Interview der Woche

Rosemarie Stippekohl (CDU): „Wir planen uns in Remscheid zu Tode“

„Es blieb keine Zeit mehr für mich“: Rosemarie Stippekohl (CDU) hat aus familiären Gründen ihr Ratsmandat niedergelegt. Foto: Michael Schütz
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„Es blieb keine Zeit mehr für mich“: Rosemarie Stippekohl (CDU) hat aus familiären Gründen ihr Ratsmandat niedergelegt.
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Rosemarie Stippekohl (CDU) über ihren Abschied aus der Politik und was in dieser Stadt besser laufen muss.

Das Gespräch führte Axel Richter

Frau Stippekohl, Sie sind seit 22 Jahren in der Remscheider Kommunalpolitik aktiv. Erst im vergangenen Jahr haben Sie sich wiederwählen lassen. Warum geben Sie jetzt alles auf?

Rosemarie Stippekohl: Mir fehlt die Zeit. Meine Mutter ist 88 Jahre alt und pflegebedürftig. Sie soll ihr Haus mit Garten nicht verlassen müssen. Im vergangenen Jahr konnte sie alles noch alleine machen. Heute geht das nicht mehr. Dann habe ich zwei Enkel in Gießen, und ich bin die einzige Oma, die sie noch haben. Auch die brauchen mich, das hat uns das vergangene Corona-Jahr gezeigt.

Inwiefern?

Stippekohl: Mein Sohn und seine Frau sind Psychotherapeuten und waren in den Lockdowns doppelt und dreifach gefragt. Also kamen die Kinder in die Betreuung. Der Sechsjährige war gerade in die erste Klasse gekommen. Da wurde mit den Kindern aber nicht viel gemacht. Stattdessen sollten sie sich Lernvideos angucken. Und wenn sie die nicht verstanden haben, dann sollten sie sich die Lernvideos nochmal angucken. Das können Sie mit einem Sechsjährigen nicht machen. Der Junge war völlig hilflos und hat uns nur traurig angeguckt. Da habe ich gesagt: Jetzt machen wir Oma-Schule. Ich bin also regelmäßig hingefahren und wir haben den Stoff dann gemeinsam gepaukt.

Da blieb für die Politik in Remscheid nicht mehr viel Zeit.

Stippekohl: Es blieb keine Zeit mehr für mich. Ich bin jemand, der macht etwas entweder ganz oder gar nicht. Wenn ich einem Gremium angehöre, dann nehme ich an jeder Sitzung teil. Und zwar vorbereitet, das heißt, ich kenne auch alle Unterlagen. Das erfordert viel Zeit. Ich habe also lange hin und her überlegt und dann eine Entscheidung getroffen.

Was hat Sie in die Politik geführt?

Stippekohl: Ich bin gewissermaßen in die CDU hineingeboren worden. Mein Großvater war Bürgermeister in Ayl an der Saar. Dort bin ich zur Welt gekommen. Mein Cousin ist dort heute Bürgermeister. Ende der 90er-Jahre kam dann in Remscheid Fritz Heuser auf mich zu und sagte, so ginge es nicht weiter in der Remscheider CDU. Da seien ja nur Männer drin. Also trat ich ein. Eine Frau in der Politik waren die Männer dort aber nicht unbedingt gewöhnt. Es hat durchaus etwas gebraucht, bis ich akzeptiert war. 1999 wurde ich dann in den Stadtrat und in die Bezirksvertretung Alt-Remscheid gewählt.

Sie waren 22 Jahre für die CDU in den unterschiedlichsten Funktionen und Gremien tätig. Was hat Ihnen am meisten Spaß gemacht?

Stippekohl: Ich habe immer gern mit den Menschen gesprochen, auch in der Sache diskutiert. Dabei ist es nicht immer leicht, Verständnis zu erzeugen, wenn sich die Dinge in die Länge ziehen.

In Remscheid ziehen sich viele Dinge in die Länge.

Stippekohl: Ja, wir planen uns zu Tode. Die Innenstadt und der Friedrich-Ebert-Platz sind dafür nur ein Beispiel. Vor sieben Jahren erreichte uns die Nachricht, dass wir 15 Millionen Euro in die Innenstadt investieren können. Was haben wir bis heute hinbekommen? Zehn sichtbare Bänke auf der Allee. Oder schauen Sie nach Lennep. Ich kann verstehen, dass die Leute sauer sind, weil sich auf der Kölner Straße nichts getan hat. Oder schauen Sie nach Lüttringhausen. Über die Kreuzung Eisernstein reden wir seit 20 Jahren.

Und die Menschen wenden sich enttäuscht von der Politik ab.

Stippekohl: Ja. Wobei die Politik nicht allein die Verantwortung dafür trägt. Die häufigen Wechsel im Baudezernat haben der Entwicklung der Stadt enorm geschadet. Aber natürlich: Die Menschen machen sich Gedanken, beteiligen sich an Bürgerwerkstätten. Dann werden die Pläne wieder umgeschmissen, alles verzögert sich und am Ende stehen zehn Bänke da, aber immer noch keine Terrasse für die Alte Bismarckstraße. Das macht die Menschen unzufrieden, das zerstört Vertrauen in Politik und Verwaltung.

In Ihrer Partei lief allerdings auch nicht immer alles rund. 2014 legten Sie nach einem internen Streit alle Parteiämter nieder. Hat das für Ihre Rücktrittsentscheidung noch eine Rolle gespielt?

Stippekohl: Nein. Das war damals ein reinigendes Gewitter, wie es manchmal nötig ist. Damit war die Sache erledigt.

Worum ging es?

Stippekohl: Es gab damals einige Kollegen, die sind mir zu sehr auf die Nerven gegangen. Ich habe danach gesagt: Wenn Ihr alles besser wisst, dann macht auch die Arbeit. Dabei hat sich einmal mehr eine Erfahrung bestätigt: Wenn Menschen arbeiten müssen, sehen sie die Dinge plötzlich ganz anders.

Stichwort Arbeit: Wer wird eigentlich Ihr Nachfolger in Rat und Bezirksvertretung?

Stippekohl: Im Rat rückt Susanne Pütz für mich nach und in der Bezirksvertretung Monika Hein.

Und der CDU bleiben Sie erhalten?

Stippekohl: Ja, natürlich. Wir haben in der Innenstadt mit Roland Gedig, Francesco Lo Pinto und Christoph Wieber ein junges Führungsteam, mit dem ich mich hervorragend verstehe.

Wird Ihnen die Politik fehlen?

Stippekohl: Zu Anfang vielleicht ja. Auf die Dauer auf keinen Fall. Dafür habe ich außerhalb der Politik zu viel zu tun. Jetzt zum Beispiel. Ich bin handwerklich einigermaßen begabt. Deshalb fahre ich jetzt nach Gießen. Ich habe den Enkeln versprochen, dort noch etwas für sie zu erledigen.

Zur Person

Rosemarie Stippekohl (66) kam im Alter von vier Jahren von Ayl an der Saar nach Remscheid. Der Vater hatte als Polier Arbeit in Remscheid gefunden. Rosemarie Stippekohl arbeitete als Industriekauffrau bei Hazet. 1999 wurde sie erstmals in den Stadtrat gewählt. 2015 starb ihr Mann Norbert Stippekohl, der sich wie sie in der Kommunalpolitik engagierte. Ganz Familienmensch widmet sie sich heute Mutter, Sohn, Schwiegertochter und Enkeln. Markus Kötter, Vorsitzender der CDU-Ratsfraktion, verabschiedete sie mit persönlichen Worten: „Liebe Rosi, Du warst und bist eine tolle Kollegin und ein Vorbild für alle diejenigen, die Kommunalpolitik mit Herz und Verstand machen.“

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