Interview der Woche

Fritz Beinersdorf: „Rot-Rot-Grün ist immer eine Option“

„Ich möchte, dass wir unsere Sitze ausbauen von drei auf vier“: Fritz Beinersdorf (75), Fraktionschef von Die Linke. Foto: Roland Keusch
+
„Ich möchte, dass wir unsere Sitze ausbauen von drei auf vier“: Fritz Beinersdorf (75), Fraktionschef von Die Linke.

Der RGA spricht mit den Kandidaten für die Oberbürgermeisterwahl: Fritz Beinersdorf tritt für die Linke an.

Das Gespräch führte Sven Schlickowey

Herr Beinersdorf, Sie bewerben sich für das Amt des Oberbürgermeisters. Würden Sie gewählt, wären Sie am Ende Ihrer Amtszeit 80 Jahre alt. Wollen Sie sich das wirklich antun?

Fritz Beinersdorf: (lacht) Sie wissen ja genauso gut wie ich, dass ich als OB-Kandidat nur deswegen antrete, weil ich auf diese Art und Weise die Politik meiner Partei bestens in die Medien und in die Diskussion bringen kann. Das war bei der 2014er Wahl der Fall, und das ist bei der jetzigen Wahl sicher genauso.

Sie wirken allerdings auch wie jemand, dem das darüber hinaus Spaß macht.

Beinersdorf: Aber sicher macht das Spaß. Es ist immer wieder interessant, wie schlecht das Gedächtnis mancher Mitbewerber ist, wenn es um Beschlüsse des Rates geht und was in diesen Beschlussvorlagen steht. Es macht Spaß, sie daran zu erinnern.

Was sagen Sie Menschen, die meinen, dass Kandidaturen von eher aussichtslosen Kandidaten wie Ihre nur das Risiko von Stichwahlen erhöhen?

Beinersdorf: Demokratie lebt von Vielfalt. Und diese Vielfalt wird unter anderem auf diese Art und Weise gewährleistet. Es gibt genügend Menschen, die gerne den Fritz Beinersdorf oder auch einen anderen Mitbewerber als Oberbürgermeister sehen wollen. Und diese Menschen müssen eine Chance haben, das darzustellen.

Dann lassen Sie uns einen Blick auf den Stadtrat werfen. Aktuell hat die Linke drei Sitze, im Rat davor auch schon. Was ist Ihr Ziel für die nächste Ratsperiode?

Beinersdorf: Ich möchte, dass wir unsere Sitze ausbauen, also einen dazu bekommen. Das wird natürlich schwierig unter den momentanen Umständen. Aber man muss dran arbeiten. Und ich bin guter Dinge, denn bei den Themen, die zu bearbeiten sind, haben wir sehr gute Angebote für die Menschen zu machen.

Wie zufrieden sind Sie mit der derzeitigen Kommunalpolitik in Remscheid?

Beinersdorf: Mit Politik zufrieden zu sein, ist schon eine ganz schwierige Aufgabe. Wir haben in Remscheid, leider, muss ich sagen, so eine Angewohnheit, dass viele Dinge gerne zerredet werden, wenn sie vom politischen Gegner kommen. Das gilt für alle und ist natürlich hinderlich. Da bin ich sehr unzufrieden mit der Politik in Remscheid. Es gibt aber immer auch wieder gute Gemeinsamkeiten. Und wenn es dem Bürger nutzt, dann sind wir dabei.

Sie sprachen gerade von den Angeboten Ihrer Partei. Was sind die wesentlichen Themenfelder der Linken in den nächsten Jahren?

Beinersdorf: Im Prinzip haben wir drei Schwerpunkte: Sozialpolitik, Ökologie, die beiden Dinge darf man übrigens nicht voneinander trennen, auch wenn daraus gerne einen Gegensatz konstruiert wird, und der dritte Punkt ist die Partizipation der Bürgerinnen und Bürger, also die Frage, wie sie sich an den politischen Entscheidungsfindungen mit beteiligen können.

Aber im Bereich Partizipation gibt sich die Stadt doch schon Mühe, von Bürgerwerkstätten bis zum Probesitzen auf möglichen Bänken für die Alleestraße.

Beinersdorf: Das sehe ich ein bisschen anders. Denn wir haben auch sehr viele Bürgerbefragungen, die missbraucht werden. Die erste Befragung, die so missbraucht wurde, die nenne ich gerne, weil es auch ein Schwerpunktthema unserer Partei ist, das war die Bürgerbefragung zum DOC: Gemacht wurde sie für ein DOC an der Blume, nun wird sie für ein DOC in Lennep angewendet. Das geht nicht. Das ist Betrug am Bürger. Ein anderes Beispiel sind Scheinbeteiligungen. Auch da ein Beispiel: Für den Umbau des Friedrich-Ebert-Platzes ist ein Verfahren gewählt worden, das dem Rat insgesamt nicht exakt erläutert wurde, sonst hätte der Rat dem vermutlich nicht zugestimmt. So aber ist eine Bürgerbeteiligung quasi unmöglich gemacht worden, weil eine Jury bestimmte. Alles andere, was später angeboten wurde, kann getrost als Scheinbeteiligung bezeichnet werden.

Noch mal zurück zur Anzahl Ihrer Sitze im Rat: Bis vor kurzem konnten Sie neben Ihrer Stammwählerschaft auf zahlreiche Stimmen aus Lennep hoffen, nämlich von DOC-Gegnern. Inzwischen ist klar, dass der Verein Echt Remscheid mit Ihrer ehemaligen Parteifreundin Bettina Stamm antritt und dabei auch auf die Stimmen der DOC-Gegner schielen dürfte.

Beinersdorf: Die Demokratie ist bunt und breit, so etwas gehört einfach dazu. Das kann uns wahrscheinlich ein paar Stimmen kosten. Auf der anderen Seite ist es ja so, dass der Vorsitzende der Bürgerinitiative in Lennep für uns kandidiert. Da muss man also schauen, wer die besseren und zugkräftigeren Argumente hat. Und es wird auch auf die Person ankommen. Frau Stamm war in der Bürgerinitiative ja auch nicht unumstritten.

Wenn wir in den aktuellen Rat schauen, hat Rot-Rot-Grün 26 von 52 Stimmen, zusammen mit dem OB könnte man also fröhlich durchregieren. Warum ist es zu diesem Bündnis in Remscheid nie gekommen? Lag das nur am DOC?

Beinersdorf: Es sind zwei Themen, die dazu geführt haben, dass es nicht zu Rot-Rot-Grün gekommen ist. Das ist einmal das DOC. Das ist aber auch die Frage des Haushalts. Wir sind immer, wenn im Haushalt im Sozial- und im Personalbereich gekürzt wird, dagegen. Wir würden einen Haushalt nur mittragen, wenn das nicht passiert. Auch hier ein Beispiel: Für eine Ersparnis von 26 000 Euro wurde am Markt das Jugendcafé RIC geschlossen. Das hat aber Folgen gehabt, die wesentlich teurer waren. Nicht nur für unseren Haushalt, sondern zum Beispiel auch für das Allee-Center, wo sich nun die Jugendlichen, die manchmal nicht wissen, wohin mit ihrer Kraft, treffen.

Bleiben wir noch kurz beim DOC: Das ist doch politisch längst Gewissheit und kann nur noch vom Gericht gestoppt werden.

Beinersdorf: Die politischen Beschlüsse sind längst gefasst, gegen unseren Willen. Aber wenn es kommt oder kommen sollte, sage ich lieber, dann muss man klar machen, wie die Folgen aussehen. Wir haben jetzt schon durch das Fällen von Bäumen Negativerscheinungen beim Mikro-Klima in Lennep. Und das wird sich noch verstärken, wenn wir da zweieinhalb Millionen Autos hinzubekommen. Und wir werden an einigen Knotenpunkten große Verkehrsprobleme bekommen. Das werden wir kritisch begleiten.

Wenn wir aber davon ausgehen, dass die Frage, ob das DOC kommt, nicht mehr in Remscheid, sondern vom Gericht in Münster beantwortet wird, wäre Rot-Rot-Grüne eine Option für nach der Wahl.

Beinersdorf: Rot-Rot-Grün ist eigentlich immer eine Option. Wenn man sich auf vernünftige Dinge einigt. Man muss sich auf bestimmte Dinge einigen, die man gemeinsam macht. Daneben wird es immer auch Punkte geben, die man nicht gemeinsam macht. So ist das ja jetzt auch bei der derzeitigen Ampel-Koalition. Da haben die Grünen oder die FDP ja auch zu bestimmten Dingen eine andere Ansicht als die SPD. Das wäre dann eine Frage der Verhandlungen, worauf man sich einigt. Wir haben in unserem Programm klare Forderungen. Und wir würden versuchen, davon so viel wie möglich unterzubekommen.

Stellen Sie sich vor, Sie wären nach der Wahl an einem solchen Bündnis beteiligt und könnten sich einen Punkt aus Ihrem Wahlprogramm aussuchen, der absolut sicher umgesetzt wird, welcher wäre das?

Beinersdorf: Auweia. Auf diese Frage ist es schwierig zu antworten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man mit einem einzelnen Punkt alles abdecken kann. Das geht nicht. Die Dinge greifen doch alle ineinander. Wenn ich zum Beispiel für mehr Grün im Stadtbild bin, weiß ich das die TBR dann möglicherweise weniger Geld für die Müllbeseitigung hat. Gerade bei uns in der Kommune muss man die Dinge immer in der jeweiligen Abhängigkeiten und Zusammenhängen sehen.

Zur Person: Fritz Beinersdorf

Fritz Beinersdorf ist 75 Jahre alt, geschieden und Rentner. Er stammt aus Remscheid. Der Sohn einer kinderreichen Familie (mit zehn Geschwistern) ist von Beruf Destillateur, hat aber die längste Zeit seines Berufslebens für ein mittelständisches Remscheider Unternehmen im Außendienst gearbeitet, Zulieferbetrieb im Bereich Gas und Wasser. Für den Deutschen Verein des Gas- und Wasserfachs (DVGW) ist er heute noch ehrenamtlich tätig. Beinersdorf war Gründungsmitglied von Die Linke im Juni 2007. Privat liebt er Literatur, hat stets ein offenes Auge für bildende Kunst, besucht deshalb gerne Museen in NRW.

Am 13. September wird gewählt – unsere gesamte Berichterstattung zur Kommunalwahl 2020 finden Sie hier.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Brand in der Eberhardtstraße: Zwei Wohnungen unbewohnbar
Brand in der Eberhardtstraße: Zwei Wohnungen unbewohnbar
Brand in der Eberhardtstraße: Zwei Wohnungen unbewohnbar
Busbahnhof: Umbau soll im Oktober starten
Busbahnhof: Umbau soll im Oktober starten
Busbahnhof: Umbau soll im Oktober starten
Corona: Inzidenz bei 5,4 - Sterberate in Remscheid steigt um 9,2 Prozent
Corona: Inzidenz bei 5,4 - Sterberate in Remscheid steigt um 9,2 Prozent
Corona: Inzidenz bei 5,4 - Sterberate in Remscheid steigt um 9,2 Prozent
Impfparty kommt in Remscheid gut an
Impfparty kommt in Remscheid gut an
Impfparty kommt in Remscheid gut an

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare