16 000 Kinder kehren aus den Sommerferien zurück

Remscheider Schulen starten ohne Luftfilter ins neue Schuljahr

Martin Stanke, Teamleiter beim Gebäudemanagement, zeigt, dass die modifizierten Fenster in der Hauptschule Hackenberg sich nun weiter öffnen lassen. Das verbessert die Luftzirkulation. Nächste Woche sollen noch mobile Luftfiltergeräte kommen. Foto: Roland Keusch
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Martin Stanke, Teamleiter beim Gebäudemanagement, zeigt, dass die modifizierten Fenster in der Hauptschule Hackenberg sich nun weiter öffnen lassen. Das verbessert die Luftzirkulation. Nächste Woche sollen noch mobile Luftfiltergeräte kommen.
  • Axel Richter
    VonAxel Richter
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Geimpft und ungeimpft: Lehrer fürchten gespaltene Klassen. Erneut startet ein Schuljahr unter Corona-Bedingungen. Die Stadt Remscheid erläutert ihre Luftfilter-Strategie und warum es auf jeden Fall auch im Winter beim Stoßlüften bleibt.

Remscheid. Paulin kam 2020 in die Schule. In der Pandemie erlebte die Sechsjährige ihre Lehrerin mal in der Klasse, mal nur per Video am Computer daheim. In der Schule war die Maske ihr ständiger Begleiter. „Sie kennt es nicht anders“, sagt ihr Vater Karsten Neldner. Für das neue Schuljahr wünscht sich der Vorsitzende der Stadtschulpflegschaft Remscheid dennoch eins: dass es ohne das ständige Hin und Her zwischen Homeschooling und Präsenzphasen laufen kann.

In einer Woche sind sie vorbei, die Sommerferien in NRW. Dann kehren in Remscheid rund 16 000 Kinder und Jugendliche an ihre Schulen zurück. Und am 18. und 19. August begrüßen die Grundschulen knapp 1100 Erstklässler mit ihren Schultüten.

In Düsseldorf erklärte Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) am Freitag, wie sie sich den Neustart vorstellt. Nämlich wie vor den Ferien mit Präsenzunterricht, Tests und Maskenpflicht. Darüber hinaus sollen Filter die Luft in den Klassenräumen vom Coronavirus reinigen. In Remscheid wird es diese Geräte jedoch nur an einer Schule geben: an der Hauptschule Hackenberg, wo sich die Fenster nicht ausreichend zum Stoßlüften öffnen lassen.

Zu laut und zu hohe Anschaffungskosten: Luftfilter soll es nur in Klassenräumen geben, in denen die Fenster nicht geöffnet werden können

Den Grund dafür erläutert Thomas Judt, Leiter des städtischen Gebäudemanagements: „Luftreiniger, selbst die qualitativ hochwertigen, reinigen die Luft nur, wenn Fenster und Türen geschlossen sind. Damit füllen wir den Raum zugleich mit Kohlendioxid auf. Wir kommen um das Stoßlüften der Räume deshalb nicht umhin.“

Die teuren Geräte – für die 25 Geräte in Hackenberg rechnet Judt mit Anschaffungskosten von mehr als 100 000 Euro – müssen zudem unter Volllast fahren, wenn sie effektiv arbeiten sollen. „Das ist dann ungefähr so, als würden die Schüler an der Hauptstraße sitzen“, sagt der Gebäudemanager.

Die Stadt will die Reiniger deshalb nur in den Schulen zum Einsatz bringen, in denen Stoßlüften nicht möglich ist. Darüber hinaus setzt Oberbürgermeister Burkhardt Mast-Weisz (SPD) aufs Impfen. Die Berufsschulen will er nach den Ferien von der Feuerwehr mit einem Impfmobil ansteuern lassen und danach auch an den anderen Schulen fürs Impfen werben, wie er sagt. Dazu gilt die Ansage, über die der RGA gestern berichtete: Geimpfte Kinder müssen in Remscheid nach einem Coronafall in der Klasse nicht mehr in Quarantäne.

Das ist, als würden die Schüler neben der Hauptstraße sitzen.

Thomas Judt, Gebäudemanager

„Das wird an den weiterführenden Schulen zu Konflikten führen“, sagt Ute Brocke, Lehrerin an der Grundschule Hackenberg und Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Remscheid. Und zwar auch in der Klasse, wenn es außerdem um die Teilnahme an Klassenfahrten oder Ausflügen geht. Brocke fürchtet das gespaltene Klassenzimmer.

Dabei ist die Unsicherheit schon jetzt groß. Aus den Worten von Belinda Tillmanns, Schülerin der Sophie-Scholl-Gesamtschule und Mitglied des Jugendrates, spricht jedenfalls eine gewisse Sorge. „Viele achten nicht mehr darauf“, berichtet die 17-Jährige mit Blick auf ihre Altersgruppe und wünscht sich deshalb strengere Kontrollen, denn: „Es wäre schön, wenn Corona endlich vorbei wäre, aber das ist es nicht.“

Maske und Coronatests bleiben in Schulen Standard

Stattdessen sehen die Schulen mit Blick auf Reiserückkehrer und Deltavariante die vierte Welle auf sich zurollen. Die Maske und zwei Coronatests pro Woche bleiben deshalb Standard. Im Herbst und Winter werden die meisten Kinder- und Jugendlichen in Remscheid zum Impulslüften bei geöffnetem Fenster in warmer Kleidung in der Klasse sitzen.

Mehr als das fürchten Remscheids Elternvertreter mit wieder steigenden Coronazahlen eine Rückkehr zum Wechselunterricht. „Homeschooling kann die Unterrichtsstunde in der Schule nicht ersetzen“, sagt Stadtschulpflegschaftsvorsitzender Karsten Neldner. Und das liege nicht allein an der digitalen Unterversorgung der meisten Schulen. Die einen Lehrer verstünden es eben gut, per Video zu unterrichten, sagt Neldner. „Bei den anderen geraten die Kinder daheim in Vergessenheit.“

Hintergrund

Die Sieben-Tage-Inzidenz steigt in Remscheid erneut leicht an. Aktuell gelten 36 Menschen als infiziert. Dazu gibt es 799 Verdachtsfälle.

Seit Beginn der Pandemie wurden in Remscheid 6331 Menschen positiv auf das Coronavirus getestet. 178 sind verstorben.

Standpunkt: Paragraf 3, kölsches GG

Kommentar von Sven Schlickowey

sven.schlickowey @rga.de

Et hätt noch immer jot jejange, lautet Paragraf 3 des kölschen Grundgesetzes – und man kommt nicht umhin zu glauben, dass dieses Motto auch 35 Kilometer flussabwärts im NRW-Schulministerium vorherrscht. Corona begleitet uns seit bald eineinhalb Jahren, die Oster-, Sommer-, Herbst- und Weihnachtsferien sind bereits verstrichen, ohne dass man im Ministerium die Zeit genutzt hätte, sich auf die Situation danach einzustellen. Und auch diese Sommerferien werden zu Ende gehen, ohne dass es wirklich Neues gibt.

Zwar sind inzwischen die versprochenen Tests da, doch der vorgeschriebene Umgang damit und mit eventuell positiv getesteten Schülern ist bestenfalls als unpraktikabel zu bezeichnen. Ein vernünftiges Konzept für den Distanzunterricht, sollte die vierte Welle kommen, fehlt ebenso wie eines, mit dem man die Unterrichtsausfälle des Vorjahres kompensieren könnte. Wäre es nicht so traurig, man müsste fast lachen, wenn man bedenkt, dass die vorherige Landesregierung auch und vor allem wegen ihrer Schulpolitik abgewählt wurde.

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