Landesweites Projekt

Sana-Klinikum: Anonyme Spurensicherung soll 2021 starten

Dieses Jahr konnte das Projekt wegen Corona noch nicht umgesetzt werden. 2021 soll aber auch in Remscheid die anonyme Spurensicherung (ASS) an den Start gehen – so wie in vielen anderen Städten auch. Das Sana-Klinikum Remscheid hat sich dazu bereiterklärt. Foto: Roland Keusch
+
Dieses Jahr konnte das Projekt wegen Corona noch nicht umgesetzt werden. 2021 soll aber auch in Remscheid die anonyme Spurensicherung (ASS) an den Start gehen – so wie in vielen anderen Städten auch. Das Sana-Klinikum Remscheid hat sich dazu bereiterklärt.

Fachberatungsstelle und Sana-Klinikum bauen das landesweite Projekt derzeit in Remscheid auf.

Von Melissa Wienzek

Remscheid. Eine sexuelle Gewalttat hinterlässt äußerliche und innere Spuren. Nicht jedes Opfer traut sich, darüber zu sprechen, sich jemandem anzuvertrauen. Die Scham ist oft groß. Und wenn, dann meist erst mit zeitlicher Verzögerung. Dementsprechend hoch ist die Dunkelziffer bei diesen Fällen.

Opfer von sexuellen Gewalttaten – es sind meist Frauen – , die sich medizinisch untersuchen lassen möchten, können sich künftig dem Sana-Klinikum Remscheid anvertrauen. Unter dem Titel „Deine Entscheidung“ wird derzeit landesweit das Projekt zur anonymen Spurensicherung (ASS) auf den Weg gebracht. Auch in Remscheid ist dies gerade im Aufbau. Wegen Corona verzögert sich derzeit die Einführung. Vermutlich Anfang 2021 geht das Projekt auch in Remscheid an den Start. Die Ärzte sind bereits geschult, die Untersuchungssets sind da.

Für Frauen, die Opfer von sexueller Gewalt werden, ist nach der Tat oft die Anzeige des Täters ein weiterer schwerer Schritt. Damit diese Erfolg haben kann, sind jedoch Beweise wichtig. Die ASS soll jetzt ein Weg sein, Frauen dabei zu helfen. Das einheitliche System verbessere die Strafverfolgung und die Befunddokumentation, erklärt Conny Schulte vom Opferschutz in der Region Bonn/Rhein-Sieg, die das Modell auf den Weg gebracht hat. Und dies soll nun landesweit umgesetzt werden. Dabei können die Kommunen von den Erfahrungen der Experten aus Bonn profitieren.

In Remscheid arbeiten das Sana-Klinikum, die Fachberatungsstelle gegen sexuelle Gewalt Indigo und der Runde Tisch gegen häusliche Gewalt bei diesem Thema eng mit weiteren Beratungsstellen in der Stadt zusammen. Auch die Polizei ist im Boot. Gemeinsam wird ein übergreifendes Hilfsnetzwerk aufgebaut. „Remscheid ist noch ein blinder Fleck auf der Karte, was die ASS betrifft. Es wird Zeit“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, Christel Steylaers. „Wir sind dem Krankenhaus dankbar, dass es sich dazu bereiterklärt.“

„Abwehrspuren haben eine hohe Aussagekraft für eine Gerichtsverhandlung.“
Dr. Maria Mensching, Psychologin

Die ASS läuft wie folgt ab: Der Patient meldet sich nach einem sexuellen Übergriff zur Untersuchung im Klinikum. Der diensthabende Assistenzarzt wird informiert. Dieser ist übrigens nicht verpflichtet, Straftaten an die Polizei zu melden – nur, wenn Gefahr für Leib und Leben besteht. Bei Kindern und Jugendlichen wird bei einer drohenden Kindeswohlgefährdung das Jugendamt informiert. Das Opfer wird untersucht – Spuren werden gesichert.

Dafür steht der jeweiligen Klinik ein sogenanntes Spurensicherungsset im Koffer zur Verfügung. Dieses enthält unter anderem Abstrichtupfer, Verpackungstüten für Kleidung, Blutentnahmeset, Urinbecher, Dokumentationsbogen, Farbbogen und Broschüren von den lokalen Beratungsstellen. K.o.-Tropfen sind beispielsweise nur kurze Zeit im Blut nachweisbar. Anders sieht es bei Spuren am Körper, zum Beispiel unter Fingernägeln, aus. „Abwehrspuren haben eine hohe Aussagekraft für eine mögliche Gerichtsverhandlung“, erklärt Psychologin Dr. Maria Mensching, die die ASS in Bonn mitentwickelt hat. Der Arzt, der speziell geschult wurde, zeigt dem Opfer auf, wo es Hilfe bekommt.

Anonym bedeutet: Die Spuren werden mit Chiffrenummer beim Chefarzt gelagert und dann mittels Kurier in die Rechtsmedizin gebracht. Bis zu zehn Jahre können die Beweismittel dort gelagert werden. Der Betroffene entscheidet, ob es zur Anzeige kommt. Wenn, dann sind die Beweise schon einmal an einem sicheren Ort. Der Zeitgewinn kann so den Druck aus der Notlage nehmen.

Hintergrund

Seit 2015 können regionale Kooperationen zur ASS in Nordrhein-Westfalen Fördermittel des Landes erhalten. Die Förderung verfolgt das Ziel, bereits bestehende Kooperationen zu unterstützen und Neugründungen von ASS-Netzwerken in bisher nicht versorgten Gebieten zu ermöglichen. Die Arbeit dieser Netzwerke zur ASS wird dabei regional unterschiedlich finanziert und zum Teil auch mit erheblichem ehrenamtlichen Einsatz ermöglicht.

Rund drei Prozent der Frauen in Deutschland wurden im Frühjahrs-Lockdown zu Hause Opfer körperlicher Gewalt, 3,6 Prozent wurden von ihrem Partner vergewaltigt. Und in 6,5 Prozent aller Haushalte wurden Kinder gewalttätig bestraft.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Badebetrieb im Freibad Eschbachtal endet vorzeitig
Badebetrieb im Freibad Eschbachtal endet vorzeitig
Badebetrieb im Freibad Eschbachtal endet vorzeitig
Corona: Corona-Hilfe für Vereine - Inzidenz sinkt auf 13,5
Corona: Corona-Hilfe für Vereine - Inzidenz sinkt auf 13,5
Corona: Corona-Hilfe für Vereine - Inzidenz sinkt auf 13,5
Nach Unfall mit hohem Sachschaden: Die L 74 ist wieder frei
Nach Unfall mit hohem Sachschaden: Die L 74 ist wieder frei
Nach Unfall mit hohem Sachschaden: Die L 74 ist wieder frei
Fluten schädigen die Ökosysteme langfristig
Fluten schädigen die Ökosysteme langfristig
Fluten schädigen die Ökosysteme langfristig

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare