Kostenlose Bürgertests

Schwarze Schafe schaden ganzer Branche

Das DRK betreibt ein Corona-Testzentrum in der alten Feuerwehrwache Mühlenstraße. Hier lässt sich Ulla Blanke gerade testen. Foto: Doro Siewert
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Das DRK betreibt ein Corona-Testzentrum in der alten Feuerwehrwache Mühlenstraße. Hier lässt sich Ulla Blanke gerade testen.

Seriöse Betreiber von Bürgertest-Zentren wissen: Den Glücksrittern geht es vor allem um den schnellen Euro

Von Sven Schlickowey und Axel Richter

Remscheid. Hin und wieder bekommt Jens Grabowski einen unschönen Anruf. Dann hat der Abteilungsleiter Rettungsdienst des Deutschen Roten Kreuzes, der auch das Corona-Bürgertest-Zentrum in Lennep betreut, enttäuschte Patienten am Apparat, die sich über nicht eingehaltene Datenschutzbestimmungen oder unfreundliche Mitarbeiter beschweren. „Da schluckt man natürlich erst mal“, sagt Grabowski. „Aber bisher hat sich noch immer rausgestellt, dass die Leute gar nicht in unserem Testzentrum waren.“

Berichte über Unregelmäßigkeiten und Ärgernisse gibt es immer wieder. Hinweise auf Betrugsfälle durch falsche Abrechnungen, wovon derzeit vielerorts berichtet wird, liegen dem Gesundheitsamt in Remscheid nicht vor. Doch auch hier sind in den vergangenen Wochen und Monaten die Testzentren nicht nur wie die sprichwörtlichen Pilze aus dem Boden geschossen; sie haben auch Glücksritter angelockt, denen es eher um einen schnellen Euro als um die Bekämpfung der Pandemie zu gehen scheint. Das merken auch die seriösen Anbieter.

Wie die Zentren abrechnen und ihre Leistungen dokumentieren, kontrolliert auch in Remscheid niemand

„Das bekommen wir schon vereinzelt berichtet“, sagt zum Beispiel Maren Lynen. „Da kriegen die Leute die Stäbchen in die Hand gedrückt und sollen sich selber testen, die Testverordnung wird nicht eingehalten oder das mit der Hygiene wird nicht so eng gesehen.“ Lynen, Mitglied der Geschäftsleitung bei der Apotheke im Allee-Center, betreibt eine Test-Stelle in dem Einkaufszentrum. In Absprache mit dem Center, um den Kunden das Einkaufen zu ermöglichen, wie sie sagt. Aber auch, um eigene Umsatzeinbußen auszugleichen: „Dadurch konnten wir Mitarbeiter aus der Kurzarbeit zurückholen.“ Praktischer Nebeneffekt: Es handelt sich um Fachpersonal.

Von solchen Umsätzen können andere derzeit nur träumen.

Dr. Frank Neveling, Amtsarzt über Umsätze von Testzentren

Doch in ihrem Bestreben, möglichst schnell eine Test-Struktur aufzubauen, hat die Landesregierung „nur Minimalstandards gesetzt“, erklärt Dr. Frank Neveling, Leiter des Remscheider Gesundheitsamtes. Eine Erklärung, dass die Mindeststandards, darunter ein Schnell-Kurs für die Mitarbeiter, eingehalten werden, reicht meist schon aus. Dafür sind die Verdienstmöglichkeiten gut: 12 Euro pro Abstrich, dazu 6 Euro Materialkosten und in vielen Fällen noch 1000 Euro pauschal pro Monat und Zentrum gibt es. Da kommen selbst kleine Testzentren schnell auf Umsätze deutlich über 20 000 Euro pro Monat. „Von solchen Umsätzen können andere derzeit nur träumen“, sagt Neveling.

Wie die Zentren abrechnen und ihre Leistungen dokumentieren, kontrolliert auch in Remscheid niemand. Die Amtsärzte haben dafür weder ein Mandat, noch haben sie die Zeit dazu. Nur einmal rückte Dr. Frank Neveling in ein Testzentrum aus: Nachdem in der alten Feuerwache Lüttringhausen reihenweise falsche Positiv-Ergebnisse zustandegekommen waren.

Tatsächlich tragen die Betreiber der Zentren nur die Zahl der Tests in ein Online-System ein – und schon fließt das Geld. Das bestätigt auch Jens Grabowski vom Roten Kreuz in Lennep. Dabei sei ein Nachweis eigentlich kein Problem: „Wir haben ja die Rechnungen für die Test-Kits.“ Und auch das verwendete Computer-System ermögliche das: „Bei uns wird jeder Test mit allen Daten erfasst, so dass wir fortlaufende Nummern haben.“ Maren Lynen von der Apotheke im Allee-Center hofft deswegen wenigstens auf spätere Gerechtigkeit: „Das wird am Ende alles rauskommen“, prophezeit sie. Schließlich seien alle Betreiber verpflichtet, die Daten einige Jahre aufzubewahren.

Hintergrund

Für die Zulassung von Corona-Teststellen ist in Remscheid das Gesundheitsamt zuständig, deren Kontrolle, zum Beispiel bei Beschwerden, müsste aber die Gewerbeaufsicht übernehmen. Die Abrechnung erfolgt wiederum größtenteils über die Kassenärztliche Vereinigung, die sich das Geld vom Land erstatten lässt. Als einziges Bundesland lässt sich NRW die Zahl der Tests auch direkt melden, so gibt es hier zumindest einen Überblick über die laufenden Kosten.

Standpunkt: Wundert sich da wer?

Kommentar von Axel Richter

axel.richter@ rga.de

90 000 Bürgertests auf Sars-CoV-2 sind bis heute in Remscheid vorgenommen worden. Von medizinischem Fachpersonal und von Personen, die einen Schnellkursus absolviert haben. Mit dem Ziel, möglichst rasch ausreichende Kapazitäten zu schaffen, hat das Land die Voraussetzungen für die Eröffnung von Testzentren bewusst niedrig gehalten. Dazu stellte es den Betreibern satte Gewinne in Aussicht, sorgte für eine großzügige Förderung aus Steuergeldern. Und vergaß darüber hinaus, irgendwen mit der Kontrolle dessen zu betrauen, welche Leistungen von den Betreibern eigentlich zur Abrechnung gebracht werden. Preisfrage: Wundert sich wer, dass bald an jeder Ecke ein neues Testzentrum aufgemacht wurde? Wundert sich wer, dass bald Anbieter für Testergebnisse sorgten, denen die nötige Ernsthaftigkeit abgeht? Und: Wundert sich wer, dass in etlichen Städten gegen diese und jene eilig gegründete Betreiberfirma heute wegen Betruges ermittelt wird? Immerhin: Über Letzteres liegen den Behörden in Remscheid keine Hinweise vor. Wobei das nicht viel heißen muss. Wo Abzocke nicht kontrolliert wird, fällt sie auch nicht auf.

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