Pandemie

Senioren gehen im Corona-Impfchaos unter

Peter Spornberger (80) telefonierte sich vergeblich die Finger wund, und auch auf der Homepage hatte er keinen Erfolg. Kein Impftermin. Ehefrau Anneliese (79) ist erst später dran. Foto: Roland Keusch
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Peter Spornberger (80) telefonierte sich vergeblich die Finger wund, und auch auf der Homepage hatte er keinen Erfolg. Kein Impftermin. Ehefrau Anneliese (79) ist erst später dran.
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Dauerbesetzte Telefone und ein zusammenbrechendes Onlineportal: Anmeldung geriet zum Desaster.

Von Axel Richter

Remscheid. Am 10. Februar feiert er mit seiner Frau Anneliese die Diamantene Hochzeit. Da traf es sich gut, dass am 8. Februar mit dem Impfen gegen Corona begonnen werde, befand Peter Spornberger. Zum Ehrentag könne er das ja dann erledigt haben. Also setzte sich der 80-jährige Remscheider am Montag ans Telefon und drückte ein ums andere Mal die Wahlwiederholungstaste. „Von Punkt acht bis Viertel vor elf“, erzählt er, „dann folgte eine Bandansage.“ Nach einer weiteren Viertelstunde war die Enttäuschung perfekt: Aktuell seien keine Termine buchbar, erfuhr der Senior. Er möge es doch morgen wieder versuchen.

Wie Peter Spornberger erging es am Montag einigen der mehr als 8000 Remscheiderinnen und Remscheidern über 80 Jahre. Per Telefon gab es kein Durchkommen und das Impftermin-Portal im Internet brach kurzerhand zusammen. Die Folge: Bereits in den Morgenstunden meldeten sich zahlreiche verunsicherte und auch empörte Senioren bei der Stadt Remscheid. Dabei hat sie mit der Terminvergabe gar nichts zu tun.

Entsprechend deutlich reagierte Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz (SPD). „Die groß angekündigte Terminoffensive für den Impfstart der über 80-jährigen Menschen in den lokalen Impfzentren ab dem 8. Februar ist ein Desaster“, erklärte der OB. Und weiter: „Ich bin empört, wie hier mit den Menschen umgegangen wird. Es kann doch nicht sein, dass die Landesregierung die Terminvergabe vollmundig ankündigt und bereits nach kürzester Zeit alle Buchungsmöglichkeiten zusammenbrechen. Uns erreichen unzählige Beschwerden, denen wir machtlos gegenüber stehen. Nicht wir, sondern die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein verantwortet im Auftrag des Landes NRW die Coronaschutzimpfungen und damit auch die Terminvergaben vor Ort.“

„Das ist für viele alte Menschen viel zu kompliziert.“
Ralf Krüger, Seniorenbeauftragter

Die so gescholtene Kassenärztliche Vereinigung mit Sitz in Düsseldorf bat um Verständnis. 1200 Mitarbeiter sitzen an den Telefonen, um die Anrufe entgegenzunehmen. Die Gruppe der Impfberechtigten in Nordrhein-Westfalen umfasst annähernd eine Million und ist damit so groß, „dass es bei der Terminvergabe zumindest zum Start zu Engpässen kommt“. Die Online-Terminvergabe soll mittlerweile störungsfrei laufen. Am Morgen war laut Kassenärztlicher Vereinigung über 21 Millionen Mal auf das Buchungsportal zugegriffen worden. Angesichts solcher Zahlen bat Vorstandsvorsitzender Dr. Frank Bergmann um Geduld und versuchte, die Menschen zu beruhigen: „Jeder, der geimpft werden möchte, wird drankommen, aber eben nicht sofort.“

Mehr als trösten konnte auch Ralf Krüger am Montag nicht. In ihrer Verunsicherung wandten sich viele Senioren an den städtischen Seniorenbeauftragten und sein Team im Seniorenbüro am Markt. „Wir ermuntern die Menschen, es an den nächsten Tagen wieder zu versuchen“, sagt Krüge „Wir hoffen, dass sich der erste Ansturm dann gelegt hat.“ Kritik hat Krüger am Online-Verfahren: „Die Menschen tragen ihre Daten ein, dann bekommen sie einen Link zugeschickt, darunter öffnet sich ein QR-Code. Bei allem Respekt: Das ist für viele alte Menschen viel zu kompliziert.“

Im Landtag hat die SPD unterdessen eine Aktuelle Stunde zum „Impfchaos“ beantragt. „Ministerpräsident Armin Laschet und Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann müssen erklären, warum die Terminvergabe nicht funktioniert hat“, erklärt der Remscheider Abgeordnete Sven Wolf und will darüber hinaus wissen, wie es mit der Impfkampagne denn nun weiter geht.

Das würde auch Peter Spornberger gern erfahren. Der Senior hat nach seinen Erfahrungen längst Zweifel am Verfahren bekommen: „Wenn das schon mit der Terminvergabe nicht funktioniert, wie soll dann erst die Impfung stattfinden?“ 

Corona in Zahlen

Die Impfung der Altersgruppe „80 plus“ soll am 8. Februar beginnen. Die Stadt Remscheid erwartet dann 465 Impfdosen pro Woche. Bestimmt sind sie für rund 8300 Bürgerinnen und Bürger. Stand heute wird es deshalb Monate dauern, bis alle Menschen über 80 zwei Mal geimpft wurden.

Seit Beginn der Pandemie wurden 3284 Remscheider positiv auf das Coronavirus getestet. 119 Menschen sind verstorben. Am Montag blieb die Zahl der Todesfälle unverändert. 30 Covid-Patienten befinden sich im Krankenhaus, 6 von ihnen liegen auf der Intensivstation, 5 müssen beatmet werden.

Standpunkt

axel.richter@rga-online.de

Ein Kommentar von Axel Richter

Die Termin-Hotline ist dauerbesetzt, die Anmeldung per Internet für alte Menschen zu kompliziert. Der Auftakt zur Vergabe von Impfterminen ist eine Blamage. Für die Kassenärztliche Vereinigung, die die Vergabe im Auftrag der Landesregierung organisiert. Und nicht weniger für die Regierung selbst. Natürlich stoßen auch die größten Call-Center-Kapazitäten an ihre Grenzen, wenn Abertausende Menschen zur gleichen Zeit anrufen. Und natürlich lassen Millionen Zugriffe jede Website kollabieren. Allerdings geschah dies am Montag doch mit Ansage, denn dass die Nachfrage nach Impfterminen riesig sein würde, war absehbar. Ein gestaffeltes und möglicherweise von den Behörden vor Ort gesteuertes Anmeldeverfahren wäre deshalb angeraten gewesen. Stattdessen setzte das Land seine schon in der ersten Viruswelle beklagenswert schwache Krisenpolitik fort, überantwortete die Corona-Schutzimpfungen und damit auch die Terminvergabe der Kassenärztlichen Vereinigung und fuhr nach dem Informations- und PR-Desaster um den Impfbeginn am Montag auch den Anmeldestart zielgerichtet vor die Wand. Das ist nicht nur überaus peinlich, sondern auch gefährlich. Denn wer so mit den Menschen umgeht, der gewinnt sie nicht für sich. Und wer sie nicht für sich gewinnt, der gewinnt auch nicht den Kampf gegen das Virus.

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