Noch wird gesammelt

Hilfstransporte: „Das kommt auch da an, wo es hin muss“

Am Sonntag brechen David Schiwietz und seine Mitstreiter wieder auf, noch wird gesammelt. Benötigt werden haltbare Lebensmittel und medizinisches Material. Fotos: Michael Schütz
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Am Sonntag brechen David Schiwietz und seine Mitstreiter wieder auf, noch wird gesammelt.

Remscheider organisieren private Hilfstransporte in die Ukraine.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. „Wenn ich jetzt darüber rede, bekomme ich direkt wieder Gänsehaut“, sagt David Schiwietz als er über seine Erlebnisse der vergangenen Tage berichtet. Von Sonntag bis Mittwoch war er mit einem privaten Hilfstransport in der Ukraine unterwegs. Eine körperlich anstrengende und emotional aufwühlende Tour, wie er sagt: „Da fallen dir wildfremde Menschen um den Hals, als ob sie dich schon seit Jahren kennen würden“, schildert er die enorme Dankbarkeit, sagt aber auch: „Man trifft Menschen, von denen man nicht weiß, ob die zwei Tage später noch leben.“ Trotzdem, oder gerade deswegen, geht es am Sonntag wieder los.

Am Sonntag brechen David Schiwietz und seine Mitstreiter wieder auf.

Vor kaum mehr als einer Woche war der 33-jährige Remscheider von Freunden angesprochen worden, ob er nicht helfen könne. Gustav Schäfer, Drummer der Band Tokio Hotel, und David Friedrich, bekannt aus diversen Realityshows, waren auf der Suche nach Energy-Drinks für die Helfer vor Ort. Schiwietz, Gründer und Geschäftsführer von Pure Energy in Bergisch Born, steuerte nicht nur einige Tausend Dosen bei, sondern stieg auch mit seinem Firmenfahrzeug und einem Mitarbeiter in die Aktion ein.

Mit drei Transportern machte sich der Konvoi schließlich auf den Weg. Viele Hilfsgüter habe man aus Deutschland mitgenommen, sagt David Schiwietz, andere unterwegs gekauft. In einem polnischen Supermarkt habe man eine ganze Euro-Palette Windeln abgenommen, außerdem große Mengen Äpfel und Bananen. „Und wir haben jeden Obi unterwegs auf der Suche nach Stromaggregaten abgeklappert.“ In Przemysl im Süd-Osten Polens überquerte der Konvoi mit Hilfe des dortigen Landrats die Grenze in die Ukraine und übergab die Ware an einheimische Helfer: „Das kommt auch wirklich da an, wo es hin muss.“

Remscheid zeigt sich solidarisch mit der Ukraine - So können Sie jetzt helfen

Möglich sei das nur dank guter Kontakte vor Ort, sagt Schiwietz. Seine und Friedrichs Familien stammen aus Polen, die beiden können sich vor Ort verständigen. Wirklich gelernt habe er die Sprache seiner Eltern als Kind nicht, gibt der 33-Jährige zu: „Aber als es sein musste, wurde mein Polnisch immer besser.“ So habe man im Vorfeld auch erfahren, was vor Ort wirklich benötigt werde: „Hundefutter und T-Shirts sind vielleicht gut gemeint, die Menschen brauchen aber etwas anderes.“

Auch ein anderer Remscheider Hilfskonvoi bringt Spenden zu den Flüchtlingen.

Auch andere Remscheider engagieren sich. Am Montag war ein Konvoi aus fünf Transportern, organisiert von den Firmen Famag und Geldsetzer, aufgebrochen. Am kommenden Wochenende fährt eine private Initiative nach Nyíregyháza an die ungarisch-ukrainische Grenze, um Hilfsgüter an die dortige Caritas zu übergeben.

Benötigt werden haltbare Lebensmittel und medizinisches Material.

Er sei absolut überwältigt von der enormen Hilfsbereitschaft, berichtet Janos Wagner, einer der Organisatoren. Viele Menschen würden ihre Spenden lieber kleinen privaten Initiativen anvertrauen, ist er überzeugt: „Da weiß man, dass jeder Cent ankommt.“ Doch ein solcher Transport brauche eine gute Vorbereitung, mahnt Wagner. Durch Verwandte in Ungarn nahm er Kontakt mit der Caritas und einem evangelischen Geistlichen aus Bayern, der mit einem Team vor Ort ist, auf. „Das war uns ganz wichtig, das wir eine Anlaufstelle haben.“

Zumal der Grenzübertritt Richtung Ukraine nicht ohne Gefahr ist, wie David Schiwietz sagt. Die meisten ukrainischen Polizisten seien im Krieg gegen die Russen, das Vakuum, das sie jenseits der Grenze hinterlassen, habe zum Teil die Mafia gefüllt. Und die halte auch bei Hilfstransporten die Hand auf.

Hundefutter und T-Shirts sind vielleicht gut gemeint, die Menschen brauchen aber etwas anderes.

David Schiwietz über Sachspenden

Abhalten kann Schiwietz das aber nicht. Am Sonntag geht es wieder los, in Magdeburg stößt Gustav Schäfer dazu, David Friedrich ist derzeit noch in Polen und bringt Flüchtlinge von der Grenze ins Landesinnere. Er könne gar nicht anders, sagt David Schiwietz: „Nachdem wir da waren und das alles selbst gesehen haben, müssen wir wieder dahin und helfen.“

Hintergrund

Das Team von Pure Energy dokumentiert den Hilfstransport über das soziale Netzwerk Instagram, darüber kann man auch Kontakt aufnehmen, wenn man sich beteiligen möchte . Alternativ ist das auch per Telefon möglich, Tel. (01 73) 3 15 69 19.

In Remscheid koordiniert der Krisenstab „Ukraine“ den Zustrom von Flüchtlingen.

Standpunkt: Helfen tut gut

Ein Kommentar von Sven Schlickowey

sven.schlickowey@rga.de

Private Hilfstransporte in ein Krisengebiet sind sicherlich ein durchaus zweischneidiges Schwert. Schlecht vorbereitet können sie vermutlich mehr schaden als nutzen. Doch wer weiß, was die Menschen dort wirklich benötigen, dies besorgen kann und Kontakte vor Ort hat, kann effektiv helfen. Und – zumindest gefühlt – viel unmittelbarer als die großen Hilfsorganisationen. Vielen Menschen ist wichtig, dass sie wissen, was aus ihrer Spende wird. Das Gefühl, wirklich etwas bewegen, wirklich helfen zu können, ist halt ein schönes. Und wenn selbst der Schlagzeuger eine Pop-Gruppe und ein Reality-Show-Teilnehmer, Menschen also, denen man wohl nicht ganz grundlos einen gewissen Hedonismus vorwirft, sich in diesem Maße engagieren, zeigt das ja, wie tief dieser Wunsch in uns Menschen verankert ist. Alle, die sich bisher zurückgehalten haben, müssen sich nicht grämen: In den kommenden Monaten wird es auch hier vor Ort jede Menge Gelegenheiten für gute Taten geben.

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