Beratung sollte Recht sein, nicht Pflicht

Seit 150 Jahren gelten Schwangerschaftsabbrüche als Straftat

Psychologin Kerstin Hohs berät Frauen in der Beratungsstelle von Pro Familia. Der Paragraf 218 regelt, dass Schwangerschaftsabbrüche unter Strafe gestellt werden. Nur nach vorheriger Beratung ist eine Abtreibung gestattet. Foto: Doro Siewert
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Psychologin Kerstin Hohs berät Frauen in der Beratungsstelle von Pro Familia. Der Paragraf 218 regelt, dass Schwangerschaftsabbrüche unter Strafe gestellt werden. Nur nach vorheriger Beratung ist eine Abtreibung gestattet.

234 Frauen haben sich im vergangenen Jahr bei der Remscheider Beratungsstelle von Pro Familia zum Thema Schwangerschaftsabbruch beraten lassen.

Von Alexandra Dulinski

Remscheid. Teilweise kamen die Frauen mit Sorge, mit Angst, die Beraterin überzeugen zu müssen, berichtet Kerstin Hohs, Psychologin und Familientherapeutin.

Denn seit 150 Jahren gilt die Abtreibung als Straftat, steht seit 1871 im Strafgesetzbuch. Der Schwangerschaftsabbruch ist erst straffrei, wenn sich die Frau vorher beraten lässt. Das Gesetz zeigt aber Spuren bei den Schwangeren: „Die Frauen kommen im Zwangskontext“, sagt Kerstin Hohs. „Das macht etwas mit ihnen“, sagt sie. Denn viele hätten Angst vor dem Gespräch, das Gefühl, eine Straftat zu begehen. Hohs: „Wenn ich das Gefühl habe, die Beraterin überzeugen zu müssen, dass ich das Kind nicht bekommen kann, werde ich mich nicht öffnen.“ Denn nur mit einem Beratungsschein kann die Schwangere abtreiben lassen. Und genau darin sieht Kerstin Hohs den Knackpunkt: Dass die Beratung eine Pflicht ist. Vielmehr sind sie und ihre Kolleginnen für ein Recht auf Beratung. Die Pflicht werfe den Frauen Unmündigkeit vor. „Dahinter steckt die Aussage, dass es alleine ohne Beratung nicht klappt“, sagt Hohs. Nicht nur die Pflicht zur Beratung solle abgeschafft werden – auch sollte die Abtreibung nicht mehr im Strafgesetzbuch stehen.

Auch für Ärzte gelten beim Thema Schwangerschaftsabbruch Regeln. So dürfen sie auf ihrer Homepage nicht darüber informieren, wie eine Abtreibung abläuft. Zwei Remscheider Praxen stehen auf der Liste der Pro Familia. „Viele Ärzte fürchten Ablehnung und das Gefühl, stigmatisiert zu werden“, sagt Hohs. Die Versorgungslage in Remscheid sei mit zwei Praxen aber in Ordnung. „In dörflichen Gegenden müssen Frauen bis zu 150 Kilometer weit fahren“, sagt Hohs.

„Die Frauen kommen im Zwangskontext.“

Kerstin Hohs, Psychologin

Und ein weiteres Problem kommt hinzu: Es seien generell überwiegend ältere Ärzte, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen. „Das macht uns Sorgen. Wenn sie in Rente gehen, wird es Gegenden geben, die unterversorgt sein werden.“

Einer der Ärzte, der namentlich nicht genannt werden möchte, klärt auf: „Aus finanzieller Sicht ist eine Abtreibung in keiner Weise attraktiv“, sagt er. Der Eingriff werde nur gering bezahlt, decke kaum die Kosten. „Das ist kein Geschäftsmodell“, sagt er. Das Hauptproblem sei, überhaupt die Möglichkeit zu besitzen, ambulant zu operieren. Etwa 100 Abtreibungen nimmt er im Jahr vor. Angst, Lebensschützer auf den Plan zu rufen, habe er nicht. Vielmehr wünscht er sich, dass die Frauen die Möglichkeit bekommen, sich auf der Homepage der Praxis zu informieren.

Kerstin Hohs erklärt, dass sich gesellschaftlich etwas ändern müsse. „Ungewollt schwanger zu sein, sollte als etwas gesehen werden, das passieren kann“, sagt sie. Sie wünscht sich, dass die Stigmatisierung ein Ende findet – und die Frau das Recht bekommt, eine Schwangerschaft zu beenden. Würde der Paragraf 218, der die Abtreibung unter Strafe stellt, abgeschafft werden, sei das eine Mitteilung für die Gesellschaft.

Zu beurteilen, ob der Paragraf weiterhin im Strafgesetzbuch stehen sollte, findet Iris Nigbur, Beraterin bei der Diakonie Remscheid, schwierig. „Im Grundgesetz wird geregelt, dass jedes Leben gleich viel Wert ist“, sagt sie. Das Recht auf Leben sei ein Kernpunkt des Grundgesetzes. Sie befürchtet, dass die Gesetzeslage je nach politischer Neuausrichtung auch eher strenger ausgelegt werden könnte. Welchen Ausgang die Debatte haben wird, sei deshalb unklar.

Info

1017 Fälle mit 1613 Beratungen erfasste Pro Familia im vergangenen Jahr. In 337 Fällen ging es um Schwangerenberatung, 115 Mal war Beratung nach Geburt gewünscht, 112 Mal stand Familienplanung, Kinderwunsch und Verhütung im Vordergrund. Um Schwangerschaftskonflikte drehten sich 234 Fälle, Paar-, Sexual und Lebensberatung stand 131 Mal im Vordergrund. „Im Vergleich zum Vorjahr konnten keine Einbußen festgestellt werden“, resümiert das fünfköpfige Team.

Standpunkt: Längst kein Tabu mehr

Von Alexandra Dulinski

alexandra.dulinski@rga.de

Dass Frauen ein Recht auf Beratung haben, wenn sie mit dem Gedanken spielen, abtreiben zu lassen, ist wichtig. Denn sicher ist, dass keine Frau diese Entscheidung leichtfertig trifft – und in der Beratung können ihr Wege und Möglichkeiten aufgezeigt werden, ein Kind mit der Lebensplanung zu vereinbaren. Dennoch sollte jede Frau das Recht haben, straffrei über ihren Körper entscheiden zu können – ohne äußere Einflüsse. Denn mit Sicherheit gibt es Gründe, die für eine Frau gegen ein Kind sprechen. Die Medizin ist so fortgeschritten, dass sie Abtreibungen mehr oder weniger problem- und risikolos möglich macht. Und das ist gut. Das Thema sollte aber auch in der Gesellschaft kein Tabu mehr sein. Frauen dürfen nicht stigmatisiert und verurteilt werden. Aber wie so oft, gibt es auch beim Thema Schwangerschaftsabbruch kein Schwarz und Weiß, denn es wirft viele ethische Fragen auf. Solch eine Entscheidung sollte wohlüberlegt sein. Wer es aber bewusst darauf ankommen lässt, vielleicht sogar mehrfach ungewollt schwanger zu werden, gar mit dem Leben zu spielen, sollte Grenzen aufgezeigt bekommen.

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