Amt

Schiedsleute: Sie schlichten den Streit am Gartenzaun

Brigitte Hornbach ist die einzige Schiedsfrau in Remscheid. Sie übt das Amt bereits seit 27 Jahren in Lüttringhausen aus. In drei Jahren will sie das Feld räumen, sagt sie. Ralf Krüger ist Schiedsmann im Südbezirk.
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Brigitte Hornbach ist die einzige Schiedsfrau in Remscheid. Sie übt das Amt bereits seit 27 Jahren in Lüttringhausen aus. In drei Jahren will sie das Feld räumen, sagt sie.
  • Melissa Wienzek
    VonMelissa Wienzek
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Vier Schiedsämter gibt es in Remscheid – Ziel ist die außergerichtliche Einigung.

Remscheid. Da ist die türkische Großfamilie, die so oft grillt. Da ist die Eigentümergemeinschaft, die sich dafür ausspricht, dem gehbehinderten Senior einen Treppenlift einbauen zu lassen – bis auf eine Partei. Und da ist die junge Frau, die sich von ihrem Freund getrennt hat, aber alle Handyverträge seiner Familie laufen noch auf sie. Die Fälle, die Schiedsmann Ralf Krüger im Südbezirk beackert, sind vielfältig. Er weiß: „Es geht selten um den Baum, das Laub oder den Hund, sondern eher um eine tiefe menschliche Enttäuschung.“ Denn Nachbarschaftsstreitigkeiten beinhalteten ein hohes Maß an Emotionalität. „Aus Freunden werden plötzlich Feinde.“

Der 61-Jährige ist einer von vier ehrenamtlichen Schiedsleuten in Remscheid. Sie versuchen, bei Privatklagedelikten eine außergerichtliche Einigung der streitenden Parteien zu erzielen. Solche Delikte sind beispielsweise Hausfriedensbruch, Beleidigung, Verletzung des Briefgeheimnisses, leichte Körperverletzung, Sachbeschädigung. „Es weiß kaum jemand, dass wir auch das schlichten“, sagt Krüger. Das Schiedsamt ist aber auch Gütestelle für zivilrechtliche Streitigkeiten, zum Beispiel, wenn Bäume über die Grundstücksgrenze wachsen, bei Geruchs- oder Rauchbelästigung. Oder auch, wenn die Äpfel von Nachbars Baum im eigenen Garten landen.

In verschiedenen Fällen ist die Zivilklage sogar erst möglich, wenn vorher ein Schlichtungsversuch vor einer anerkannten Gütestelle durchgeführt wurde – bei einem Schiedsmann oder einer Schiedsfrau. Das Schlichtungsverfahren ist im Gegensatz zu einer Klage günstig: Die Gebühr für die Schlichtungsverhandlung beträgt 10 Euro, wird ein Vergleich geschlossen 25 Euro. Maximal 40 Euro kann die Schiedsperson erheben.

Etwa vier bis fünf Fälle im Jahr bearbeite er, sagt Krüger. Eigentlich sei es schade, dass das Schiedsamt so selten in Anspruch genommen werde, sagt der Diplom-Therapeut, der die Schlichtungsverhandlungen in seiner Praxis für Mediation und Begutachtung am Johann-Vaillant-Platz durchführt. „Eine neutrale Person mit offiziellem Anstrich kann die Gemüter viel besser beruhigen.“ Und je früher man über ein Problem spreche, desto besser. Aber auch Krüger gibt zu: Nicht alle Fälle kann er schlichten. „Es ist nicht jedes Problem lösbar. Und es gibt einfach auch boshafte Menschen.“

Er erinnere sich an einen typischen Fall aus einer Hofschaft. Ein Hinterlieger-Grundstück wechselte den Besitzer, es gab Zoff um das Wegerecht. Anlieger 1 ließ eine Mauer bauen, so dass Eigentümer 2 nicht mehr an sein Grundstück kam – nur noch über eine Treppenleiter. Selbst die Feuerwehr sei verwundert gewesen und bekannte: „Wenn es dort hinten einmal brennen sollte, müssen wir die Mauer wegrammen.“

Das Leben und leben lassen sei weniger geworden, findet der Schiedsmann. Rücksichtnahme sei heute oft ein Fremdwort. Die Fälle seien teils abstrus, meist aber emotional aufgeladen. „Ich habe das Schiedsamt völlig unterschätzt“, gibt Krüger zu. Dennoch sei es für ihn eine sinnhafte Arbeit. „Es sollte Menschen in unserer Gesellschaft geben, die dies tun.“

Ralf Krüger ist Schiedsmann im Südbezirk. Er ist Ende 2020 für fünf Jahre wiedergewählt worden.

So auch Brigitte Hornbach, die einzige Schiedsfrau Remscheids. Und am längsten von allen dabei. Seit 27 Jahren schon schlichtet sie kleinere Zwistigkeiten in Lüttringhausen. Ihr Amt übt sie im heimischen Büro aus – diese private Atmosphäre habe ihr schon manches Mal bei der Streitschlichtung geholfen, sagt sie. Jetzt, zu Corona-Zeiten, habe sie ihre Verfahren kurzerhand nach draußen verlegt. Da es ohnehin meist um Nachbarschaftsfälle am Gartenzaun gehe, sei das recht praktisch. „Außerdem schaue ich mir immer alles persönlich vor Ort an.“ Sie schreibe ihre Protokolle dann zu Hause, und die Klienten kommen nur noch zum Unterschreiben zu ihr in die Remscheider Straße 231 b. „Alle Leute sind froh, wenn wir es draußen machen. Auch die Rechtsanwälte.“ Denn die überwiesen die Parteien bei nachbarschaftlichen Zwistigkeiten zu ihr. „Wir sind die Vorstufe vom Gericht“, erklärt die leidenschaftliche Ehrenamtlerin. Auch wenn sie als Schiedsfrau keine rechtlichen Befugnisse habe.

„Meistens kriegen wir es am Ende hin, dass die Leute einsichtig sind.“

Brigitte Hornbach, Remscheids einzige Schiedsfrau

Etwa einen Fall pro Monat habe sie 2020 verhandelt, schätzt Brigitte Hornbach. Das größte Problem seien stets Gärten, Hecken, Sträucher. „Oft geht es aber auch um persönlichen Krach, um Beleidigungen“, sagt die Schiedsfrau. „Ich würde aber sagen: Meistens kriegen wir es am Ende hin, dass die Leute einsichtig sind.“ Die Lüttringhauser seien eben freundliche Menschen.

Warum sie vor 27 Jahren Schiedsfrau geworden ist, erklärt Brigitte Hornbach so: „Ich mag keine Streitereien. Schon als Kind hatte ich immer das Gefühl, man muss bei Streit eingreifen und helfen.“ Als das Amt in Lüttringhausen damals frei wurde, habe sie sich darauf beworben – mit Erfolg. „Mir macht es Spaß. Es wird nie langweilig. Aber in drei Jahren höre ich auf und überlasse das Amt einem Jüngeren“, sagt Hornbach.

Voraussetzungen

Ämter: Die Stadt Remscheid verfügt über vier Schiedsämter. Ziel ist die gütliche, außergerichtliche Schlichtung von Streitigkeiten, zum Beispiel Beleidigung, Sachbeschädigung, Nachbarschaftsstreit und Ähnlichem. Für die Schlichtungsverhandlung ist nach § 14 des Gesetzes über das Schiedsamt NRW die Schiedsfrau oder der Schiedsmann örtlich zuständig, in deren Schiedsamtsbezirk die Gegenpartei wohnt. Die Schiedsleute in den Bezirken:

Alt-Remscheid: Werner Fritzsche, Bogenstraße 9, 7 04 44

Südbezirk: Ralf Krüger, Lenneper Straße 6, Tel. 5 89 51 10

Lennep: Torsten Unshelm, Hittorfstraße 2, Tel. 66 64 78

Lüttringhausen: Brigitte Hornbach, Remscheider Straße 231 b, Tel. 5 41 52

Bewerbung: Wer sich als Schiedsperson engagieren möchte, erkundigt sich bei der Verwaltung, ob das Ehrenamt in absehbarer Zeit neu vergeben wird: Tel. 16 24 40. Spezielle Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Mitzubringen sind gesunde Menschenkenntnis, Lebenserfahrung, Geduld, die Fähigkeit zur Abfassung von schriftlichen Protokollen und Vergleichen. Zeitlich sollten Interessierte zehn Stunden im Monat einplanen. Die Bezirksvertretung wählt die Schiedsperson auf fünf Jahre. Eine Wiederwahl ist möglich.

www.schiedsamt.de

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