Krieg in der Ukraine

Remscheid schickt Hilfskonvoi nach Polen - Stadt rechnet mit 130 Flüchtlingen

Zahlreiche Geflüchtete aus der Ukraine sind in den vergangenen Wochen im Bergischen Land angekommen. Foto: Christian Beier
+
Zahlreiche Geflüchtete aus der Ukraine sind in den vergangenen Wochen im Bergischen Land angekommen. Polen hat bislang rund zwei Millionen Ukrainer aufgenommen.
  • Frank Michalczak
    VonFrank Michalczak
    schließen
  • Axel Richter
    Axel Richter
    schließen

Hunderte Kriegsflüchtlinge sind in Masuren gestrandet: Partnerstadt bittet um Feldbetten, Stromaggregate, Decken. Die Remscheider Stadtverwaltung will auch die Wohlfahrtsverbände stärker in die Arbeit des Krisenstabs einbinden.

Von Axel Richter

Remscheid. Es ist ein verzweifelter Hilferuf aus Polen, den die Stadt Remscheid erreichte: „Auf dem Gebiet des Kreises Mragowo befinden sich derzeit Hunderte ukrainischer Bürger, die nach Flucht oder Vertreibung einen Ort suchen, der vor dem Krieg geschützt ist“, schreibt Barbara Kuzmicka-Rogala. Die Landrätin des alten Kreises Sensburg in Ostpreußen braucht dringend: Notstromaggregate, Feldbetten, Decken und Lebensmittel, um die Kriegsflüchtlinge zu versorgen. Am Wochenende soll Remscheid der erste Hilfskonvoi in Richtung Mragowo verlassen.

Annähernd 700 Kilometer sind es vom ukrainischen Lemberg über Lublin und Warschau bis in die Woiwodschaft Ermland-Masuren. Dort liegt die Stadt Mragowo, das frühere Sensburg ist eine der Partnerstädte Remscheids. Und Partnerschaft ist jetzt gefragt. Denn während in Remscheid bislang 270 Flüchtlinge aus der Ukraine eingetroffen sind - übrigens die Hälfte davon Kinder -, zählt die Landrätin von Mragowo davon bereits ein Vielfaches.

Wir müssen jetzt zeigen, was Europa bedeutet.

Thomas Neuhaus, Koordinator des Hilfskonvois aus Remscheid

Vor allem Frauen, Kinder und alte Menschen sind in Mragowo gestrandet. Die Polen versuchen, die Flüchtlinge menschenwürdig unterzubringen. Doch es fehlt am Nötigsten: Auch Bettwäsche, Schlafsäcke und Hygieneartikel werden dringend gebraucht. Die Liste ist längst nicht vollständig.

Dass der Einmarsch der russischen Truppen ins Nachbarland eine riesige Flüchtlingsbewegung in Gang setzen würde, war absehbar. Bereits unmittelbar nach Kriegsbeginn hatte Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz (SPD) deshalb Hilfe aus Remscheid angeboten. Barbara Kuzmicka-Rogala zögerte nicht lange. „Dank der bisherigen Zusammenarbeit und guten Beziehungen wage ich es, um sachliche Hilfe zu bitten“, schreibt sie und dankt den Remscheidern schon jetzt für ihre „Solidarität in dieser einzigartigen Angelegenheit“.

Thomas Neuhaus, Sozialdezernent und Leiter des Corona-Krisenstabes, wurde nun auch noch Koordinator des geplanten Hilfskonvois aus Remscheid. Gerade ist er auf der Suche nach Feldbetten. „Fünf habe ich schon“, sagt er und ist freilich sicher, dass er bis zum Starttermin noch viele weitere zusammenbekommt.

Eine Projektgruppe hilft ihm beim Fundraising. Der ehemalige Moskau-Korrespondent und Kall-nit-Talker Horst Kläuser ist dabei, der frühere Gesundheitsamtschef Dr. Frank Neveling, Florian Schäfer von der Diakonie, Rechtsanwalt Norbert Springob, der Stadtmitarbeiter Adam Biniasch als Übersetzer, Rainer Morteln vom Roten Kreuz, Ralf Barsties von der Arbeit Remscheid und viele andere.

Hilfstransport bringt Sachspenden nach Polen

Letztlich aber kommt es auf die Remscheiderinnen und Remscheider an. Bei der Arbeit Remscheid können sie Sachspenden abgeben. Weitere Hilfsgüter werden gezielt eingekauft. Dazu können die Bürgerinnen und Bürger Geld spenden. Der Evangelischen Kirchenkreis Lennep hat dazu ein Konto eingerichtet.

So können Sie nun helfen

Bereits am Wochenende soll der erste Hilfstransport nach Ostpreußen aufbrechen. Neuhaus will den Transport begleiten und mit ihm weitere Mitglieder der Remscheider Projektgruppe. „Wir garantieren, dass die Sachen direkt bei den hilfsbedürftigen Menschen in Mragowo ankommen“, versichern sie den Bürgerinnen und Bürgern.

Thomas Neuhaus kennt Mragowo als Patendezernent und auch von privaten Reisen nach Masuren. Ende des Zweiten Weltkrieges flohen von dort viele Menschen vor der anrückenden Roten Armee und fanden später in Remscheid ein neues Zuhause. Die Landschaft ist schön, zudem erlebte Polen in den vergangenen Jahren einen wirtschaftlichen Boom. „Doch nach wie vor leben dort viele Menschen von nicht mehr als 500 Euro im Monat“, erzählt Neuhaus. Der Landkreis Mragowo stehe mit den Flüchtlingsströmen aus dem Nachbarland „vor einer riesigen Herausforderung.“

Deshalb appelliert der Koordinator des Konvois aus Remscheid an die Bürgerinnen und Bürger: „Wir müssen jetzt zeigen, was Europa bedeutet und was Städtepartnerschaft bedeutet“, sagt er: „Das ist mehr als gegenseitige Delegationsbesuche. Jetzt ist die Zeit der europäischen Solidarität.“

Ukraine-Flüchtlinge: Barbara Reul-Nocke findet die Hilfsbereitschaft „einfach großartig“.

Helfen

Sachspenden: Stromerzeuger, Betten, Bettwäsche, Schlafsäcke, Körperpflegeprodukte, Lebensmittel können montags bis freitags von 10 bis 13 Uhr im Spendenlager der Arbeit Remscheid gGmbH abgegeben werden. Zufahrt über die Straße Am Bruch 14.

Geldspenden: Für Geldspenden wurde beim Evangelischen Kirchenkreis Lennep ein Spendenkonto eingerichtet: IBAN: DE02 3506 0190 1010 2080 21 Verwendungszweck: 361600 Mragowo. Das Geld wird zur Beschaffung der benötigten Hilfsgüter eingesetzt.

Stadt rechnet für die kommenden Tage mit der Zuweisung von 130 Flüchtlingen

Von Frank Michalczak

Die Zahl der Ukraine-Geflüchteten, die in Remscheid ankommen, wird in den nächsten Tagen vermutlich stark ansteigen: OB Burkhard Mast-Weisz rechnet mit einer Zuweisung von 130 Menschen. Von 15 war noch Ende der vergangenen Woche die Rede. Hauptaufgabe sei es, allen ein Dach über dem Kopf zu geben. „Wir wurden vom Land aufgefordert, sämtliche Optionen zu prüfen – von Sammelunterkünften, Wohnungen bis zu Hotels“, erklärt Mast-Weisz. Zudem werde weiterhin geprüft, ob die Sporthalle Hölterfeld als Quartier dienen kann. „Wenn dies nicht infrage kommt, müssen wir auf eine andere Halle ausweichen.“ In der Erstunterkunft sollen Geflüchtete nach Möglichkeit nur wenige Tage leben.

Unterdessen will der OB die Wohlfahrtspflege stärker in die Arbeit des Krisenstabs einbeziehen. „Ich bin sehr dankbar für all die Hilfsangebote.“ In einem ersten Schritt soll der Sprecher der Initiativen an einer Sitzung der Arbeitsgruppe „Soziale Betreuung“ des Krisenstabs teilnehmen. Für die kommende Woche will Mast-Weisz zudem die Verbände zu einer Konferenz einladen. „Wir müssen die Unterstützung koordinieren und möglichst effektiv sein.“ Dabei macht der OB keinen Hehl daraus, wie sehr ihn das Leid der Menschen bewegt, die aus der Ukraine vor dem Krieg flohen. Bei seiner Berlin-Reise letzte Woche habe er am Hauptbahnhof zahlreiche Frauen und Kinder gesehen, denen der Schrecken ins Gesicht geschrieben war. „Sie waren erschöpft, ihr Blick war leer. Es waren Menschenmassen.“

Standpunkt: Die Remscheider helfen

Ein Kommentar von Axel Richter

axel.richter@rga.de

270 Ukraine-Flüchtlinge hat Remscheid bereits aufgenommen. Die meisten sind auf eigene Faust nach Deutschland gekommen und bei Familienangehörigen untergekommen. 130 weitere Kriegsflüchtlinge werden in Kürze erwartet. Für sie muss die Stadt sorgen. Wenig deutet darauf hin, dass die Zahl der Menschen absehbar abnimmt, die ihre ukrainische Heimat verlassen. Mit anderen Worten: Die Remscheider werden in diesem verdammten Krieg noch vielen Ukrainern helfen müssen. Haben wir damit nicht genug zu tun? Ja, das haben wir. Allerdings sind andere Länder schon aufgrund ihrer geografischen Lage und den verwandtschaftlichen Beziehungen der Menschen dies- und jenseits der Grenze noch viel mehr gefordert. Aus guten Gründen muss man von der polnischen Regierung in Warschau nichts, gar nichts halten. Die polnische Bevölkerung indes legt im Umgang mir ihren ukrainischen Nachbarn eine beispielgebende Herzlichkeit an den Tag. Sie verdient deshalb unsere Unterstützung. Die Städtepartnerschaft mit Mragowo dürfte den meisten Remscheidern wenig sagen. Aber die Menschen, die dort um Hilfe rufen, werden die Remscheider nicht im Stich lassen.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Unwetter: Wetterdienst gibt Vorwarnung für Remscheid heraus
Unwetter: Wetterdienst gibt Vorwarnung für Remscheid heraus
Unwetter: Wetterdienst gibt Vorwarnung für Remscheid heraus
Knallkörper lösen Großeinsatz der Polizei an der Honsberger Straße aus
Knallkörper lösen Großeinsatz der Polizei an der Honsberger Straße aus
Knallkörper lösen Großeinsatz der Polizei an der Honsberger Straße aus
9-Euro-Ticket: Das gilt es zu beachten
9-Euro-Ticket: Das gilt es zu beachten
9-Euro-Ticket: Das gilt es zu beachten
Corona: Weiterer Todesfall in Remscheid - Inzidenz sinkt leicht
Corona: Weiterer Todesfall in Remscheid - Inzidenz sinkt leicht
Corona: Weiterer Todesfall in Remscheid - Inzidenz sinkt leicht

Kommentare