bahnhof gebaut wird.

Die Allee ist ein Schlauch. Wir könnten einen Platz entstehen lassen.

Karl Heinz Humpert, CDU

Wie bereits berichtet, will die Stadt nun von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch machen, das ihr für den Sinn-Leffers eingeräumt ist. Hintergrund: Der Immobilienfonds in München, dem das Grundstück und das Gebäude in Remscheid gehören, hat nun doch einen Käufer dafür gefunden. Was der damit vorhat, verrät die Stadt nicht. Allerdings entspreche sein Konzept nicht dem, was sich Politik und Verwaltung für die Alleestraße der Zukunft wünschen – nämlich Angebote im Bereich Kultur und Freizeit.

Das Vorkaufsrecht erlaubt es der Stadt, die Ruine zum gleichen Preis selbst zu erwerben. Über die Höhe herrscht Stillschweigen, doch Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz (SPD) zeigt sich entschlossen: „Ich will, dass das Ärgernis verschwindet“, sagt er. „Wir können zwar nicht jedes Haus auf der Alleestraße aufkaufen. Einige müssen wir aber kaufen, um etwas Neues zu entwickeln.“

Am 16. September soll der Stadtrat über das Geschäft entscheiden. Dort dürfte sich eine breite Mehrheit dafür aussprechen. Schließlich greifen der OB und sein Baudezernent Peter Heinze damit die Idee eines Christdemokraten aus dem Jahr 2019 auf.

Karl Heinz Humpert, kulturpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, hatte die Bibliothek als „dritten Ort“ ins Gespräch gebracht. Deshalb freut er sich: „Uns eröffnet sich damit die Möglichkeit, eine moderne Bibliothek zu entwickeln, die zeitgemäß ist“, sagt er. Mehr noch „Die Allee ist ein Schlauch“, sagt Humpert. „Wir könnten dort einen Platz entstehen lassen.“ Mit der Volkshochschule, die bereits Räume in den Allee-Arkaden bezogen hat, mit Cafés und Kommunikationsräumen zum Lesen, Lernen und für Diskussionen. Beispiele dafür gebe es außer in Helsinki im holländischen Gouda oder auch in Duisburg – eine Stadt, die ebenso arm ist wie Remscheid.

Die klamme Stadt wird ein solches Projekt dennoch nicht alleine und nicht in kurzer Zeit realisieren können. Zwar dürfte sich der heutige Standort der Bücherei nach einem Umzug zum Beispiel für Wohnbebauung rasch veräußern und sich dafür ein guter Preis erzielen lassen. Ohne Fördermittel wird es eine Bibliothek wie die Oodi in Helsinki dennoch nicht geben. Der „dritte Ort“ wird deshalb einige Jahre brauchen, um real zu werden.

Burkhard Mast-Weisz drückt dennoch aufs Tempo. Sobald das Geschäft abgeschlossen ist, will er die Abrissbagger zur Sinn-Leffers-Ruine rollen lassen. „Unverzüglich“, sagt er, „ich kann sie nicht mehr sehen.“

Kaufhausruine

Die Sinn-Leffers-Ruine ist der größte Leerstand in der Remscheider Innenstadt. Das fünfstöckige Gebäude war 1968 gebaut worden. 2008 ging das Unternehmen Sinn-Leffers in Insolvenz und schloss viele Filialen, darunter die in Remscheid.

Dem Eigentümer, ein Immobilienfonds in München, gelang es nicht, das Grundstück neu zu vermarkten. Das Gebäude steht mittlerweile seit zwölf Jahren leer. Heute bleibt nur der Abriss.

Standpunkt: Eine gute Investition

Kommentar von Sven Schlickowey

sven.schlickowey @rga.de

Wie unterschiedlich man doch ein und die selbe Sache betrachten kann: Für den Immobilienentwickler, der das Sinn-Gebäude eigentlich kaufen wollte, wäre dies eine Investition. Nutzt die Stadt nun ihr Vorkaufsrecht, ist ganz schnell von Kosten die Rede. Natürlich ist der Plan der Stadt weit weniger leicht zu kalkulieren als das Vorhaben des Investors. Denn für ihn zählt vor allem eine Komponente: das Geld. Während bei der Umgestaltung zum Dritten Ort auch Themen wie Lebensqualität, Image der Stadt, Bildung und die Revitalisierung der Innenstadt und damit die Zukunft des Einzelhandels und Kaufkraftbindung eine Rolle spielen. Das lässt sich zwar sehr viel schwerer oder auch gar nicht in eine Excel-Tabelle quetschen, dürfte für die meisten Remscheiderinnen und Remscheider aber einen größeren Wert haben als die Rendite einiger weniger Geldanleger. Betrachtet man das Ganze nicht betriebswirtschaftlich, sondern gesamtgesellschaftlich oder zumindest volkswirtschaftlich, wäre der Verkauf an den Investor mit Kosten verbunden. Während der geplante Dritte Ort eine ausgesprochen gute Investition ist.

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